Na ich glaube, Du verwurstelst hier gerade einige Dinge. Wir reden hier von Flüchtlingen, die vor Krieg, Folter, Vertreibung und Genozid fliehen. Die würden ohne den IS ganz normal ihr Leben weiter führen. Die kommen gar nicht primär in dem Schrottkahn, um im gelobten Land ein neues Leben zu führen. Die wollen erstmal nur nicht sterben.Nein, das wäre das einzig logische, wenn du sie nicht hier behalten willst. Denn nur so bietet sich ihnen eine Perspektive, NICHT WIEDERKOMMEN zu müssen.
Ob sie sich in Europa überhaupt integrieren wollen, ist überhaupt nicht geklärt. Wenn sie her kommen, wollen die meisten wohl erstmal nur nicht auffallen. Etwas Ruhe finden, Kraft tanken. Und wenn es nach den Leuten ginge, vermutlich am liebsten morgen wieder zurück, aber bitte ohne IS. Ich kenne nur sehr wenige, denen es gefällt, die Heimat unfreiwillig zu verlassen, alles zurück zu lassen, um dann im Ungewissen irgendwo neu anzufangen.
Aber wie dem auch sei. Dein Vorschlag ist also, sie nicht zu integrieren, sondern ihnen einen Sprachkurs zu verpassen und sie in etwas auszubilden, dass in ihrem Land benötigt wird und das Land vorwärts bringt, verstehe ich das richtig?
Dagegen spräche aus meiner Sicht der Zeit- und Kostenrahmen. Deutschkurs mit mindestens 1 Jahr, eher realistisch 2. Dann eine Ausbildung, 3 Jahre oder Weiterbildung von 1-2 Jahren. Es gibt überhaupt kein Anzeichen dafür, dass in 2 bis 5 Jahren der IS in irgendeiner Weise an Einfluss verlieren wird, eher im Gegenteil. Eine Rückführung ist folglich nach heutiger Faktenlage ebenso ausgeschlossen, wie morgen oder vor 1 Jahr. Außerdem ist die Anzahl der Flüchtlinge völlig ungewiss. Wir können beziffern, wieviele wir jetzt haben. Wir können aber nicht sagen, wieviele uns der IS noch schicken wird. Im Worst Case können wir mit mehreren 10 Millionen Menschen rechnen. Realistisch betrachtet werden es aber noch weit über 1 Million werden.
Die Leute verlassen ja ihre Heimat nicht, weil es hier alles doof ist oder weil sie von wem auch immer verfolgt werden, sondern weil sie im Ausland schlicht bessere Konditionen und Perspektiven haben. Folglich muss das Ziel sein, die Bedingungen hier so weit zu verbessern, dass ein Umzug ins Ausland unattraktiv wird.Was wäre die Alternative? Gut ausgebildete "Eingeborene" in Deutschland halten, indem man eine hohe Mauer um unser Land errichtet?
Das ist ein Thema der Familienpolitik in Deutschland. Hier können wir uns gern an unseren europäischen Nachbarn orientieren. Frankreich hat eingesehen, dass Geld allein auch nicht mehr Kinder bringt. Wohl aber eine gute KITA-Unterkunft und eine gute Work-Life-Balance. Es darf eben halt keiner Angst vor Arbeitslosigkeit haben, nur weil er ein Kind erpoppt hat. Teilzeit für junge Eltern muss möglich sein, ohne dabei am Hungertuch nagen zu müssen. Und und und. Ist aber ein anderes Thema, das nicht hier her passt.Oder Den Tatsachen ins Auge sehen: 1. Uns fehlt der Nachwuchs (sogar der im Niedriglohnsektor!)
