Report: Leben mit dem AKW

14. Juli 2009, 12:17 Uhr · Quelle: dpa
Geesthacht (dpa) - «Wenn einem ein Haar ausfällt, denkt man gleich: Das kommt von den Strahlen!», sagt Ahmet Karagöl und streicht sich über seine Halbglatze.

Seit 28 Jahren lebt der Türke im schleswig-holsteinischen Geesthacht - der Stadt, die in den letzten Wochen vor allem durch die Pannenserie im ansässigen Atomkraftwerk Krümmel in aller Munde ist. Der 40-Jährige sitzt in der Innenstadt vor dem Kiosk seiner Frau, umringt von gestapelten Getränkekisten, in der Hand einen Pappbecher mit Kaffee. Über das AKW, das nur wenige Kilometer von ihm entfernt an der Elbe liegt, macht er sich meist nur dann Gedanken, wenn wieder ein neuer Störfall die Titelseiten der Blätter im Zeitungsständer neben ihm füllt.

«Man hat gleich Panik, wenn man das liest», erzählt Karagöl. Angst, dass das «Ding» in die Luft fliegen könnte, hat er zwar nicht, aber dass es nicht «ganz dicht» ist. Sorgen macht er sich vor allem um seine Tochter: Als sie acht Jahre alt war, stellten die Ärzte eine Schilddrüsenunterfunktion bei ihr fest. Ob das Kraftwerk daran Schuld ist? «Wenn wir 100 Prozent sicher wären, hätte ich gesagt: Und tschüs...», sagt Karagöl, der mit Frau und Tochter über dem kleinen Geschäft wohnt. Einfach wegziehen will er mit seiner Familie aber nicht: «Ich bin hier groß geworden und zur Schule gegangen, außerdem haben wir hier ein Haus gekauft und uns eine Existenz aufgebaut», sagt der 40-Jährige und zieht an seiner Zigarette. Das Atomkraftwerk - oftmals verdrängt er den Gedanken daran einfach.

Damit scheint Karagöl nicht allein zu sein: In Geesthacht selbst ist das Atomkraftwerk auf den ersten Blick kaum präsent. Kein Hinweisschild weist Besuchern den Weg - zumindest nicht an den zentralen Kreuzungen der 29 000 Einwohner großen Stadt. Wer zum Kraftwerk gelangen will, dem hilft nur ein Navigationsgerät oder der Passant am Straßenrand: «Da müssen sie hier links und dann immer die Straße entlang, dann kommen sie direkt hin», erklärt ein Mann und fügt hinzu: «Aber das sind bestimmt noch drei bis vier Kilometer», wobei er seine Stimme hebt und die Stirn hochzieht, als handele es sich um eine mehrstündige Reise. Ob er nicht will, dass sich das AKW nah anfühlt?

Die Fahrt zu Deutschlands derzeit bekanntestem Atomkraftwerk führt vorbei an kleinen Einfamilienhäusern aus roten Backsteinen. Nach einem schweren Brand im 19. Jahrhundert, bei dem viele Fachwerkhäuser niederbrannten, wurden die Gebäude mit den für die Gegend typischen Ziegeln neu gebaut. In den gepflegten Gärten blühen Blumen, hier und da sind Plastikplanschbecken für Kinder aufgestellt. Dann geht das Wohn- in ein Industriegebiet über, Supermärkte, Möbelhäuser und Autowerkstätten haben sich parallel zur Elbe angesiedelt. Auch der Kanu-Club hat sich nah am Kraftwerk niedergelassen. Zudem soll ein Hochseilgarten, in dem sich ein Junge mit rotem T-Shirt von Baum zu Baum hangelt, Touristen anlocken.

Dann, nach einer Kurve, ist der große graue Klotz zu sehen. Im Autoradio wird ein Lied der Band Silbermond gespielt: «Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist, und alles Gute steht hier still.» Auf einem Schild steht in weiß-blauer Schrift: «Vattenfall Energie - Kraftwerk Krümmel». Heute sind vor dem Gebäude, das von hohen Zäunen umgeben ist, keine Demonstranten zu sehen. «Die haben gestern einen Platzverweis kassiert, als sie das Einfahrtstor zuschweißen wollten», erzählt ein Koch des Hotels und Restaurants «Krümmler Hof», das nur einen Steinwurf entfernt vom AKW liegt.

Der 38-Jährige stört sich nicht an dem Kraftwerk: «Ich habe keine Angst vor Strahlung.» Ob es nicht besser wäre, das Kraftwerk stillzulegen? «Womit wollen Sie dann heizen? Wissen Sie, wo wir dann vielleicht den Strom herbekommen? Russland! Haben Sie schon mal Aufnahmen von den Kraftwerken dort gesehen? Dagegen ist das Ding hier Gold wert», sagt er gestikulierend, bevor er wieder in seine Küche geht.

Von Angst oder Zorn findet sich auch bei Annette Fritsch, die den «Krümmler Hof» zusammen mit ihrem Mann betreibt, keine Spur. Sie geht gelassen mit dem Nachbarn um, den sie seit Betriebsbeginn kennt - und dessen Mitarbeiter manchmal bei ihr einkehren. «Die Sicherheitssysteme funktionieren», sagt sie. Das sei bei den jüngsten Störungen ja auch wieder klar geworden. «Gefährdet fühlen wir uns nicht.»

