Holocaust-Gedenken: Eindringlicher Appell zum Hinschauen

27. Januar 2012, 22:06 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Es sind keine guten Nachrichten, die in diesen Tagen das jährliche Holocaust-Gedenken anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 begleiten.

Da sind die vielen, immer noch offenen Fragen um die Mordserie der rechtsextremistischen Zwickauer Terrorzelle und ihrer Helfershelfer, da ist die erschreckende Erkenntnis des neuen Expertenberichts zum Antisemitismus, nach dem hierzulande etwa 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch sind.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) mahnte angesichts dieser Zahl am Freitag bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag eindringlich: «Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel.» Und die Aufdeckung der beispiellosen Mordserie führe zudem auch vor Augen, dass das Ziel, «dass in Deutschland alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können», noch nicht erreicht sei.

Doch Lammert setzte dagegen zugleich auch den Mut und die Zivilcourage von Einzelnen, Vereinen und ganzen Dörfern, die sich beherzt Aufmärschen von Rechtsextremen entgegenstellten: «Es sind Menschen, (....) die nicht wegsehen, Diskriminierungen nicht unwidersprochen stehen lassen. Es sind Menschen, die ein Beispiel geben, die Mut machen.»

Zusammen mit Bundespräsident Christian Wulff hatte Lammert zuvor den gesundheitlich sichtlich angeschlagenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in den Plenarsaal des Bundestages geleitet. Nicht als Historiker, sondern als unmittelbarer Zeitzeuge und als Überlebender des Warschauer Ghettos berichtete der heute 91-Jährige, wie er am 22. Juli 1942 den Auftakt der Deportation der Warschauer Juden in die Vernichtungslager mit ihrer Todesmaschinerie erlebte.

Reich-Ranicki, damals bereits aus Berlin nach Polen deportiert, arbeitete in jenen Tagen als Übersetzer für den Warschauer Judenrat. Mit bewegter, schwer verständlicher Stimme berichtete er, wie er in das Amtszimmer des Obmanns des Judenrates, Adam Czerniaków, gerufen wurde und er das Verlangen der SS protokollieren musste, dass der Jüdische Ordnungsdienst fortan täglich tausende Juden zur «Umsiedlung» an einem an einer Bahnlinie gelegenen Übergabeplatz bringen sollte. «Aber noch wusste niemand, wohin die Transporte gingen, was den "Umsiedlern" bevorstand», schilderte Reich-Ranicki.

Doch aus den schlimmsten Befürchtungen sollte schnell Gewissheit werden. Zum Abschluss seiner Schilderung sagte Reich-Ranicki bilanzierend: «Die in den Mitvormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die "Umsiedlung der Juden" genannt wurde, war bloß (...) eine Aussiedlung, die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck - den Tod.»

Im Vorfeld seines Auftritts im Bundestag hatte Reich-Ranicki der Zeitung «Jüdische Allgemeine» berichtet, dass er der Rede mit gemischten Gefühlen entgegensehe. «Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, ob ich der Aufgabe gewachsen bin, noch einmal über das Schicksal der Juden im Warschauer Ghetto zu sprechen.» Es vergehe bis heute kein Tag, an dem er nicht an das Ghetto denken müsse. «So etwas vergisst kein Mensch.»

Nach der Rede herrschte im Bundestag minutenlange Stille. Doch auf einen Teil der Abgeordneten wartete ausgerechnet an jenem Gedenktag noch eine wichtige Aufgabe. Am Mittag konstituierte sich der Neonazi-Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Bundestag / Geschichte / Holocaust
27.01.2012 · 22:06 Uhr
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