Klar kann niemand das Kruppzeug bei der Einreise filtern. Leider sieht man das den Leuten ja nicht an. Aber ich wehre mich dagegen, dass uns diese Leute pausenlos als wertvolle Fachkräfte verkauft werden sollen. Das sind sie schon allein wegen der Sprachbarriere nicht. Und selbst wenn die nicht wäre, sitzen da nicht pulkweise die hier so dringend benötigten Forscher und Entwickler in den Rostkähnen.2. es kommen täglich mehrere hundert Personen an, die entweder schon in ihrem Heimatland gut oder wenigstens grundsätzlich ausgebildet sind, oder gewillt sind, alles für ein besseres Leben hierzulande zu investieren und in die Hände zu spucken. Ja, es ist auch Kroppzeug dabei, aber eine Auswahl zu treffen ist an der Grenze wohl schwierig bis unmöglich.
Ich widerspreche doch gar nicht, dass einige gute Handwerker sein mögen. Andere vielleicht gute Bauern, Arbeiter und hier und da wird auch ein Akademiker dazwischen gepfercht sitzen. Aber bitte: Wenn wir von Flüchtlingen reden, dann reden wir nicht von einem normalen Einreise- und Selektionsprozess. Wir reden davon, Erste Hilfe zu leisten und nicht davon, die Probleme der Welt zu lösen.
Nochmal: Worum es mir geht: Wie sieht "Erste Hilfe" aus? Wie lange wird sie geleistet? Was passiert danach? Wie sieht denn nun der Plan aus?
Du glaubst wirklich, dass diese Menschenmassen in den Booten kommen, weil sie an der deutschen Botschaft zu oft gescheitert sind und es leid sind, endlose Formulare auszufüllen?Der Pferdefuß an der deutschen Politik ist, dass die Einwanderungsregeln so restriktiv sind, dass vielen gar keine andere Wahl bleibt, als den Umweg über den Flüchtlingsstatus zu versuchen.

Wir haben eine Geburtenkrise, die ich allerdings nicht durch Massenzuwanderung lösen würde. Wir haben einen Fachkräftemangel, der allerdings nicht durch Ziegenhirten aus Eritrea zu beseitigen sein wird.Ja, was denn nun? Auf der einen Seite haben wir Fachkräftemangel und Geburtenkrise, aber auf der anderen Seite brauchen wir sie nicht? Streiche brauchen, setze wollen, oder?
Was wir brauchen, sind bestimmte Fachkräfte, nicht irgendwelche. Wir brauchen beispielsweise keine Agrarökonomen in 10.000er-Packs. Wir brauchen keine Mediendesigner, BWLer, Germanisten oder diverse andere, die mir jeden Tag zu Dutzenden arbeitslos auf der Straße in die Arme laufen.
Und ich möchte auch nicht jede deutsche Frau zwangsverpflichten, mit einem Flüchtling poppen zu müssen, damit die Geburtenraten steigt. Hat schon bei Hitlers Lebensborn nicht sonderlich gut funktioniert und rückblickend wird der auch nicht als so positiv und fortschrittlich von den Historikern beurteilt. Das kann nur mit entsprechenden Anreizen passieren, aber wie gesagt - anderes Thema.
Ok, also Du möchtest bei den Flüchtlingen dafür werben, dass sie sich bitte hier niederlassen sollen. Ok, ist zumindest mal eine Idee. Ich will die gar nicht großartig filetieren, nur mal meine Gedanken dazu:Es läuft erstmal darauf hinaus den Asylbewerber bereits zwischen Ankunft und Entscheidung angemessen zu betreuen und mit Hinblick auf eine mögliche Migration vorzubereiten. Dazu zählen für mich Seelsorge, Sprachkurse, Feststellung der Fähigkeiten, Orientierungsveranstaltungen, gegebenenfalls Vermittlung von Grundkenntnissen etc. Ein grundsätzliches "Herzlich Willkommen, schön dass du es geschafft hast und jetzt nehmen wir dich mal an die Hand und zeigen dir erstmal alles"-Programm.
Wer bitte soll denn das machen? Die Arbeitsämter (oder -agenturen, wie auch immer) sind ja schon kaum in der Lage, deutsche Arbeitskräfte halbwegs vernünftig zu katalogisieren, geschweige denn zu vermitteln. Umschulungen udn Weiterbildungen sind streng budgetiert und werden zum Teil völlig geistfrei vergeben (60-jähriger Maurer wurde zum Fachinformatiker für Systemintegration umgeschult, kein Witz!). Das alles ohne jede Sprach- und Kulturbarriere.