Ali Demirhan wundert sich über solche Aussagen nicht: «Je näher man Richtung Krümmel wohnt, desto abgestumpfter wird man», erzählt der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Geesthacht und nippt an seinem Kaffee. «Die Menschen, die hier wohnen, schalten das für sich aus.» Der Bankkaufmann, der gerade von der Arbeit kommt, glaubt, dass das Kraftwerk viele Menschen davon abschreckt, nach Geesthacht zu ziehen. «Krümmel kennt jeder - aber negativ gesehen. Ein Arbeitskollege von mir hat ein einjähriges Baby. Er sucht mit seiner Familie ein Haus, aber nach Geesthacht wollen die nicht. Das sei ausgeschlossen, sagt mein Kollege - wegen der Kinderkrebsstudie.» Demnach gibt es in der Elbmarsch eine Häufung von Leukämiefällen bei Kindern. Die Gründe konnten bisher nicht gesichert nachgewiesen werden, als eine Ursache wird das AKW gehandelt.

Der 44-Jährige hofft, dass das Kraftwerk nach dem jüngsten Störfall endlich abgeschaltet wird. Die Steuereinnahmen der Stadt würden dann allerdings um rund eine Million Euro sinken. Der Verlust solle durch verstärkten Tourismus ausgeglichen werden, sagt Demirhan. «Über die Jahre, nach und nach, könnte das Krümmel ersetzen.» Geesthacht habe die Elbe und viel Natur zu bieten. Besonders am Wochenende kämen auch jetzt schon viele Besucher aus dem nahen Hamburg, um hier zu entspannen.

Die größte Stadt im Kreis Herzogtum Lauenburg ist tatsächlich auffallend grün, riesige Bäume säumen die Straßen. «In den 1950er Jahren wurden bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Wälder angelegt, weil einige Gebiete landwirtschaftlich nur schwer nutzbar waren», erklärt Demirhan, der seit seinem zehnten Lebensjahr in Geesthacht wohnt. Auch der Elbe-Radweg ziehe viele Fahrrad-Touristen an. «In den letzten Jahren hatten wir in diesem Bereich Zuwachsraten in zweistelliger Höhe.»

Der kommissarische Bürgermeister von Geesthacht, Volker Manow, sitzt in seiner Amtsstube im Rathaus. Einem erfolgreichen Tourismus steht er skeptisch gegenüber. «Da sehe ich im Moment noch keine Möglichkeit. Geesthacht hat eine lange industrielle Tradition. Wir hatten das Dynamit, das hier von Alfred Nobel erfunden und hergestellt wurde. Es gab aber nie eine touristische Tradition», sagt der 48-Jährige, der mit seinen beiden Kindern und der Ehefrau im Ortsteil Krümmel wohnt. «Ich bin hierher gezogen, wohlwissend, dass es ein Kraftwerk gibt.» Er glaubt, dass sich die meisten der 29 000 Einwohner mit dem AKW arrangiert haben. «Und wer ganz viel Angst hat, der wohnt hier nicht», sagt Manow, der seit dem Tod des Bürgermeisters Ingo Fokken im Juni die Amtsgeschäfte führt.

Auch den 41-jährigen Geesthachter Andreas Jordan stört das Kraftwerk nicht. «Das AKW war schon immer da», sagt er mit einem Schulterzucken. An einen erfolgreichen Tourismus in der Elbestadt glaubt der Steuerfachangestellte nicht. «Dafür, dass Geesthacht die größte Stadt im Herzogtum Lauenburg ist, wüsste ich nicht, was man hier anschauen soll. Hier gibt es auf gut Deutsch gesagt keinen Kracher», erzählt der 41-Jährige, der gerade auf dem Heimweg ist. Wegen des Pumpspeicherkraftwerks am Fluss oder der Schleuse müsse man nicht wirklich kommen. Außerdem habe die Stadt ja noch nicht mal eine richtige Fußgängerzone.

Auch für junge Menschen biete Geesthacht leider nicht viel, sagt die 20-jährige Bahar Badem, die in einer Bäckerei mit Stehcafé und angrenzendem Kiosk eine Ausbildung macht. «Es ist sehr ruhig, fast schon langweilig», sagt die junge Frau hinter der Ladentheke. «Wir haben ein großes Freibad, aber das war es dann auch schon. Für Jüngere gibt es nur ein einziges Café.» Dafür sei die Stadt für Familien und ältere Menschen schön. «Geesthacht ist eine sichere Stadt, wenn ich später mal Kinder haben wollte, würde ich lieber hier leben als in Hamburg», erzählt die dunkelhaarige Frau mit einem Lächeln.

Mit ihrer achtjährigen Tochter ist erst vor kurzem Nicole Stuhlemmer nach Geesthacht gezogen. Kürzere Weg zur Arbeit und zur Schule waren die Gründe für den Umzug vom Land in die Stadt. Ein mulmiges Gefühl hat die 31-Jährige wegen dem AKW aber schon: «In den Medien bekommt man ja mit, was da passiert - und ich bin jedes Mal froh, wenn sie sagen, dass es wieder abgeschaltet ist.» Für sie und ihre kleine Tochter ist Geesthacht dennoch die perfekte Stadt: «Saint-Tropez wird das hier niemals werden, aber für den Alltag ist es traumhaft.» Das einzige, was fehle, sei ein S-Bahn-Anschluss.

Zwar seien Schienen zwischen Hamburg und Geesthacht verlegt, befahren würden sie aber nicht, weil das Fahrgastaufkommen angeblich zu gering sei, erzählt Demirhan. Wer in die Hansestadt will, muss eine kleine Weltreise mit dem Bus auf sich nehmen. Früher seien noch regelmäßig Castortransporte über die Gleise gerollt. Doch damit sei schon eine Zeit lang Schluss. «Heute werden die Schienen nur noch ein paar Mal im Jahr von Karoline, unserer kleinen Dampflok, genutzt», sagt Demirhan.

Energie / Atom / Kommunen
14.07.2009 · 12:17 Uhr
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