Der Schmerz nach der Trennung – warum Liebeskummer zum Trauma werden kann

Kaum etwas kann das Leben eines Menschen so nachhaltig verändern, wie der Verlust eines Liebespartners. Der Traumaforscher und Psychiater Prof. Dr. med. Günther H. Seidler erklärt, warum Trennungen traumatische Krisen auslösen können.
Wenn es um Traumata geht, denken viele Menschen zunächst an Opfer von Verbrechen und Gewalt oder die Überlebenden von Krieg oder Naturkatastrophen. Doch auch so etwas Alltägliches wie eine Trennung kann zu einer traumatischen Erfahrung werden.
In einem Interview mit dem Magazin Geo erklärt der Psychotraumatologe Prof. Dr. med. Günther H. Seidler, dass viele seiner Patienten unter ähnlichen Symptomen litten, ohne klassisch als traumatisch katalogisierte Situationen durchlebt zu haben. Ursache für die psychologischen und körperlichen Beschwerden war stattdessen der Verlust eines geliebten Menschen: „Wer von seinem Partner verlassen wird, ohne das Ende der Beziehung selbst gewollt zu haben, fühlt sich von dem Geschehen oft völlig überwältigt: Da passiert etwas psychisch Gefährliches, und man ist dem absolut hilflos ausgesetzt, man kann es nicht verhindern oder steuern.“
Betroffene reagieren oft mit körperlicher Überregung
Schlafstörungen, Unruhezustände und Kreislaufprobleme sind nur einige Symptome, die Betroffene entwickeln. Auch seelisches Leid, dem sich Verlassene machtlos ausgeliefert fühlen, ist typisch für schwere Fälle von Liebeskummer, ebenso wie das Vermeiden von allem, was an den Expartner erinnern könnte. Häufig entwickeln Betroffene eine depressive Symptomatik; neben Lustlosigkeit und sozialem Rückzug können sogar Suizidgedanken die Folge einer schweren Trennung sein. Dennoch erhält die Problematik laut Dr. Seidler in medizinischen Kreisen kaum die Beachtung, die sie verdient. „Schon die Bezeichnung ist im Grunde bagatellisierend: Liebeskummer, das klingt nach einem Teenagerproblem, das sich auf dem Schulhof abspielt. Dabei sprechen wir von einem seelischen Leiden, das auch viele Erwachsene aus der Bahn wirft.“
Liebeskummer verläuft nach einem Schema
Laut Seidler verläuft Liebeskummer in der Regel in vier Phasen: Verleugnen, Verhandeln, Selbstreflexion und Neuanfang. Die vierte Phase, in der Betroffene endgültig den Liebeskummer überstehen und sich neu orientieren, sollte in der Regel nach zwei bis vier Jahren eintreten. Dr. Seidler erklärt jedoch, dass nicht jeder es schafft, den Schmerz des Verlassen-Werdens hinter sich zu lassen: „Ich kenne Betroffene, die sich vier Jahre nach einer Trennung so schlecht fühlten, als hätte ihr Partner sie gerade eben verlassen.“

