Original: Les Lip - L´imagination au pouvoir
Regie: Christian Rouaud
Darsteller: ?????
Laufzeit: 118min
FSK: ohne Altersbeschränkung
Genre: Dokumentation (Frankreich)
Filmstart: 01. November 2007
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
In den sechziger und siebziger Jahren genossen LIP-Uhren in Frankreich einen ausgezeichneten Ruf. Die aus einer Manufaktur in Besançon stammenden Chronometer dienten als offizielle Zeitmesser und wurden in den Fernsehnachrichten namentlich erwähnt. Gegründet und zu Weltruhm geführt hatte das Unternehmen ein junger Uhrmacher, Fred Lip, der eine sozial fortschrittliche Lohnpolitik einführte und seine Firma auf dem technologisch neuesten Stand hielt. Les LIP - das bedeutete: Kompetenz, Qualität und Erfolg.
In den frühen siebziger Jahren verkennt Fred Lip jedoch die Zeichen der Zeit: die Problematik eines reinen Manufakturbetriebes. Längst haben japanische Hersteller begonnen, Uhren industriell zu fertigen und kostengünstig auf dem Weltmarkt zu lancieren. Weil Lip es jedoch versäumt, strukturelle Änderungen in der Produktion einzuleiten, gerät seine Firma in eine finanzielle Schieflage und muss Aktien verkaufen. Die Schweizer Uhrenfirma Ébauche S.A. übernimmt daraufhin Leitung und Aufsichtsrat von LIP und feuert den Gründer. Aus der berühmten Uhrenmanufaktur soll ein einfaches Montagewerk für den Schweizer Mutterkonzern werden, unter Beibehaltung des prestigeträchtigen Namens LIP.
Als am 17. April 1973 der von Ébauche eingesetzte Direktor zurücktritt und sich unter den Arbeiter große Angst um den Arbeitsplatz breit macht, entstehen erste Ideen zum Arbeitskampf. Zunächst fordern die Protestler lediglich, Lohnfortzahlungen für alle Werksangehörigen. Die Gewerkschaften CFDT (Conféderation française démocratique du travail) und CGT (Conféderation générale du travail), die bei LIP stark vertreten sind, repräsentieren jedoch nicht alle Arbeiter, so dass eigenständige Arbeitskomitees gebildet werden, in denen Streikslogans wie »Dein Chef braucht dich, aber du, du brauchst ihn nicht« entstehen. Als ein Handelsgericht das Ende der Lohnfortzahlungen für Juni 1973 beschließt und die Arbeiter von einer Kündigungswelle gegen 480 Mitarbeiter erfahren, beginnen härtere Arbeitskampfmaßnahmen.
Die Fabrik wird besetzt und einige Verwalter dort gefangen gehalten, was französische Sicherheitstruppen auf den Plan ruft, die die Fabrik stürmen und dabei äußerst brutal gegen die Arbeiter vorgehen. Die Streikenden beschließen daraufhin, »Uhren als Geiseln« zu nehmen und konfiszieren mehrere tausend Chronometer sowie tonnenweise Konstruktionsdokumente und Maschinenteile. Von der Presse wird diese Maßnahme sympathisierend aufgenommen. Sogar der Bischof von Besançon erklärt sich mit den 1300 LIP-Arbeitern solidarisch. Schnell entsteht die Idee, Uhren selbst zu produzieren und zu verkaufen, was der Belegschaft, trotz Betriebsspionage seitens Polizei und Presse, lange Zeit gelingt. Geschickt verstehen die Arbeiter es, die Produktionsmittel dezentral zu organisieren und nötigenfalls versteckt zu halten.
Der Dokumentarfilm von Christian Rouaud lässt die Aktivisten von damals zu Wort kommen. Es gelingt eine dichte und spannende Chronologie der Ereignisse, die von den Protagonisten so detailreich und gewitzt erzählt wird, als wäre sie gestern passiert. Für die Beteiligten waren die breite Solidarität in der Bevölkerung und das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Streikenden wichtige, prägende Erfahrungen. Präzise erinnern sie sich auch an die politischen Machenschaften und Versuche der Pariser Nomenklatur, den Streik für ihre Zwecke zu funktionalisieren. »LIP - Die Phantasie der Macht« erzählt von einer Zeit, als Unternehmen und Menschen noch im Zentrum der Wirtschaft standen. Im modernen Kapitalismus befinden sich die Finanzen im Mittelpunkt. Diese Entwicklung hat in Frankreich mit dem Ende von LIP begonnen.