Willkommen in einer Welt des schwindenden Vertrauens

23. Juli 2026, 09:38 Uhr · Quelle: Pressebox
Geopolitische Spannungen verändern Risikoprämien und Kapitalströme und zwingen Anleger zu resilienteren Portfolios.

München, 23.07.2026 (PresseBox) - Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Europa wird sich als stärkerer geopolitischer Akteur herauskristallisieren, wobei das Vertrauen in seine Institutionen ein entscheidender Vorteil ist
  • Die USA werden wahrscheinlich weiterhin ein Disruptor sein und die Diversifizierung sowie den Übergang zur Multipolarität beschleunigen und dabei unbeabsichtigt China stärken
  • Der KI-Wettlauf wird, angeheizt durch geopolitische Rivalitäten, ungehindert weitergehen, während Regulierung und Kontrolle von geopolitischen Bedenken bestimmt werden
  • Die Verteidigungsausgaben werden wohl trotz angespannter öffentlicher Finanzen auf hohem Niveau bleiben
  • Mehr Länder werden wahrscheinlich wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen ergreifen und protektionistischer werden, was zu vermehrten Spannungen führen wird
Wie die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten gezeigt haben, können geopolitische Entwicklungen Regimewechsel auslösen und damit die Markterwartungen bezüglich Wachstum, Inflation, Liquidität und politische Reaktionen verändern. Kurz gesagt: Geopolitik kann das makroökonomische Umfeld, die Reaktionsfunktion der Politik, die Risikoprämien sowie die Gewinner und Verlierer verändern – und damit auch die Kapitalallokation, das Risikomanagement und den Portfolioaufbau. Anleger sollten also geopolitische Analysen in den gesamten Investmentprozess einbeziehen.

Die aktuelle Entwicklung bedroht viele Dinge, die wir bisher als selbstverständlich angesehen haben, wie beispielsweise die Freiheit der Schifffahrt, den Handel, Grenzen, Energieversorgung und Konnektivität: Es reicht schon ein feindliches Fischerboot, das einen Anker hinter sich herzieht, um wichtige Unterwasser-Kommunikationskabel zu durchtrennen. In einer Welt, die nach wie vor eng vernetzt ist, wird die Vorbereitung auf den Umgang mit potenziellen Brüchen die zukünftigen Anlagetrends prägen. Gewinner werden diejenigen sein, die agil und strategisch genug sind, um sich an die neuen geopolitischen Realitäten anzupassen.

Geopolitik beeinflusst Kapitalströme

Einige der Anlageklassen mit der stärksten Wertentwicklung im Jahr 2025 – darunter Gold, bestimmte Aktien und einige Schwellenmärkte – wurden von geopolitischen Trends angetrieben. Aus der traditionellen Perspektive von „Risk-on“ und „Risk-off“ mag dies widersprüchlich erscheinen, doch aus geopolitischer Sicht sind sie Teil derselben Geschichte: die Suche nach alternativen Chancen in einer multipolaren Welt, das Vertrauen in Gold als Wertanlage sowie Ausgaben für Verteidigung und KI, angetrieben von Unsicherheit und Wettbewerb.

Während die Geopolitik längerfristige Trends prägt, hängt das Verhalten der Anlageklassen kurzfristig davon ab, welcher Faktor das makroökonomische Umfeld dominiert. Seit der Eskalation im Nahen Osten gehörte Gold zu den schwächeren Anlageklassen, da die Märkte eine höhere Inflation und die Auswirkungen auf die Zinssätze einpreisten – was seinem üblichen Ruf als sicherer Hafen widersprach. Aktien legten aufgrund des Optimismus in Bezug auf KI zu, während Öl aufgrund von Bedenken hinsichtlich Versorgungsrisiken eine Outperformance erzielte.

Dieses Muster ist kein Widerspruch: Die Geopolitik gestaltet das vorherrschende Risikoumfeld neu. Wenn das Inflationsrisiko das Wachstumsrisiko überwiegt – wie in einem von Versorgungsschocks und Konflikten geprägten Umfeld –, versagt das übliche Szenario. Anleihen verlieren einen Teil ihrer Absicherungskraft, Rohstoffe und verteidigungsbezogene Engagements könnten eine Outperformance erzielen, und herkömmliche Annahmen zur Portfoliokonstruktion gelten nicht mehr.

Geopolitische Entwicklungen werden weiterhin Schocks auslösen und hohe Risiken mit sich bringen. So können beispielsweise Sanktionen Verluste verursachen, die nur schwer wieder auszugleichen sind, wie es bei Anlegern der Fall war, die in Venezuela oder Russland engagiert waren. Zunehmende geopolitische Risiken erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Negativszenarien eintreten, und verstärken damit die Notwendigkeit von Absicherungsmaßnahmen und dem Aufbau widerstandsfähiger Portfolios.

„Low-Trust“-Welt

Die erhöhten Spannungen in der Welt könnten zu anhaltender Volatilität, Inflationsrisiken und höheren Risikoprämien führen. Die Staatsausgaben werden hoch bleiben, da die Regierungen trotz schwacher Haushaltslagen investieren, um ihren Einfluss und ihre Hebelwirkung zu verstärken. Die Renditen verteilen sich zunehmend auf breiterer Basis, wobei einige Länder und Unternehmen deutlich schneller wachsen als andere und bestimmte Sektoren eine Outperformance erzielen. Dies bedeutet größere Unterschiede bei Gewinnen und Bewertungen sowie eine Neubewertung strategischer Vermögenswerte.

Resilienz, Diversifizierung und Kontrolle werden zu Leitprinzipien beim Portfolioaufbau und bei der Auswahl von Anlagekategorien. Sektoren oder Unternehmen, die von diesen Dynamiken profitieren. Beispiele sind hier die Bereiche Energieunabhängigkeit, Technologie-Lieferketten und Cloud- und Datensouveränität, aber auch die Verteidigungsindustrie und Lebensmittel- und Pharmaproduktion.

Quelleninformationen und weitere Angaben finden Sie in diesem Thematic Paper sowie im Amundi Research Center.

Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von dem Amundi Asset Management SAS und sind Stand 10. Juli 2026 (Veröffentlichung des Researchs). Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung des Amundi Asset Managements. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte des Amundi Asset Managements zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.

Geopolitik / Kapitalmärkte / Portfolioaufbau / Verteidigungsausgaben / KI-Wettlauf / Protektionismus / Amundi
[pressebox.de] · 23.07.2026 · 09:38 Uhr
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