Schalit und Hunderte Palästinenser frei

18. Oktober 2011, 21:00 Uhr · Quelle: dpa

Tel Aviv/Gaza (dpa) - Blass, nahezu gespenstisch abgemagert, aber überglücklich: Nach mehr als fünf Jahren in den Händen der radikal-islamischen Hamas ist der israelische Soldat Gilad Schalit frei.

«Natürlich habe ich meine Familie am meisten vermisst, aber auch meine Freunde», bekannte der sichtlich aufgeregte 25-Jährige in einem ersten Interview mit dem ägyptische Fernsehen. Im Zuge des größten Gefangenenaustauschs im Nahen Osten seit einem Viertel Jahrhundert Jahren entließ Israel die ersten 477 von 1027 palästinensischen Häftlingen in die Freiheit. Jubel, Freudenschüsse und Tränen auch bei deren Familien im Gazastreifen und im Westjordanland.

Politiker weltweit zeigten sich erleichtert nach der Freilassung Schalits. Wie bei Bundeskanzlerin Angela Merkel mischte sich in die Freude auch die Hoffnung auf baldige Fortschritte im Nahost-Friedensprozess. Nach 13 Monaten Eiszeit wollen sich Israel und die Palästinenser am 26. Oktober erstmals wieder zu indirekten Friedensgesprächen mit Hilfe eines Vermittlers treffen.

Als der 25-Jährige erstmals nach 1941 Tagen Gefangenschaft am Dienstagabend wieder in seinen Heimatort Mizpe Hila zurückkehrte, bildeten tanzende und singende Menschen ein Spalier. Israel durchlebte am Dienstag einen der größten emotionalen Momente seiner Geschichte. Und dann übertrug das Fernsehen die mit großer Spannung erwarteten ersten Bilder des Freigelassenen. Schalit lächelte, wirkte aber scheu. Die Augenringe waren nicht zu übersehen, ebenso die eingefallenen Wangen und die schlackernde Uniform. Dennoch war der freigelassene Soldat nach Angaben der israelischen Armee insgesamt bei guter Gesundheit.

Die Armee hat ihm wegen seiner langen Geiselhaft den Status eines Kriegsinvaliden verliehen. Er muss nie wieder dienen. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit soll sich der junge Mann jetzt in seinem idyllischen Heimatort Mizpe Hila erholen.

Gilad Schalits Vater Noam bedankte sich am Abend bei der Regierung und der Öffentlichkeit. «Wir hoffen, dass er zu einem normalen Leben zurückfinden kann», sagte er. «Es ist, als ob unser Sohn wiedergeboren worden wäre», beschrieb er die Gefühle der Familie nach der Heimkehr des heute 25-Jährigen. «Gilad fühlt sich gut.» Allerdings brauche sein Sohn jetzt Schonung. «Erlaubt es ihm, so schnell wie möglich wieder zur Normalität zurückzukehren», appellierte er an die Journalisten.

Vor einer Woche habe er erfahren, dass er freigelassen werden solle, sagte Gilad Schalit. Zuvor hätten ihn Ängste geplagt, dass er noch viele Jahre in Gefangenschaft verbringen müsste. Schalit dankte Ägypten für die Bemühungen zu seiner Freilassung. «Ich glaube, die Ägypter waren in ihrer Vermittlung erfolgreich, weil sie sowohl zur Hamas als auch zu Israel gute Beziehungen haben.»

In der Stunde großer Erleichterung dankte Israels Präsident Schimon Peres auch dem deutschen Vermittler Gerhard Konrad für dessen Einsatz. «Sie haben unter schwierigen Bedingungen in einer komplexen Umgebung auf professionelle, kluge und ausdauernde Weise Verhandlungen geführt», bescheinigte Peres.

Nach seiner Freilassung telefonierte Schalit von einem Militärstützpunkt an der Grenze zu Ägypten erstmals wieder mit seinen Eltern. Erst später konnten Aviva und Noam Schalit ihren lange vermissten Sohn auf dem Militärflughafen Tel Nov im Zentrum des Landes wieder in die Arme schließen. «Willkommen in Israel, Gilad. Wie gut, dass du zurückgekommen bist», sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der Regierungschef wandte sich dann an die Eltern: «Ich habe euch euer Kind zurückgebracht.»

