Regie: Christian Rost, Claus Strigel
Darsteller: ?????
Laufzeit: 90min
FSK: ab 6 Jahren
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Filmstart: 21. März 2013
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Stell dir vor, du erwachst in einer Kiste. Immerhin so hoch, dass du stehen kannst. Man behandelt dich gut: Täglich bekommst du durch eine Klappe dein Essen. Jahrzehnte vergehen. Dein Aufenthalt dient einem höheren Zweck. Aber das kannst du nicht wissen.
Am äußersten Ende Österreichs, direkt an der tschechischen Grenze befindet sich einer der besonderen Orte dieser Welt. Wie unter einem Brennglas treffen sich hier die moralischen Herausforderungen unserer Zivilisation: Schuld, Verantwortung und Wiedergutmachung. In einem verwilderten ehemaligen Safaripark, hermetisch von der übrigen Welt abgeschottet, leben 40 Schimpansen aus dem ehemaligen Versuchslabor des Pharmakonzerns Immuno. Infiziert mit HIV- und Hepatitisviren. Traumatisiert, verstört, hochaggressiv. Sie hassen Menschen und haben allen Grund dazu. Mit ihnen leben vier Pflegerinnen, zwei davon waren schon als Betreuerinnen bei den Tierversuchen tätig.
Gut 20 Jahre ist es her, als Renate und Annemarie mit 17 ihre Ausbildung als Tierpflegerinnen begannen. Aber dann kam es anders als erwartet. Ihr Berufspraktikum brachte sie ausgerechnet in die Tierversuchslabors des Wiener Pharmaunternehmens Immuno. 40 Schimpansen, einzeln in engen Gitterkäfigen gehalten, dienten als Versuchstiere für die Entwicklung von HIV-, Hepatitis- und Grippe-Impfstoffen. Für die Tiere tägliche Tortur. Betäubt, mit Viren infiziert und immer isoliert. Keine Bewegung, kein Kontakt zu anderen Affen.
„Entweder du gehst raus und vergisst, was du gesehen hast, oder du bist gefangen – für immer.“ sagt Annemarie heute. Denn die beiden angehenden Tierpflegerinnen entschieden sich damals im Labor zu bleiben, in der Hoffnung, den Affen wenigstens ein Minimum Kontakt geben zu können.
Gleichzeitig braut sich um die Versuchs-Schimpansen eine Art Politthriller zusammen. 1973 wurde das Artenschutzabkommen in Washington ratifiziert. Schimpansen fallen als bedrohte Art unter die strikten Handelsbeschränkungen. Seit Österreichs Beitritt 1982 war es nicht mehr möglich, weitere Versuchs-Schimpansen legal ins Land zu schaffen.
1986, Wien, Flughafen Schwechat: Die letzte illegale Lieferung von 20 Kisten mit Schimpansenbabys wird ausgeladen. Adressat: Der Pharmakonzern IMMUNO, Absender Tierhändler Dr. Sitter, Sierra Leone. Und dies ist nur der Ausgangspunkt eines globalen Politthrillers, der das weitere Schicksal der Schimpansen begleiten sollte. 1997 übernimmt der US-Pharmakonzern Baxter die Immuno, und damit ein gigantisches Problem. Im eigenen Namen durchgeführte Versuche an Primaten sind für den US-Konzern tabu. Aber wohin mit dieser giftigen Hinterlassenschaft unserer Zivilisation? Nach langem Ringen schließlich die Lösung: Baxter errichtet in einem Safaripark in der Nähe von Wien zwei Affenhäuser für die gequälten Tiere. Annemarie und Renate ziehen mit ihren Affen um und stehen vor der erträumten Herausforderung ihres Lebens. Ihre Aufgabe: die psychisch und physisch traumatisierten Einzeltiere an ein art- gemäßes Leben in Klein-Gruppen heranzuführen.
2005 dann die Katastrophe. Das mühsam begonnene Resozialisierungsprogramm scheint schon wieder zu Ende. Das Safaripark-Unternehmen ist bankrott. Die Schimpansen werden Konkursmasse und mit ihnen die Pflegerinnen. Fünf Jahre arbeitet das Team jetzt in absoluter Unsicherheit auf dem verlassenen Safariparkgelände. Oft wissen sie nicht, wovon sie im nächsten Monat leben sollen.
Im zweiten Anlauf gelingt es ihnen schließlich das Interesse des prominenten „Tierretters“ Michael Aufhauser zu erregen. 2010 übernimmt sein Tierschutzunternehmen das Refugium. Der Fortbestand der Schimpansen ist vorläufig gesichert. Die Resozialisierung bleibt ein langwieriger Prozess, begleitet von rührenden Fortschritten und dramatischen Rückschlägen. Eine erste Begegnung kann mit liebevoller Umarmung oder Tod enden. Anfang 2012 wird der über Jahrzehnte währende Traum der Betreuerinnen wahr: Nach aufwändigen Bauarbeiten umschließen 4 m hohe Betonmauern starkstrombewehrt die neuen Außengehege.
Was von außen wie ein neues Gefängnis wirkt, bedeutet für die Schimpansen: Zum ersten Mal in ihrem Leben könnten sie den Himmel über sich sehen, Wind, Regen, Sonne und Gras unter den Füßen spüren. Sind sie zu dieser neuen Erfahrung noch fähig? Für Annemarie und Renate ist es zweifellos ein großer Schritt, um sich aus der Verstrickung mit dem Schicksal der Schimpansen zu befreien. Denn auch sie sind Gefangene – auf der anderen Seite des Gitters.