Die Geschichte eines ukrainischen Mafioso in Deutschland

19. September 2022, 09:58 Uhr · Quelle: klamm.de
Von einer Teenagerbande bis zu einem Foto mit dem Präsidenten

Russischer Überfall auf die Ukraine war eine echte Tragödie, die im Europa des 21. Jahrhunderts undenkbar schien. Millionen Ukrainer flohen vor dem Krieg in den Westen, unter anderem in die deutschsprachigen Länder – Deutschland, Österreich und die Schweiz. Alleine seit März wurden in Deutschland fast eine Million Ukrainer in das Ausländerzentralregister aufgenommen. Und trotz solch einer großen Zahl von Menschen wurden in den vergangenen sechs Monaten fast keine Zwischenfälle zwischen Migranten und Anwohnern verzeichnet.

Verprügelung von Taxifahrern

Daher sticht der Vorfall Ende Mai in der Wiener Innenstadt heraus.

Damals schlug eine Gruppe von Männern zwei Taxifahrer in der Nähe des Bristol Hotels zusammen. Einige österreichische Politiker haben sich zum Ziel gesetzt, die Situation zu verstehen und die Schuldigen zu bestrafen. Einer von ihnen, der FPÖ-Stadtverordnete von Wien, kontaktierte Boris Filatov, den Bürgermeister der ukrainischen Stadt Dnipro, wo die Autos der Angreifer registriert waren. Berichten zufolge versorgte Filatov den österreichischen Politiker mit Informationen über die Täter, die an die Kriminalpolizei weitergegeben wurden. Es gibt keine Liste mit den Namen der Angreifer, aber basierend auf Filatovs Interview mit dem österreichischen Journalisten Christian Verschütz waren die Kriminellen die Wachen von betrügerischen Callcentern, in denen gewöhnliche Ukrainer getäuscht wurden. Der Bürgermeister von Dnipro sagte, dass diese Callcenter von einem Geschäftsmann mit krimineller Vergangenheit, Oleksandr Petrowskyj, mit dem Spitznamen „Narik“ (Filatov nannte ihn eine „kriminelle Autorität“, d.h. einen Mafioso) kontrolliert werden.

In den letzten Jahren versucht Petrowskyj, das Image eines Philanthropen und Patrioten zu schaffen. Er baut Tempel und unterstützt den ukrainischen Fußball. Er spendet viel an die orthodoxe Kirche der Ukraine, die Priester vereinte, die dem Moskauer Patriarchen nicht gehorchen wollten und die es schafften, vom Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel anerkannt zu werden. Petrowskyj nahm sogar zusammen mit dem damaligen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko an der Zeremonie zur Überreichung eines Tomos – einer kirchlichen Anerkennungsurkunde – in der orthodoxen Hauptkathedrale von Istanbul teil. Doch als „Narik“ auf denselben Fotos mit bedeutenden ukrainischen Politikern zu erscheinen begann, führten mehrere ukrainische Medien journalistische Recherchen über die Vergangenheit des „Philanthropen“ durch. Und sie zeigten eine so vielfältige und reiche kriminelle Vergangenheit, dass es sogar für die an Korruption gewöhnte ukrainische Gesellschaft zu viel schien.

Oleksandr Petrowskyj, zusammen mit dem damaligen Präsidenten der Ukraine Petro Poroschenko und den höchsten Hierarchen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche.

Aufstieg – vom kleinen Banditen zur kriminellen Autorität in Dnipro in den 90er Jahren

Oleksandr Petrowskyj wurde in Georgien unter dem Nachnamen Nalekreschwili geboren, wuchs aber bereits in der Ukraine in Dnipropetrowsk auf, wohin seine Mutter gezogen war. Wie die Journalisten der Publikation „Strana.UA“ verlauten ließen, gründete er Ende der 80er eine kleine Jugendbande. Sie arbeitete als Schläger unter Markthändlern und Kleinunternehmern, wie den Besitzern kleiner Videotheken, die illegal amerikanische Actionfilme zeigten, die damals beliebt waren. Als die Sowjetunion zerfiel, füllte die Kriminalität das Machtvakuum. In den frühen 90er Jahren kontrollierte Nalekreschwili, der dann seinen Nachnamen in Petrowskyj (entweder den Nachnamen seines Stiefvaters oder den Mädchennamen seiner Mutter) änderte, bereits mehrere Dutzend Bars und Restaurants im Zentrum von Dnipropetrowsk, die meisten in der „Ozerka“ – dem zentralen Markt der Stadt sowie ein Kleidermarkt in einem der Stadien der Stadt. Narik gelang es dank einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Verhaltensstrategie, sich von anderen Gangsterführern abzuheben.

