Original: KoranKinder | Coran-Children
Regie: Shaheen Dill-Riaz
Darsteller: ?????
Laufzeit: 86min
FSK: ab 6 Jahren
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Filmstart: 04. Juni 2009
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Jedes Jahr treffen sich in Dhaka, Bangladesch bis zu drei Millionen Menschen der Missionsgemeinschaft Tablighi Jamaat zu ihrem jährlichen Treffen Bishwa Ijtema. Es ist das größte Pilgertreffen nach Mekka. Für Shaheen Dill-Riaz sind es unglaubliche und neue Bilder, die er mit seiner Kamera einfängt, denn als er 1992 das Land verlassen hat, gab es so etwas nicht.
Er beschließt zu den Anfängen zurückzukehren, um diese neue Ausbreitung des Islam in Bangladesch zu verstehen und zu den Madrasas, den Koranschulen zu gehen. Trotz des traditionelles Bilderverbots gelingt es ihm mit seiner Kamera Zugang zu den Madrasas zu bekommen und Lehrer, Schüler und Eltern zu porträtieren.
Besonders eindrucksvoll sind die Kinder in der Koranschule in Amirabad. Sie wohnen und lernen in der Madrasa. Insgesamt gibt es neun Räume in denen der Koran gelehrt wird. Jeder Lehrer ist für 70 Schüler zuständig. Freizeit gibt es kaum. Geweckt werden sie um zwanzig vor vier. Fast den ganzen Tag rezitieren sie den Koran auf arabisch und lernen ihn auswendig – ohne die Wörter zu verstehen. Dabei sitzen sie diszipliniert auf dem Fussboden, vor sich in kleinen Gestellen liegt der Koran - sie sollen das heilige Buch weder in der Hand halten, noch es auf den Fussboden legen. Während sie rezitieren, bewegen sie sich vor und zurück. Die Schwingungen des Oberkörpers sollen helfen den Takt der kosmischen Zeit zu halten, die Diesseits und Jenseits verbindet.
Die Kinder, die Shaheen Dill-Riaz befragt, sind seit ungefähr einem Jahr da. Wieviel sie in dieser Zeit auswendig gelernt haben, will er wissen. »Vier Seiten«, sagt eines der Kinder. Insgesamt sind es 6234 Verse, die sie am Ende ihrer Ausbildung gelernt haben werden – sie dürfen sich dann Hafiz nennen und können als Koranlehrer, in eine Moschee oder als Geistlicher bei Feierlichkeiten jeder Art, wie Hochzeiten, Todesfällen oder Einweihungen arbeiten.
Einer dieser Koranlehrer ist Mohammed Ismael. Er stammt aus sehr armen Verhältnissen. In die Madrasa ist er gekommen, weil sein ältester Bruder Koranlehrer war. Für ihn ist es ein großes Geschenk als Koranlehrer arbeiten zu dürfen, obwohl er, um seine Eltern zu versorgen, sein Religionsstudium abrechen musste und seitdem als Hafiz arbeitet.
Tatsächlich ist für die armen Schichten der Besuch einer Madrasa etwas, auf das sie stolz sind. Ein Hafiz in der Familie garantiert den Eltern ein gutes Leben im Jenseits und eine Belohnung am Tag des jüngsten Gerichts. Neben diesen spirituellen Vorteilen bietet die Ausbildung zum Hafiz vielen Kindern eine bessere und abgesicherte Zukunft als Koranlehrer - wenn sie denn diese harte Zeit überstehen. Bricht ein Schüler ab, so hat dies fatale Folgen, denn oft ist es zu spät eine staatliche Schule zu besuchen oder eine andere Ausbildung zu machen.
Viele dieser ehemaligen Madrasa Schüler sind arbeitslos, wie Kamrul Hassan. Einige wenige wie Rayhan Hossain haben den Absprung geschafft, mit viel Unterstützung durch seine Eltern. Nun hofft er auf einen guten Abschluss an der Universität.
Für Shaheen Dill-Riaz hatten seine Eltern einen Madrasa Besuch nicht vorgesehen. »Was wenn ich in einer Madrasa gewesen wäre?« will er von ihnen wissen. »Um Himmels willen« sagt seine sympatische und kecke Mutter mit einem Lachen, »Ich hätte diese Madrasa höchstpersönlich demoliert.« Nichtsdestotrotz ist Religion ein wichtiges Thema für sie.
Nur wenige trauen sich ihre Kritik öffentlich zu äußern. Einer der wenigen ist Prof. Salimullah Khan, der fundiert Auskunft gibt. Die Ausbildung sei sehr einseitig, sagt er, doch man müsse die Geschichte der Madrasas kennen, um sie zu verstehen. Denn einst waren die Madrasas die einzige Bildungseinrichtung für Muslime, äußerst vielfältig und fungierten nicht nur als Religionsschule. Sie wurden als Gegenentwurf zum britischen Bildungssystem gegründet das wegen des Kolonialismus abgelehnt wurde – legendär war hier die Schule in Deoband.
Die klassischen Madrasas haben ihre Unabhängigkeit zum Staat erhalten und finanzieren sich bis heute aus den oft großzügigen Spenden der Moscheebesucher. Prof. Salimullah Khan kritisiert vor allem die Einseitigkeit der Bildung und die geringe Bereitschaft moderne Entwicklungen zuzulassen. So sei es zum Beispiel unverständlich warum immer noch ausschließlich auf Urdu oder Arabisch unterrichtet werde, anstatt in der Landesprache Bengali. Deshalb seien viele Schüler beruflich auch so isoliert und könnten nur als Hafiz oder in einer Moschee arbeiten.
Für Sharfuddin, der seit seinem Madrasa Abschluss als Imam in einer Moschee arbeitet, ist ausschließlich die religiöse Ausbildung wichtig. Denn seiner Meinung nach ist die weltliche Bildung nur für das irdische Leben notwendig, aber für das Leben im Jenseits völlig irrelevant. Deswegen sollte auch der Staat die Menschen zwingen nach den islamischen Gesetzen zu leben. Eine Madrasa Ausbildung ist für ihn eine dringende Notwendigkeit.