Israel hatte am Montag zunächst 477 palästinensischen Gefangene an Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) übergeben. In zwei Monaten sollen 550 weitere Palästinenser freikommen, die Israel aber selbst aussuchen kann.

Jubel, Tränen und Freudentriller auch im Gazastreifen und im Westjordanland. Mehr als 100 000 Menschen drängten sich allein in Gaza um eine riesige Bühne. Ismail Hanija, Anführer der im Gazastreifen herrschenden Hamas, bezeichnete den Häftlingsaustausch als «historischen Sieg». In Ramallah küsste Palästinenserpräsident Mahmud Abbas überschwänglich Ex-Häftlinge, die über einen provisorischen Übergang bei Rafat ins Westjordanland gekommen waren. Nach Jahren abgrundtiefer Feindschaft zur Hamas trat Abbas erstmals wieder gemeinsam mit einem Hamas-Führer auf.

Israelische Gerichte hatten die jetzt freigelassenen Palästinenser wegen der Beteiligung an Terroraktionen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Netanjahu warnte die ehemaligen Häftlinge, sich an neuen Gewalttaten gegen Israelis zu beteiligen: «Wer zum Terror zurückkehrt, muss die Konsequenzen tragen», sagte er.

Die Rückkehr Schalits löste auch international Erleichterung aus. Bundeskanzlerin Merkel hofft nach der Freilassung nun auf neue Bewegung im Nahost-Friedensprozess. Er hoffe, «dass dieser Gefangenenaustausch den Frieden ein Stück näher bringen wird», sagte britische Premierminister David Cameron.

Das Weiße Haus in Washington begrüßte die Freilassung Schalits. «Wir freuen uns, dass Herr Schalit wieder mit seiner Familie vereinigt ist», sagte Regierungssprecher Jay Carney. «Wir haben lange seine Freilassung gefordert.» UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte den Gefangenenaustausch einen «bedeutenden humanitären Durchbruch», der sich hoffentlich positiv auf die festgefahrenen Nahost-Friedensgespräche auswirken werde.

Beobachter befürchten, das dies nicht der letzte Austausch sein wird. Die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas hat Israel bereits damit gedroht, immer wieder «neue Schalits» zu entführen, bis die Tore der Gefängnisse hinter den letzten Palästinensern zuschlügen .

