Investmentweek

Wie Deutschland leise seine Unternehmen verliert

09. Juni 2025, 21:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
196.100 Firmenaufgaben, schwindende Gründerzahlen und eine Industrie ohne Nachwuchs: Während Berlin auf Sofortmaßnahmen setzt, ziehen Unternehmer leise den Stecker. Die Gründe liegen tiefer als bloße Insolvenzen vermuten lassen.

Die große Flurbereinigung

Fast 200.000 Unternehmen haben im vergangenen Jahr ihren Betrieb eingestellt. Nicht mit großem Knall, sondern still, leise, oft ohne Insolvenz. Die neue CDU-geführte Bundesregierung verspricht Gegenmaßnahmen.

Doch die Ursachen für das Firmensterben liegen tiefer – und sind nicht erst seit gestern bekannt. Hohe Energiekosten, lähmende Bürokratie, Rechtsunsicherheit, Personalmangel und fehlende Nachfolger lassen den deutschen Mittelstand aufgeben – Stück für Stück, Betrieb für Betrieb.

Während Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von einer „Insolvenzwelle“ spricht, sehen Ökonomen eher eine strukturelle Auszehrung des Standorts. Es ist kein Sturm. Es ist eine Erosion.

Von der Insolvenz zur Aufgabe

Der Unterschied ist relevant – und statistisch schwer zu greifen: Neun von zehn Unternehmensaufgaben geschehen nicht wegen Überschuldung, sondern aus Perspektivlosigkeit.

Inhaber, die aufhören, weil sie keine Kraft mehr haben, keine Fachkräfte finden, keine Nachfolger und keine politischen Signale, die Mut machen.

Für das ifo-Institut und Creditreform ist diese Form des Rückzugs „ein gefährlicher Trend“. Denn während Insolvenzen wirtschaftliche Anpassung bedeuten, ist das, was aktuell passiert, eine Flucht. Ohne Nachfolge. Ohne Investition. Ohne Lärm.

Stillstand statt Standort

Laut Creditreform/KfW planen 231.000 Unternehmer, ihr Geschäft 2025 einzustellen – das sind 41 Prozent mehr als im Vorjahr. Und das in einem Land, das mit seiner mittelständischen Struktur einst Exportweltmeister wurde.

Besonders betroffen sind Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten. Allein 2024 verschwanden über 4.000 solcher Betriebe aus dem Register. Fast doppelt so viele wie im langjährigen Schnitt.

Selbst forschungsintensive Industrien wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Chemie – früher Rückgrat der deutschen Wertschöpfung – verlieren Jahr für Jahr Gründungen. Die Neugründungsquote ist in den letzten zwei Jahrzehnten um mehr als 50 Prozent eingebrochen.

Wirtschaftspolitik ohne Resonanz

Die Reaktionen aus Berlin wirken bekannt: Steuererleichterungen, Abschreibungsanreize, Versprechen auf Entbürokratisierung.

CDU-Staatssekretärin Gitta Connemann kündigte am Freitag im ARD-Morgenmagazin Sofortmaßnahmen an – von Netzentgeltabsenkung bis zur Stromsteuer-Senkung. Doch in den Chefetagen dominiert Skepsis.

„Ein Investitionsbooster nützt nur, wenn es noch etwas zu boosten gibt“, kommentiert ein Unternehmer in Baden-Württemberg, dessen Betrieb gerade abgewickelt wird.

Die Lage sei nicht allein wirtschaftlich, sondern zunehmend auch mental belastend: „Man wird für das Unternehmertum hier eher bestraft als belohnt.“

Habecks Satz, der bleibt

Vielleicht war es der meistbelächelte Satz eines deutschen Ministers in den letzten Jahren – und zugleich der wahrste.

Als Robert Habeck im September 2022 sagte, er könne sich vorstellen, „dass Unternehmen einfach aufhören zu produzieren, ohne insolvent zu sein“, schlug ihm Hohn entgegen. Heute wissen wir: Er beschrieb exakt das, was jetzt passiert.

Der Satz wirkt wie ein frühes Echo der heutigen Zahlen: 196.100 Betriebsaufgaben im Jahr 2024. Davon viele ohne Gläubiger, ohne Schulden, ohne großes Aufsehen. Nur ohne Zukunft.

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Keine Kapazitäten, keine Kämpfer

Während Politik und Verbände über Strompreise und Abschreibungsmöglichkeiten streiten, rutschen viele Firmen in einen Zustand chronischer Erschöpfung.

Laut ZEW verbringen Gründer im Schnitt neun Stunden pro Woche mit Verwaltung – ein Bürokratiemonster, das gerade kleinere Unternehmen kaum noch stemmen können. Besonders stark betroffen: die Bauwirtschaft, das Handwerk, technologieintensive Dienste.

„Wir müssten wachsen, aber wir finden keine Leute, um Aufträge anzunehmen“, heißt es von einem Softwareunternehmen aus Sachsen.

Auch in der Chemie und Metallverarbeitung sind die Schließungszahlen 2024 deutlich gestiegen. Die Mär vom Aufschwung durch Digitalisierung und KI bekommt damit einen düsteren Unterton: Zukunft ist kein Konzept, wenn die Gegenwart nicht überlebt.

Eine Investitionslücke wird zum Strukturbruch

Der volkswirtschaftliche Schaden ist kaum bezifferbar – doch sichtbar wird er überall. Mit jeder Firmenaufgabe verliert Deutschland Know-how, Ausbildungsplätze, Innovationspotenzial und regionale Verankerung.

Nachfolger fehlen, Betriebsverlagerungen nehmen zu. Rund 532.000 Mittelständler suchen laut KfW bis 2028 eine Nachfolge. Ein Fünftel davon wird voraussichtlich keine finden.

„Es ist ein Strukturbruch im Zeitlupentempo“, sagt ZEW-Ökonomin Sandra Gottschalk. „Weniger Wettbewerb, weniger Investitionen, weniger Dynamik.“ Es ist nicht der große Knall, vor dem alle Angst hatten. Es ist die leise Abmeldung einer Wirtschaftsnation.

Ein Land, das seine Gründer verliert

Was bleibt, ist das Bild eines Standorts, der zwar noch Förderprogramme schreibt, aber keine Unternehmer mehr findet, die sie nutzen. Der Betriebe mit Standards überzieht, denen die Kraft fehlt, sich zu wehren. Und der seine eigene Geschichte als Industrienation langsam entkernt – ohne Plan, aber mit System.

Finanzen / Wirtschaft
[InvestmentWeek] · 09.06.2025 · 21:00 Uhr
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