Original: Sandheden om maend | Truth about Men
Regie: Nikolaj Arcel
Darsteller: Thure Lindhardt, Tuva Novotny
Laufzeit: 95min
FSK: ???
Genre: Drama, Komödie (Dänemark)
Filmstart: 18. Oktober 2012
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Mads ist ein Mann der Worte. Er schreibt Geschichten. Ereignis, Wendepunkt, Auflösung – die Geschichten sind höchst erfolgreich, gerade weil sie einem klaren Muster folgen, weil ihre Auflösung immer schon im Krisenmoment enthalten ist. Mads ist auch ein Mann der Kontinuität. Er lebt in einer Beziehung mit einer wunderschönen, erfolgreichen Frau, Marie. Seit vielen Jahren sind sie ein Paar, wohnen zusammen, haben gemeinsame Freunde, die Kinderplanung steht an. Das Schöne ist – dank der Aufklärungsvideos seiner Mutter, eine Sexualtherapeuthin, ist Mads auch ein hervorragender Liebhaber.
Mads ist auch ein Mann der Ordnung – das Subversionsbegehren jüngerer Tage hat sich gelegt, Steuern werden gezahlt. Das Leben verläuft in regelmäßigen Bahnen. Bis eines Tages die schöne Ordnung gewaltig ins Stocken gerät. Einer seiner besten Freunde bricht vor Mads Augen zusammen: Herzinfarkt. Ob er aus dem Koma jemals wieder aufwacht, weiß niemand. Von so einem Ereignis könnte sich Mads als Autor eigentlich eine Scheibe abschneiden – wenn es ihm nicht so existentiell vor Augen führen würde, wie verletzlich der dünne Mantel der Wirklichkeit ist, die uns umgibt und die wir sonst für so unantastbar halten. Mads wird den Verdacht nicht los, dass auch sein Leben nicht mehr als eine gewaltige Gewohnheitsmasse ist, die in jedem halbherzig hingeschriebenen Roman für größere Aufregung sorgt. Die Geschichten, die er selbst schreibt, erscheinen ihm als fade Musterbildung, die Kontinuität in seinem Leben kommt ihm wie freudlose Routine vor.
Die plötzliche Umnachtung seines Freundes wird für Mads zum Wendepunkt. Er möchte wieder ein Mann der Taten sein, ein Leben führen, in dem noch nicht alle Fragen beantwortet, alle Unsicherheiten beseitigt sind. Und vor allem möchte er nicht das Leben seiner Eltern führen. Diese ewige Wiederholung des immer gleichen – es muss doch auch anders gehen.
Mads will, er muss raus aus der Falle, die sich Leben nennt, aber Alltag ist. Besonders viel Erkenntnisschmerz verursacht ihm die Diskrepanz zwischen jugendlichen Lebensträumen und der Realität, die er sich gebaut hat. Es fehlen die Höhepunkte, das Drama im täglichen Einerlei. Mads will den radikalen Bruch – vor allem auch in seiner Arbeit als Autor. Die Welt aus harmlosen Wendepunkten, Auflösungen und in ihrer Impotenz schmissigen Lebenskrisen will er hinter sich lassen. Es kommt ihm brutal vor, das Leben in einem Käfig aus Ereignissen, Krisen und Auflösungen zu fassen. Und trotzdem geschieht genau das – er selbst ist einer der Agenten dieses Musters und er lebt es - obwohl es nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Mads schmeißt das bezahlte Schablonen- Schreiben. Er möchte etwas zu Papier bringen, das tatsächlich Wahrheit enthält: Krisen, die unauflösbar, Ereignisse, die nicht beschreibbar, Leidenschaften, die singulär und ohne Beispiel sind. Der gleichen Logik unterstellt er sein Privatleben. Mads trennt sich von seiner Freundin. Er will alles neu machen.
Umzug in eine neue Wohnung, neue Ideen, neue Lieben. Er wirft sich in einen Reigen der Affären. Er spürt Lærke auf, die große Liebe seiner Schulzeit, ein geheimnisvolles Mädchen, das über die Jahre zum Inbegriff unerfüllter Sehnsüchte wurde. Doch es stellt sich heraus, dass die einst unerreichbar Schöne ganz prosaisch auf dem Boden der Tatsachen gelandet ist wie so viele andere auch: Kinder, keine Familie, Depression, Therapie. Mads ist schockiert und sucht schleunigst das Weite. Er verabredet sich mit unfassbar vielen Frauen, gibt sich die gnandenlose Single-Dosis und erlebt so ernüchternde wie skurrile Dates. Dann begegnet ihm die junge Künstlerin Julie.
Mads verliebt sich Hals über Kopf. Sein ganzes Leben dreht sich fortan nur noch um sie. Die beiden leben eine wunderschöne Weile das kostbare Glück des Verliebtseins. Sie ziehen sogar zusammen, doch kaum ist die Einweihungsparty überstanden, als das Muster zuschlägt, dem Mads seine Befreiung zu verdanken hatte: Julie eröffnet ihm, dass sie nach Berlin gehen und dort Kunst studieren will. Mads ist tief getroffen: könnte eventuell der Bruch mit dem System schon selbst Teil des Systems sein? Nicht nur der erbitternde Liebeskummer rafft ihn dahin, sondern auch die Erkenntnis, dass die Wahrheit nicht einfach nur jenseits der Routine liegt. Sie gibt es vielleicht an einem ganz anderen, unerreichbaren Ort, von dem sich Mads gar keine Vorstellung machen kann. Vielleicht ist die wahre Liebe nur im inneren des Musters wirklich zu Hause. Mads erinnert sich an das stabile Beziehungsglück mit seiner Exfreundin Marie. Er trifft sich mit ihr, um alles wieder ins Reine zu bringen. Doch Marie ist glücklicher seit ihrer Trennung und zögert auch nicht, ihm das unmissverständlich klar zu machen. Mads verfällt in eine bodenlose Depression. Die Suche nach dem einzig wahren Glück beginnt von vorn.