Das Geld, das er durch Schläger und Raubüberfälle erhielt, gab er nicht so sehr für Autos, Drogen, Unterhaltung und den Ausbau des Verbrechersyndikats aus, sondern auch für legale Vermögenswerte. Daher gewinnt „Narik“ sehr schnell an Popularität als erfolgreicher Geschäftsmann, dessen Interessensgebiete den Import von Metallen, den Handel mit Ölprodukten, landwirtschaftlichen Gütern, Autos, das Restaurantgeschäft, den Bau und die Herstellung von Mineralwasser umfassen. Gleichzeitig wird ein Teil des Vermögens formell auf den Namen der Mutter und der Ehefrau eingetragen. In Petrowskyjs Kreis werden gesetzlose Banditen und Räuber durch neue Leute ersetzt, die einen gesunden Lebensstil führen und wissen, wie man Partnerschaften mit den Behörden und dem großen Geschäft aushandelt. Insbesondere machte „Narik“ Bekanntschaft mit dem Leiter der Oblast Dnipropetrowsk und dem zukünftigen Ministerpräsidenten der Ukraine Pavlo Lazarenko. Später wird Lazarenko von den Behörden der Ukraine, der USA und der Schweiz der Geldwäsche angeklagt, flieht aus der Ukraine und wird mehr als 10 Jahre in einem amerikanischen Gefängnis verbringen. Aber in den 90er Jahren war er allmächtig und dank dieser Bekanntschaft machte Petrowskyj viele Freunde unter ukrainischen Politikern. Dies hilft ihm jedoch nicht, die Teilnahme an den kriminellen Kriegen zu vermeiden, die Ende der 90er Jahre in Dnipro stattfanden. „Narik“ überlebte wie durch ein Wunder. Der Mörder verwirrte einfach die Leute und die für Petrowskyj bestimmten Kugeln wurden von seiner Wache empfangen. Danach verlässt der Mafioso die Ukraine. Er kauft Immobilien in Israel und transferiert einen Teil seines Finanzvermögens dorthin.

Petrowskyjs politische Beziehungen

Aber Petrowskyj behielt sowohl sein Geschäft als auch seine Kontakte in politischen Kreisen. Und das erlaubte ihm, zurückzukehren, als die Mafiakriege in Dnipro aufhörten. Die ukrainische Staatsanwaltschaft hat seit den 1990er Jahren oft Strafverfahren gegen Narik eröffnet. Unter den Anschuldigungen sind der Mord an Geschäftsleuten, Menschenraub, das Schlagen von Polizisten, Diebstahl von Eigentum, die Fälschung von Dokumenten – ein Komplettset von Mafiosi. Und 2004 wurde Petrowskyj sogar zur internationalen Fahndung ausgeschrieben, aber nicht lange. Politische Beziehungen und kriminelle Methoden funktionierten – Zeugen verschwanden, verweigerten die Aussage, die Staatsanwaltschaft schloss Fälle ohne Frage ab. Und als Resultat – das aktuelle Image des Philanthropen und gemeinsame Fotos mit den Präsidenten und Metropoliten. Petrowskyjs Tochter heiratete den Sohn von Andriy Pavelko, einem ehemaligen einflussreichen Parlamentsabgeordneten der Partei von Petro Poroschenko, Präsident des ukrainischen Fußballverbands und Mitglied des UEFA-Exekutivkomitees. Und es war das Foto von Petrowskyj und Pavelko mit dem UEFA-Champions-League-Pokal – der prestigeträchtigsten Auszeichnung im Weltklubfußball –, das die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf Petrowskyj und die Journalisten dazu veranlasste, seine Biografie zu untersuchen.

Andrij Pawelko (links) und Oleksandr Petrowskyj (rechts) mit dem UEFA-Champions-League-Pokal

Seine engen Beziehungen zur Kirche und seine Unterstützung bei der Beschaffung von Tomos ermöglichten es ihm, eine starke Position unter den höchsten Beamten der Ukraine einzunehmen. Petrowskyj kann sich einer Bekanntschaft mit dem damaligen Präsidenten Poroschenko und dem Parlamentspräsidenten Andrij Parubij rühmen.

Petrowskyj (ganz rechts) und Parlamentssprecher Parubij (in der Mitte) während der Präsentation des Tomos in Istanbul.

