Trends der Zukunft

Statistik-Tricks - Wie mit Zahlen gelogen wird

08. Februar 2012, 10:35 Uhr · Quelle: Trends der Zukunft

Das Ruhrgebiet - Deutschlands angebliche Armenhochburg. Das Revier sei die Problemzone Nummer eins, warnte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtverbands, kurz vor Weihnachten. «Wenn dieser Kessel mit fünf Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwer fallen, ihn wieder abzukühlen.» Soziale Unruhen könnten drohen, wenn die Menschen der Region «aus Hoffnungslosigkeit die soziale Kontrolle verlieren», so Schneider.

Grund für seine düsteren Worte war der Armutsbericht 2011, den der Paritätische Wohlfahrtverband erstellt hatte. In Dortmund, dem Zentrum des Potts, sei die Zahl der Menschen, die von Armut gefährdet seien, zwischen 2005 und 2010 von 18,6 auf 23 Prozent angestiegen, sagt der Wohlfahrtverband - und alle Medien berichteten über den Armutsreport. «Das Ruhrgebiet ist Deutschlands neues Armenhaus», titelte die Süddeutsche Zeitung. Und die Zeit schlägt Alarm: «Die deutsche Wirtschaft boomt, aber die Armut sinkt nicht».

Armutsbericht als «Unstatistik des Monats»

Allein: Die Schlüsse einer grassierenden Armut im Ruhrgebiet sind falsch. Der Wohlfahrtverband, die Medien - sie alle irrten, behaupten nun drei Experten. Denn: «Für die Bestimmung der Armut ist die Armutsgefährdungsquote irrelevant», sagen der Dortmunder Statistiker Walter Krämer sowie der Psychologe Gerd Gigerenzer und der Ökonom Thomas Bauer.

Für sie ist der Armutsbericht des Wohlfahrtverbandes die erste «Unstatistik des Monats». Denn die Armutsgefährungsquote gebe an, wie viele Menschen weniger als 60 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Allerdings: «Sie misst nicht die Armut, sondern die Ungleichheit der Einkommen», so die Experten. Dass Dortmund eine höhere Armutsgefährdungsquote als etwa München habe, mag zwar im Bundesvergleich stimmen.

Wir sind statistische Analphabeten - wegen Goethe

Wenn man sich jedoch die Quote der einzelnen Städte anschaue, liege München wieder vor Dortmund. Denn in der bayerischen Landeshauptstadt gibt es viele Superreiche - die treiben auch das Durchschnittseinkommen der Stadt in die Höhe. Damit gibt es auch mehr Armutsgefährdete als in Dortmund. Zudem ist das Leben im Ruhrgebiet preiswerter als in München, wo die Mieten stets neue Rekorde knacken. Armut ist relativ. «Denn ein Postbeamter kann mit dem gleichen Gehalt in Dortmund erheblich besser als in München leben», sagt Statistiker Walter Krämer.

Und holt aus: «Wir Deutschen sind statistische Analphabeten, die größten in Europa.» Der Grund liegt für ihn auf der Hand - beim großen Goethe. «Der war schlecht in Mathematik und stolz darauf. Er hat üble Seitenhiebe gegen Mathematiker ausgeteilt und dem Bildungsbürgertum eingeimpft, dass das Analysieren und Zergliedern nicht so wichtig sei - vielmehr sollte der ganzheitliche Blick gewahrt bleiben. Den Sachen auf den Grund zu gehen, das würden nur Kleinkrämer machen», so Statistikprofessor Krämer. Er selbst geht Dingen gern auf den Grund, er kämpft in seinem Verein Deutsche Sprache gegen Anglizismen, er schreibt gegen Statistiklügen und gegen populäre Irrtümer an.

Nun will er gemeinsam mit dem Psychologen Gigerenzer und Ökonomen Bauer Monat für Monat die unrühmlichste Statistik küren. «Wir wollen zeigen, was für Unfug passieren kann, wenn man mit Statistiken nicht sachgerecht umgeht», sagt Walter Krämer. «Wir greifen nicht die Zahlen an, sondern die Art, wie sie interpretiert werden.» Als nächste «Unstatistik des Monats» wollen sich die Herren vermutlich Arbeitsmarktzahlen vorknöpfen.

Lesen Sie weiter, wie Statistiken bei Dioxin-Skandal oder Antibiotika-Hühnchen lügen

Bei der Falschinterpretation von Zahlen gibt es wiederkehrende Muster, so Krämer. Vor einigen Jahren, so führt er aus, gab es einen Skandal um Antibabypillen der neuen Generation: Das Thrombose-Risiko liege 50 Prozent höher als bei älteren Pillen, hieß es in den Medien. Viele Frauen haben daraufhin die Pille abgesetzt. Was war passiert? «Bei den alten Pillen haben vier von 10.000 Frauen eine Thrombose bekommen, bei den neuen Pillen waren es sechs. In absoluten Zahlen war der Anstieg minimal, in relativen Zahlen waren es aber 50 Prozent.» Diese Überbetonung von relativen Risiken könne zu dramatischen Fehlschlüssen führen, sei aber häufig anzutreffen.

Ein anderes Beispiel für verzerrte Statistiken ist deren Fehlinterpretation. Die Meldung, dass 97 Prozent aller Masthähnchen mit Antibiotika verseucht seien, bezeichnet Krämer als Falschmeldung. «Die basiert auf der Meldung, dass nur drei Prozent aller Brathähnchen-Hersteller auf Antibiotika grundsätzlich verzichten.» 97 Prozent der Hersteller nutzen es also - aber unklar ist, wie oft.

«Ein Hersteller verabreicht mehr Antibiotika, der andere hat es in der Vergangenheit getan, der nächste nutzt es vielleicht nur zeitweise.» In diesem Fall hätten die Medien die Angstmeldung aber gerne berichtet. «Die Panik ist gut für die Auflage», so Krämer, der sich in seinem neuen Buch Die Angst der Woche den Gründen für die falschen Ängste der Deutschen widmet - und den Medien eine gehörige Mitschuld gibt.

Unsere Vorfahren, unsere Angst

Aber auch unsere evolutionäre Entwicklung spielt eine Rolle. «Wir fällen viele Entscheidungen noch so, wie unsere Vorfahren sie im Urwald gefällt haben», sagt Krämer. Charakteristisch sei dafür unsere Angst vor giftigen Nahrungsmitteln, etwa die Panik im vergangenen Jahr, als Tiere mit Dioxin belastetes Futter gefressen hatten. «Dabei wurden Mengen an gefundenem Dioxin korrekt benannt. Doch meist fehlte in vielen Medienberichten die Zahl, ab welcher Menge es gefährlich werden könnte.» Denn im Ei hätten sich Millionstel Gramm angehäuft, so Krämer, Dosen, von denen keine Gefahr ausgehe.

Und es gibt weitere Statistiktücken. Was ist gefährlicher, das Reisen per Bahn oder Flugzeug? Teilt man die Anzahl der getöteten Passagiere durch die Transportzeit, ist das Flugzeug gefährlicher. Schienenunternehmen könnten sich diese Statistik zunutze machen. Allerdings gilt auch: Das Flugzeug fliegt wesentlich schneller, als ein ICE rasen kann. Wenn man also die toten Fahrgäste pro Kilometer betrachtet, ist die Bahn wieder gefährlicher als das Flugzeug.

Aber egal, wie die Zahlen für die Statistik gedreht und gewendet werden: Das Auto bleibt das mit Abstand gefährlichste Verkehrsmittel.

[news.de] · 08.02.2012 · 10:35 Uhr
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