Strom billiger als Erdgas: Wie Tesa mit Beton und KI seine Energiekosten dreht
Vom Gas weg – trotz teurer Strompreise
Für die Beschichtung von Klebebändern benötigt Tesa große Mengen Dampf. Bisher wurde er mit Erdgas erzeugt – aus Kostengründen und mangels Alternativen. Denn in Deutschland ist Strom für Industriekunden im Schnitt rund dreimal so teuer wie Gas.
Technologievorständin Ingrid Sebald wollte dennoch raus aus der fossilen Abhängigkeit. Die Lösung: ein thermischer Speicher, der Strom in Hochtemperaturwärme umwandelt und diese in massiven Betonmodulen zwischenspeichert. So kann das Werk Energie dann einkaufen, wenn sie extrem günstig ist – nachts, bei starkem Wind oder zur Mittagszeit bei hoher Solarproduktion.
Beton statt Batterie: Der Wärmespeicher
Das System stammt vom norwegischen Start-up Energynest. Bis Sommer 2026 entstehen auf dem Werksgelände 24 Betonmodule, jeweils so groß wie ein Schiffscontainer. In ihnen zirkuliert Thermalöl, das elektrisch erhitzt wird und die Betonröhren auf bis zu 300 Grad bringt.
Die wichtigsten Eckdaten:
- Speicherkapazität: bis zu 40 MWh
- Wärmeverlust: nur rund 2 % pro Tag
- Temperaturen: 120 bis 300 Grad (geeignet für Prozessdampf)
- Fläche: ca. 15 × 30 Meter, 12 Meter hoch
Der Beton speichert die Energie über Stunden oder Tage. Wenn Dampf benötigt wird, gibt er die Wärme an das Öl zurück, das wiederum den Dampferzeuger speist. Teure Stromspitzenzeiten lassen sich so umgehen.
Warum sich das wirtschaftlich rechnet
Der Schlüssel liegt in den extremen Strompreisschwankungen. 2025 verzeichnete Deutschland so viele Stunden mit negativen Preisen wie nie zuvor. Für Unternehmen mit flexiblen Prozessen entsteht damit ein Arbitrage-Geschäft: billig einkaufen, teuer ersetzen.
Energynest-CEO Alex Robertson bringt es auf den Punkt:
„In Deutschland sind die Bedingungen perfekt für Power-to-Heat mit Speichern. Die Volatilität macht es möglich, die Energiewende profitabel zu gestalten.“
Die Investition im einstelligen Millionenbereich soll sich für Tesa über niedrigere Energiekosten amortisieren – ohne staatliche Förderung.
Teil einer größeren Strategie
Der Wärmespeicher ist nur eine Säule. Tesa plant zusätzlich:
- KI-gesteuertes Energiemanagement zur optimalen Steuerung von Einkauf und Speicherung
- Grünen Wasserstoff für rund 25 % des Gasbedarfs ab 2028 (mit Fördervertrag, aber noch unsicher)
- Eigene Windenergie zur langfristigen Eigenversorgung
Sebald verfolgt bewusst einen technologieoffenen Ansatz: Elektrifizierung, Speicher, Wasserstoff – je nach Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit.
Industrieller Trend: Power-to-Heat kommt
Zwei Drittel des industriellen Energiebedarfs entfallen auf Prozesswärme. Studien der Forschungsstelle für Energiewirtschaft zeigen: Der Strombedarf der Industrie wird sich bis 2045 massiv erhöhen, vor allem durch Elektrifizierung von Dampf und Wärme.
Neben Beton-Speichern setzen auch andere Unternehmen auf:
- Sand- und Keramikspeicher
- Großwärmepumpen (bis ~100 °C)
- Hochtemperatur-Wärmespeicher (über 100 °C)
In Brunsbüttel etwa baut Rondo Energy für Covestro einen 100-MW-Speicher, gefördert von der Europäischen Investitionsbank und der Bill-Gates-Stiftung.
Ein Blueprint für die Industrie
Tesa zeigt, dass Dekarbonisierung kein Kostentreiber sein muss – wenn Prozesse flexibilisiert und Strompreisschwankungen genutzt werden. Beton statt Batterie, Strom statt Gas, Speicher statt Dauerverbrauch: Das Modell verbindet Klimaschutz mit Wettbewerbsfähigkeit.
In einer Zeit, in der Energiepreise und Versorgungssicherheit über Standorte entscheiden, könnte der „Beton-Trick“ aus Hamburg zum Vorbild für große Teile der energieintensiven Industrie werden.


