Original: Perl oder Pica
Regie: Pol Cruchten
Darsteller: Ben Hoscheit, Andre Jung
Laufzeit: 90min
FSK: ab 6 Jahren
Genre: Drama (Luxemburg)
Filmstart: 25. Dezember 2008
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Es wäre Zeit für Übergänge und Veränderung: achtzehn Jahre ist es nun her, dass die luxemburgische Kleinstadt Esch sur Alzette von den Nazis befreit worden ist. Norbi Welscheid ist zwölf und steht kurz vor dem Eintritt ins Gymnasium, er ist seinen Kinderhemden entwachsen und voller Neugier auf das Leben, das sich ihm langsam auftut. Er ist der jüngste Spross einer ganz normalen Familie der frühen sechziger Jahre: die Mutter ist Hausfrau und sorgt liebevoll für das Wohl der Ihren, der Vater, ein kleiner Geschäftsmann, verkauft Papier- und Spielwaren und zu seinem großen Stolz auch Schreibmaschinen.
Er ist ein gläubiger Mann und ein Groschenzähler. Ein Vater, der - gefangen in den Tabus seiner Zeit - seine Werte dem Sohn auch mit der stets griffbereiten Gerte vermittelt. Respekt vor der Intimsphäre der eigenen Kinder, das ist für seine Generation noch ein Fremdwort, davon kann Norbis 16-jährige Schwester Josette ebenso ein Lied singen wie er selbst, der trotz morgens immer wieder in einem nassen Bett aufwacht.
Unter Gleichaltrigen weiß Norbi sich zu behaupten, er stellt sich den Raufereien, auch wenn er der Schwächere ist, er wird gehänselt, weil er manchmal als Messdiener den Pfarrer begleitet, kann sich aber schnell Respekt verschaffen, wenn er Zigaretten ausgibt, Bonbons mitgehen lässt, verbotene Filme im Kino ansieht oder mit der roten Jacke seiner Tante aus Amerika alle in den Schatten stellt. Was die Jungen seines Alters einem gemeinsamen Schicksal unterwirft, ist der Lehrer Treines, ein autoritärer Sadist, der die Kinder auf das Gymnasium vorbereiten soll und dabei sein perverses Machtgehabe ausleben kann.
Pol Cruchten erzählt das Abenteuer vom Großwerden in einer Kleinstadt, das nicht immer einfach ist, in einer verklemmten Gesellschaft, die sich weder vom Phantom der Nazis noch der Scheinmoral des Katholizismus emanzipiert hat, die ihrer heranwachsenden Generation keine Antworten auf die drängendsten Fragen zu geben vermag, weil sie in dicke Schichten des Schweigens gehüllt sind. In seiner Unwissenheit allein gelassen, schreitet Norbi eines Tages zur Tat. Angestachelt durch einen älteren Jungen, über dessen Eltern und deren Nazivergangenheit getuschelt wird, beschmiert er die Geschäftsvitrinen seines eigenen Vaters mit dem Wort „Gielemännchen“ (Kollaborateur).
Erst die Bestürzung, mit der seine Eltern und die Nachbarschaft reagieren, lässt ihn ahnen, welch heikles Thema er berührt hat. Und als Norbi für seine Tat einsteht, greift der Vater wider Erwarten nicht zum Stock, sondern beginnt einzusehen, dass sich sein Sohn intuitiv selbst das Tor zum Erwachsenwerden aufgestoßen hat und Veränderungen in Gang geraten sind, die er nur noch begleiten, aber nicht mehr aufhalten kann.