Medizin-Nobelpreis für «Vater» der Reagenzglasbabys

04. Oktober 2010, 22:08 Uhr · Quelle: dpa

Stockholm (dpa) - Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den «Vater» der Reagenzglasbabys, Robert Edwards. Für seine Technik der künstlichen Befruchtung erhält der 85-Jährige als alleiniger Preisträger die bedeutendste Auszeichnung für Mediziner - 32 Jahre nach Geburt des 1. Retortenbabys.

Seine zunächst sehr umstrittene Methode habe zahlreichen Menschen geholfen, teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Mehr als zehn Prozent aller Paare seien unfruchtbar.

Etwa vier Millionen Menschen verdankten der künstlichen Befruchtung ihr Leben. Viele sind inzwischen erwachsen und haben wie das erste Retortenbaby, Louise Brown, selbst Kinder. «Sein Beitrag stellt einen Meilenstein in der Entwicklung moderner Medizin dar», betonte das Nobel-Komitee. Für viele Paare sei Unfruchtbarkeit eine große Enttäuschung, für einige sogar ein lebenslanges psychologisches Trauma.

Rund zwei Drittel aller unfruchtbaren Paare könne mit der Technik geholfen werden, sagte Klaus Diedrich, Reproduktionsmediziner am Universitätsklinikum Lübeck. Oft reiche ein Versuch, es könne aber auch noch der vierte oder fünfte erfolgreich sein.

Edwards ist gesundheitlich schwer angeschlagen und lebt in einem Seniorenheim in Großbritannien. Es sei fraglich, ob er den mit umgerechnet rund einer Million Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotierten Preis im Dezember persönlich entgegennehmen könne, sagte ein Nobelkomitee-Sprecher. Edwards Frau habe aber mitgeteilt, er sei sehr erfreut über die Auszeichnung.

Bereits in den 1950er Jahren hatte der Querdenker Edwards die Idee zur sogenannten In-Vitro-Fertilisation (IVF), heißt es in der Preisbegründung. «Er arbeitete systematisch, um sein Ziel zu erreichen, entdeckte wichtige Prinzipien der menschlichen Befruchtung und brachte es schließlich fertig, eine menschliche Eizelle im Reagenzglas zu befruchten.» Sein Erfolg sei mit der Geburt des ersten Retortenbabys am 25. Juli 1978 gekrönt worden. Louise Brown lebt in Großbritannien und hat auf natürliche Weise Nachwuchs bekommen.

Zusammen mit seinem Mitstreiter, dem 1988 gestorbenen Gynäkologen Patrick Steptoe, gründete Edwards das weltweit erste Zentrum für künstliche Befruchtung, die Bourn Hall Clinic in Cambridge. «Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind», zitierte der heutige Zentrums-Leiter Mike Macnamee einen Wahlspruch von Edwards. Das Ziel des Forschers sei es nie gewesen, Ruhm zu erlangen. «Er wollte einfach Paaren helfen, Kinder zu bekommen.»

Louise Brown und ihre Mutter Leslie äußerten sich glücklich über die Zuerkennung an Edwards, der selbst fünf Töchter hat. «Wir sind Bob sehr verbunden und freuen uns, ihm und seiner Familie nun unsere persönlichen Glückwünsche senden zu können.»

«Es ist erstaunlich und toll, was diese Behandlungsmethode in den vergangenen 30 Jahren für Fortschritte für die Frauen erzielt hat», sagte Edwards Weggefährte Klaus Bühler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen In-Vitro-Fertilisation-Registers, aus Hannover. Dabei sei Edwards immer bescheiden geblieben: «Er ist ein Mensch. Er denkt als Mensch, und er denkt für die Frauen.»

Edwards habe nach der ersten künstlichen Befruchtung die Einzelheiten der Methode lange geheim gehalten. Bühler: «Er wollte nicht zu viel Wirbel machen und hat sich damals zurückgehalten, denn die Stimmung damals in Cambridge war nur bedingt dafür.» Daher sei Deutschlands erstes Retortenbaby auch erst 1982 zur Welt gekommen, sagte Bühler. Später sei Edwards offener gewesen und habe noch im hohen Alter auf Kongressen Erfahrungen weitergegeben.

Frühe Versuche zur künstlichen Befruchtung hatte es an Kaninchen gegeben. Edwards versuchte, die Erfahrungen auf Menschen zu übertragen. Der Gynäkologe Steptoe half Edwards, die Technik vom Experimentierstadium in die Praxis umzusetzen. Steptoe war einer der Pioniere der Laparoskopie, mit der sich die Eileiter untersuchen lassen, um reife Eizelle zu entdecken und zu entnehmen. Edwards brachte die Eizellen mit Samenzellen in einer Zellkultur zusammen.

Doch das Team stieß auf harte Widerstände. Obwohl sich ein Acht- Zellen-Embryo aus der befruchtete Eizelle entwickelte, wollte das Medical Research Council die Forschung nicht fördern. Erst mit einer privaten Finanzspritze ging es weiter. Die Technik entfesselte eine heftige Diskussion unter Religionsführern, Ethikern und Forschern. = «Edwards hat mit seiner Arbeit eine monumentale Herausforderung bewältigt. Er musste auch starken Widerstand des Establishments überwinden», sagte Christer Höög vom Nobel-Komitee.

Ein einfacher Charakter sei Edwards nicht, erläuterte Stefan Schlatt, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin Münster (CeRA). «Er ist immer so ein bisschen spleenig gewesen, sonst kann man sich auch nicht gegen alle Widerstände durchsetzen.»

An diesem Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

Wissenschaft / Nobelpreise / Medizin
04.10.2010 · 22:08 Uhr
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