Konflikte / Nahost
18.10.2011 · 21:00 Uhr
[11 Kommentare]
Julia Verlinden (Archiv)
Berlin - Die stellvertretende Fraktionschefin der Grünen-Bundestagsfraktion Julia Verlinden fordert eine Prüfung der Kooperation zwischen einem russischen Staatskonzern und der Brennelemente-Fabrik ANF zur Produktion von Kernbrennstoffen auf deutschem Boden. "Ich fordere die Bundesregierung auf, eine neue Sicherheitsbewertung der Atomfabrik in Lingen […] (00)
vor 3 Minuten
Jasmin Tawil
(BANG) - Jasmin Tawil befindet sich nach eigenen Angaben derzeit in einer finanziellen Notlage und hat kein Zuhause. Die ehemalige GZSZ-Darstellerin wandte sich aus Kroatien mit einem dringenden Appell an ihre rund 38.900 Follower. In ihrer Instagram-Story erklärte die 44-Jährige: "Ich habe völlig unerwartet Wohnung und Arbeit verloren und bin aktuell […] (02)
vor 4 Stunden
Cyberkriminalität
Berlin (dpa) - Die Erpresser haben ihre Drohung wahrgemacht: Drei Wochen nach dem gravierenden Hackerangriff auf die Berliner Verwaltung haben die Hacker große Datenmengen veröffentlicht. Die große Sorge ist, dass die sensiblen Informationen nun etwa von Kriminellen ausgenutzt werden könnten. Was bekannt ist und welche Risiken es gibt. Was ist passiert? […] (00)
vor 12 Minuten
MY HERO ACADEMIA: All’s Justice erscheint heute für Nintendo Switch 2
Bandai Namco Entertainment veröffentlicht heute  MY HERO ACADEMIA: All’s Justice für Nintendo Switch 2. Basierend auf dem Handlungsbogen der finalen Schlacht der weltweit gefeierten Anime-Serie bietet das Spiel bekannte Momente aus der Serie sowie Kämpfe, in denen die ikonischen Spezialitäten der Charaktere zum Tragen kommen – all das mit den […] (00)
vor 9 Stunden
«DogMan» feiert Free-TV-Premiere im ZDF
Luc Bessons ungewöhnliche Mischung aus Drama, Thriller und Außenseitergeschichte läuft Ende September erstmals im deutschen Free-TV. Caleb Landry Jones übernimmt die Hauptrolle. Das ZDF setzt sein Montagskino am 28. September 2026 mit einer Free-TV-Premiere fort. Um 22.15 Uhr zeigt der Mainzer Sender den französisch-amerikanischen Spielfilm DogMan von Luc Besson. Der 2023 entstandene Film war […] (00)
vor 2 Stunden
Tadej Pogacar
Lugano (dpa) - Für Rad-Superstar Tadej Pogacar ist die Saison endgültig beendet - seinen Vertrag beim UAE-Team hat er aber vorzeitig bis 2032 verlängert. Nach seinem Sturz bei der Vuelta werde der Slowene in dieser Saison nicht mehr ins Renngeschehen zurückkehren, «sondern sich voll und ganz auf seine Genesung und Rehabilitation konzentrieren», erklärte […] (01)
vor 2 Stunden
eine nahaufnahme einer bitcoin-münze auf einem hellgelben hintergrund, der die digitale währung symbolisiert.
Obwohl der Kurs von XRP vor einigen Wochen bei $1,70 abgelehnt wurde, nachdem er Mitte August stark angestiegen war, liegt der Wert der Kryptowährung immer noch 40% über den Mehrjahrestiefs, die vor weniger als einem Monat erreicht wurden. Diese Entwicklung hat zahlreiche Analysten optimistisch gestimmt. Während dies für Marktbeobachter wie […] (00)
vor 27 Minuten
Bezahlbarer Baugrund verfügbar
Weilburg, 05.09.2026 (lifePR) - 300.000 Wohnungen – das ist der Bedarf an Neubauwohnungen pro Jahr, so die Schätzung von Experten. Über deren Bezahlbarkeit entscheidet oft auch der hohe Baulandpreis. Dabei sind „Bauplätze“ in großer Zahl verfügbar: im Dachgeschoss oder auf dem Dach vieler Gebäude im Bestand. Darauf weist der Landesinnungsverband des Dachdeckerhandwerks Hessen in Weilburg hin. […] (00)
vor 7 Stunden
 
Polizei stürmt Fahrzeug von Sabotage-Verdächtigem
Düsseldorf/Berlin (dpa) - Die Polizei fahndet weiter mit Hochdruck nach einem Mann, der […] (00)
Schuldenuhr (Archiv)
Berlin - Deutschlands Staatsfinanzen stehen aus Sicht führender Ratingagenturen vor […] (08)
US-Fahnen (Archiv)
New York - Die New Yorker Publizistin und Humoristin Fran Lebowitz erkennt ihre […] (01)
Gesamtmetall (Archiv)
Berlin - Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Udo Dinglreiter, fordert […] (03)
Tier 2 Lol Wettbewerb – Das WSCI 2026 eröffnet erstmal die globale Bühne
Das 2026 World Star Challengers Invitational (WSCI) schafft eine neue globale […] (00)
Spanien - Deutschland
Berlin (dpa) - Die deutschen Basketballerinnen verabschiedeten sich nach dem Debakel […] (02)
Ein Stuhl für Menschen, die nicht in den Einheitsgrößen-Markt passen LiberNovo nutzt […] (00)
«Vampirina» flattert mit neuen Folgen in den Oktober
Die zweite Staffel von «Vampirina: Teenage Vampire» startet am 6. Oktober beim Disney Channel. […] (00)
 
 
Suchbegriff