Regie: Lucy Walker
Darsteller: ?????
Laufzeit: 107min
FSK: ab 6 Jahren
Genre: Abenteuer, Sport, Dokumentation (Großbritannien)
Filmstart: 10. Januar 2008
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Ein packender Dokumentarfilm vor der atemberaubenden Kulisse des Himalaja: Sechs blinde tibetische Teenager besteigen das größte Bergmassiv der Welt. Sie sind Schüler an der von der ebenfalls blinden deutschen Projektinitiatorin Sabriye Tenberken und ihrem holländischen Lebensgefährten Paul Kronenberg gegründeten Schule für Blinde in Lhasa. Sabriye erzählt ihren Schülern von der Bezwingung des Mount Everest durch den blinden amerikanischen Bergsteiger Erik Weihenmayer und löst damit Jubel aus. Nach einem Briefwechsel treffen sich Sabriye Tenberken und Erik Weihenmayer, der begeistert ist von ihrem Projekt „Braille Without Borders“ und von der „starken Frau“. Gemeinsam entwickeln sie den Plan zu einer Expedition auf den 7100 Meter hohen Lhakpa Ri, ein Nebengipfel an der Nordseite des majestätischen Mount Everest. Die britische Dokumentarfilmerin Lucy Walker begleitet die Schülerinnen und Schüler bei der Vorbereitung und dem beschwerlichen Aufstieg zum Gipfel des Lhakpa Ri. Um die persönliche und gesellschaftliche Situation der Kinder begreiflich zu machen, sind ihre Lebensgeschichten parallel zur Handlung montiert.
Die beiden Mädchen Sonam Bhumtso (15) und Kyila (18), die Jungen Dachung (14), Gyenshen (17) und Tenzin (15) werden im Kontext ihrer Familien gezeigt. Das einstige Bettelkind Tashi (19) findet mithilfe des Filmteams im Süden Chinas seine Familie wieder, die ihn als Kind verkauft hat. Es wird schmerzlich bewusst, dass blinde Menschen, gerade auch Kinder, in Tibet als Ausgestoßene gelten, von Dämonen besessen, stigmatisiert durch eine angebliche schreckliche Tat in ihrem früheren Leben und entsprechend mitleidslos behandelt werden. An der Blindenschule lernen sie eine speziell von Sabriye Tenberken entwickelte tibetische Blindenschrift, Englisch – und Selbstvertrauen. „Wir sind zwar blind – aber nicht unsere Herzen“, sagt einer der Schüler.
Im Herbst 2004 treffen die Teenager endlich mit Erik Weihenmayer zusammen, die Expedition „Climbing Blind“ startet. Nach einem durch Mönche erteilten Segen fühlen sich alle gestärkt und geschützt – die Kinder, Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg, Erik Weihenmayer, das Filmteam, darunter fantastische Kameramänner ohne Höhenangst, und die anderen Bergsteiger, die als Führer der Kinder agieren. Nach einer gewissenhaften Vorbereitungszeit, in der die Kinder lernen, sich zu bewegen, ihre Rücksäcke zu packen und mit der Ausrüstung umzugehen, steht dem Aufbruch nichts mehr im Weg. Ein langer Zug tastet sich durch das unwegsame Gelände. Geröll rutscht unter den Füßen weg, der Steinschlag irritiert, oft ist es rutschig und nicht einfach zu laufen. Der Begleiter läuft jeweils anderthalb bis zwei Meter voraus und hat eine Glocke am Rucksack oder am Stock. Die Blinden folgen mit zwei Teleskop-Trekingstöcken, mit denen sie die Balance halten und den Weg mit seinen Rändern abtasten. Die Verbindung zum Guide ist der Klang der Glocke, ein weiterer Orientierungspunkt die Schritte des Vordermannes. So erreicht die Gruppe das Everest-Basislager in 5200 Meter Höhe, wo sie eine Zeltstadt mit Schlaf-, Küchen- und Computerzelt erwartet.
Nach vier Tagen Ruhe beginnt der eigentliche Aufstieg, die große Herausforderung. Höchste Konzentration wird von allen gefordert und erwartet. Die Anspannung aller liegt förmlich in der Luft. Links und rechts des Pfades Abgrund, Steinbrocken donnern vorbei, Sonne und Kälte, das Ausloten von persönlichen physischen und psychischen Grenzen gehen an die Substanz. Überanstrengung und Angst wirken sich auf die Stimmung aus. Nun werden die Prioritäten der Beteiligten zum Thema.
Für das Team der Bergsteiger um Erik Weihenmayer zählt die Eroberung des Gipfels. Für Sabriye Tenberken, die für die Schüler verantwortlich ist, steht das ganz persönliche Erlebnis, die ganz persönliche Erfahrung der Expedition und die Gemeinschaft und Solidarität im Vordergrund. Sehr selbstbewusst diskutiert Sabriye mit dem Team das weitere Vorgehen, die Kamera ist ständig dabei – auch wenn offensichtlich nicht immer Meinungskonsens besteht. Sabriye spricht sich dagegen aus, die Kinder auf den Gipfel zu zwingen. Ihr Ziel ist es, ihnen Natur und Landschaft sinnlich erfahrbar zu machen. Aber die Zeit drängt wegen eines drohenden Wetterumschwungs; so bleibt nur ein kurzer Moment des Durchatmens, wenn Paul einen Stein auf die Eisfläche des Sees in einer Gletscherbucht wirft und damit eine ganz neue Geräuschkulisse erschafft. Es heißt „weiter, weiter“.
Im Höhenlager auf 6555 Meter zeigen zwei Mädchen ernsthafte Krankheitserscheinungen, und Tashi kann nichts mehr trinken. Das bedeutet Abstieg und Enttäuschung. Eine Zäsur setzt ein. Sabriye bedauert, dass sich nicht alle gemeinsam für den Abstieg entschlossen haben – als Zeichen der Solidarität. Verdrängte Konflikte brechen auf, einer der Bergführer wirft Sabriye vor, ihm nicht zu trauen, sie führt die Überforderung der Kinder an. Und trotzdem: „Wir haben 99 Prozent geschafft, das ist auch schon etwas.“
In diesem Moment möchte auch der Zuschauer am liebsten schreien: „Was ist mit den Kindern? Wer fragt sie, wie es ihnen geht?“
Die Expedition wird abgebrochen, der Druck fällt von den Kindern und Sabriye ab. Doch unweit des Gipfels taucht ein neues „Ziel“ auf. Am Rande eines Gletscherfeldes beginnen die Blinden, die Welt des Eises zu erforschen. Sie tasten sich an einen „Eispalast“ heran, berühren kleine und große Türme, erforschen kleine und große Gänge, testen Löcher und dünne Scheiben aus Eis, streicheln Figuren in unterschiedlichsten Formen und märchenhafte Eiszapfen, lassen unter Eispickeln das Eis zersplittern – ein wunderschöner Klang.
Die haptische Erfahrung macht sie glücklich. Wenn sie ihren Namen als Erinnerung in den Schnee schreiben, ist das ein wehmütiges Adieu, eine bald verwehte Spur. Aber auch ein Zeichen: Wir waren hier. Die Kinder erreichen den Gipfel nicht, lernen aber die Kraft von Freundschaft und Solidarität kennen und verstehen, dass auch eine „Niederlage“ ein Erfolg sein kann.