Warum zwei Drittel der Deutschen die USA inzwischen als Risiko für den Weltfrieden sehen
USA als Bedrohungsfaktor: Ein Stimmungsumschwung in Zahlen
Auf die Frage, von welchen Ländern in den kommenden Jahren die größte Gefahr für den Weltfrieden ausgehe, nennen inzwischen 65 Prozent der Deutschen die Vereinigten Staaten. Noch vor einem Jahr lag dieser Wert bei 46 Prozent, 2024 sogar bei lediglich 24 Prozent.
Ein Anstieg um 41 Prozentpunkte innerhalb von zwei Jahren ist mehr als eine statistische Schwankung. Er signalisiert eine tektonische Verschiebung in der öffentlichen Wahrnehmung eines Landes, das seit 1949 als sicherheitspolitischer Anker der Bundesrepublik gilt.
Gleichzeitig bleibt Russland aus Sicht der Bevölkerung die größte Bedrohung: 81 Prozent der Befragten sehen in Moskau weiterhin das gravierendste Risiko für den Weltfrieden. Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine lag dieser Wert konstant zwischen 75 und 82 Prozent. China wird aktuell von 46 Prozent als Gefahrenquelle eingestuft.
Das Bild ist damit komplex: Russland bleibt der primäre Aggressor, doch die USA verlieren ihre Rolle als verlässlicher Stabilitätsgarant.
Zweifel an der Beistandsgarantie: Erosion des Nato-Vertrauens
Noch gravierender als die Bedrohungswahrnehmung ist der Vertrauensverlust in die Bündnissolidarität. Nur 32 Prozent der Deutschen glauben, dass die USA im Falle eines Angriffs auf einen europäischen Nato-Staat militärische Hilfe leisten würden. 35 Prozent zweifeln daran, 33 Prozent sind unentschieden.
Damit steht faktisch die Glaubwürdigkeit von Artikel 5 des Nato-Vertrags in der öffentlichen Wahrnehmung zur Disposition. Für ein Land, dessen Sicherheitsarchitektur seit Jahrzehnten auf dem amerikanischen Schutzschirm beruht, ist das eine strategische Zäsur.
Diese Skepsis dürfte nicht nur auf geopolitische Entwicklungen zurückzuführen sein, sondern auch auf innenpolitische Signale aus Washington, die Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit amerikanischer Bündnistreue genährt haben.
Kriegsangst in Deutschland: Minderheit sieht hohe Wahrscheinlichkeit
Wie realistisch schätzen die Deutschen eine eigene Kriegsverwicklung ein? Drei Prozent halten sie für sehr wahrscheinlich, 28 Prozent für eher wahrscheinlich. Zusammen genommen glaubt damit rund ein Drittel der Bevölkerung, dass Deutschland in den kommenden Jahren in einen militärischen Konflikt geraten könnte.
Demgegenüber stehen 40 Prozent, die ein solches Szenario für eher unwahrscheinlich halten, sowie fünf Prozent, die es für sehr unwahrscheinlich erachten. 24 Prozent zeigen sich unentschlossen.
Die Zahlen deuten auf eine latente Unsicherheit hin – ohne dass sich daraus bislang eine akute Kriegsangst ableiten lässt.
Terror und innere Sicherheit: Bedrohungsgefühl rückläufig
Auffällig ist zugleich ein Rückgang der subjektiven Terrorbedrohung. Während sich vor einem Jahr noch 42 Prozent der Befragten durch Terroranschläge persönlich bedroht fühlten, sind es aktuell 33 Prozent.
In der Bewertung der innenpolitischen Prioritätensetzung der Bundesregierung zeigt sich ein gemischtes Bild: 36 Prozent glauben, Fragen der inneren Sicherheit hätten für die aktuelle Regierung einen höheren Stellenwert als für die Vorgängerkoalition aus SPD, Grünen und FDP. 44 Prozent sehen keinen Unterschied, neun Prozent attestieren eine geringere Bedeutung. Elf Prozent äußern sich nicht.
Die innenpolitische Debatte, insbesondere rund um Migrations- und Sicherheitsfragen, bleibt damit kontrovers – aber nicht dominierend.
Strategische Konsequenzen: Europa zwischen Autonomie und Abhängigkeit
Die Ergebnisse der Umfrage sind mehr als ein Stimmungsbarometer. Sie berühren den Kern der europäischen Sicherheitsarchitektur. Wenn das Vertrauen in den amerikanischen Beistand erodiert, gewinnt die Diskussion um strategische Autonomie Europas neue Dringlichkeit.
Für politische Entscheider bedeutet das: Verteidigungsausgaben, Rüstungskooperationen, industrielle Kapazitäten und diplomatische Positionierung müssen unter veränderten Prämissen neu bewertet werden. Die öffentliche Meinung verschiebt sich schneller als institutionelle Strukturen.
Die transatlantische Partnerschaft war über Jahrzehnte eine Konstante deutscher Außenpolitik. Nun wird sie – zumindest in der Wahrnehmung der Bevölkerung – zur Variablen.
Für Berlin und Brüssel stellt sich damit eine fundamentale Frage: Wie resilient ist Europas Sicherheitsordnung, wenn das Vertrauen in ihren wichtigsten Pfeiler bröckelt?