Aber bevor es dazu kommt: Die Leute müssen erstmal medizinisch betreut werden. Kaum jemand hat Bock auf Ebola, Malaria oder sonstwas in Deutschland. Gegen Tropenkrankheiten sind ohnehin nur ein paar wenige Touris geimpft, die Mehrheit wird es nicht sein. Hausärzte dürften wohl auch nicht sofort an Malaria denken, nur weil Frau Weber Husten und Fieber hat. Dann müssen die Leute untergebracht werden. Da sie nunmal nicht gesittet auf Einladung einreisen, sondern sich illegal in großer Zahl Zugang verschaffen, kann man nunmal nicht eine schöne sonnige Wohnung in bester Lage für die Leute suchen, sondern muss sie erstmal notdürftig vor Regen, Wind und Wetter schützen. Dazu bieten sich nunmal große Hallen an. Geht nicht anders und ist völlig in Ordnung. Wir können auch nicht innerhalb weniger Wochen ganz neue Stadtbezirke schaffen und Häuser bauen. Also kann so eine Notunterkunft auch schonmal über Monate die einzig mögliche Bleibe sein. Hinzu kommt auch, dass derartige Unterkünfte zwar unbequem und nicht schön sind, aber im Gegensatz zum Südfensterloft wenigstens bezahlbar für alle.
Dann bist Du aber ein ziemlich undankbarer Flüchtling. So undankbar, dass es jenen, die Dir nachfolgen wollen, passieren kann, dass sie gar nicht mehr aufgenommen werden. Wenn mir jemand Schutz vor Verfolgung, Terror und Mord gewährt, würde ich persönlich schön die Fresse halten und nicht auf den 5-Sterne-Standard pochen. Ich glaube, das tut nicht mal Snowden.Da würde ich auch anfangen zu saufen und zu randalieren.
Diese Ausbildung muss aber trotz allem konkurrenzfähig zu deutschen Abschlüssen sein. Sonst haben sie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Und das musst Du erstmal hin bekommen. Ich meine, viele Firmen sehen eine Umschulung als nicht gleichwertig zu einer dualen Ausbildung an, obgleich vor der gleichen IHK eine Prüfung abgelegt werden muss. Selbst hier gibt es schon Unterschiede!Was ich in diesem Zusammenhang als "Ausbildung" bezeichne ist keine klassische duale Ausbildung über 3 Jahre zum medizinischen Fachangestellten oder zur Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft. Es geht mehr darum je nach Vorkenntnissen eine Grundlage zu schaffen um auf dem deutschen Arbeitsmarkt zurecht kommen zu können. Ein anerkannter Abschluss (sei es schulisch oder eben auch beruflich) mit dem es weiter gehen kann. Ein staatlicher Bildungsweg, der auf die besonderen Bedürfnisse von Migranten und Flüchtlinge zugeschnitten ist, wenn du so willst.
Und wenn Du es hin bekommst, dann bleibt trotzdem den Frage im Raum, wieviel genau wir wovon brauchen und was tun wir, wenn die Nachfrage gesättigt ist? Weiter ausbilden? Zurück schicken? Wohin dann mit den Leuten? Ich glaube, dass der Plan, so gut er auch erstmal klang, scheitern muss. Irgendwann stehen wir nämlich wieder am gleichen Punkt, an dem der Markt gesättigt ist, aber noch immer Leute kommen wollen. Dein Plan ist leider nur kurzfristig tauglich, aber er beschäftigt sich halt auch nur mit den Symptomen (den Flüchtlingen), statt mit der Ursache (Krieg, Verfolgung, IS). Ich glaube, dass ein Plan, der wirklich funktionieren soll, genau da ansetzen muss. Sonst kann er gar nicht nachhaltig sein.