Nur die Vergangenheit erinnert weiterhin an sich selbst. Petrowskyj konnte kein respektabler Geschäftsmann werden, wie zum Beispiel der reichste Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, oder zumindest Ihor Kolomojskyj. „Narik“ hat seine Kommunikation mit einflussreichen Freunden in der kriminellen Welt nicht abgebrochen.

Der beste Freund ist ein Dieb im Gesetz

Petrowskyjs Bekanntschaften in der kriminellen Welt waren vielfältig. Zum Beispiel – Umar Dschebrailow – der Anführer der tschetschenischen Gruppierung in Moskau, ein Freund des damaligen Bürgermeisters der russischen Hauptstadt, Juri Luschkow. Aber Petrowskyjs Hauptfreund in der kriminellen Welt ist Serhij Olijnyk – ein Dieb im Gesetz (ein ungefähres Analogon des „Don“ in der italienischen Mafia) mit dem Spitznamen „Umka“. Sie trafen sich Anfang der 90er Jahre, aber Umka verwandelte sich im Gegensatz zu Petrowskyj nicht in einen Geschäftsmann, sondern blieb in der kriminellen Welt. 2014 wurde er in St. Petersburg, der nördlichen Hauptstadt Russlands, zum „Schwiegerdieb“ gekrönt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Russland bereits die Krim annektiert und einen Krieg im Donbass begonnen, was die Kommunikation der kriminellen Welt nicht beeinträchtigte. Kriminelle auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR haben auch ihre eigenen Rituale und Zeremonien.

Journalisten der Publikation „ Strana.UA“ schreiben, dass Olijnyks Interessen die Kontrolle über das Treibstoffgeschäft, Märkte in der Zentral- und Ostukraine, Glückspielgeschäft, Operationen mit Kryptowährungen, Schmuggel nach Russland und nicht anerkannte separatistische Formationen im Donbass umfassen. Und das von Umka angesammelte kriminelle Geld könnte durchaus durch die legalen Geschäfte von Narik gewaschen werden. Journalisten der russischen Oppositionszeitung “Nowaja Gazeta”, deren Chefredakteur in 2021 den Friedensnobelpreis erhielt, scheuten sich nicht, sich zu äußern. In einem Artikel über die Neuverteilung der Einflusssphären im Donbass nannten sie Olijnyk direkt einen Dieb im Gesetz und die rechte Hand von Petrowskyj. Und „Narik“ selbst wurde zum Oberhaupt der größten kriminellen Gemeinschaft in Dnipro ernannt.

„Umka“ und „Narik“ (links) zusammen mit einem der reichsten Menschen der Ukraine Ihor Kolomojskyj (in der Mitte in einer blauen Jacke).

Umzug nach Europa und Kontrolle der illegalen Auswanderung

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gingen Petrowskyj und einer seiner engsten Mitarbeiter, Emil Arjutjunjan, nach Wien und begannen, wie Dnipro-Journalisten schreiben, mit dem illegalen Export ukrainischer Männer nach Europa. Und sie verdienen viel Geld damit, denn die ukrainischen Behörden haben die Ausreise aller gesunden Männer unter 60 verboten, die mobilisiert werden können. Und viele sind bereit, gut zu bezahlen, um nicht zur Armee zu gehen und ihr Geld in Europa in Sicherheit auszugeben. Und laut Journalisten zögern Mafiosi hier nicht zu täuschen – Geld zu nehmen und das Versprechen nicht zu erfüllen.

Informationen zufolge entschied sich Petrowskyj nach dem Skandal mit dem Kampf in Wien, seinen Wohnort zu wechseln und nach Deutschland zu ziehen. Er und sein Gefolge wurden bereits in Berlin gesehen. Mal sehen, wie sich die deutsche Polizei verhält. Wird sie warten, bis Petrowskyj und Olijnyk die deutsche Hauptstadt oder andere Großstädte der BRD wie München zu ihrer kriminellen Basis machen? Unter anderem wegen Geldwäsche aus dem kriminellen Geschäft von “Umka” in der Ukraine. Oder wird sie proaktiver vorgehen? Und wenn sich die Polizei von Deutschland, Österreich, der Schweiz (laut einigen Berichten hat Petrowskyj einen Pass dieses Landes), Israel und der Ukraine vereinen und Wolodymyr Zelenskyj politischen Willen zeigt, kann Oleksandr Petrowskyj das Schicksal seines politischen Schutzherrs Pavlo Lazarenko teilen und das nächste Jahrzehnt hinter Gittern verbringen.

Kriminalität / Europa
[derfonds.net] · [quelle] · 19.09.2022 · 09:58 Uhr
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