Original: Infinite Space - The Architecture of John Lautner
Regie: Murray Grigor
Darsteller: John Lautner
Laufzeit: 91min
FSK: ohne Altersbeschränkung
Genre: Dokumentation (USA)
Filmstart: 21. Juli 2011
Bewertung: n/a (1 Kommentar, 0 Votes)
Zu Beginn des Films läuft James Bond durch das berühmte „Elrod House“. Sean Connery war bei den Dreharbeiten von Diamonds are forever beeindruckt von dieser Kulisse, einem in den Fels gebauten Haus, dessen äußere Begrenzung mit einem Wasserfall wie aufgehoben erschien. Erst jetzt erfährt Connery, wer der Architekt dieses Hauses war: John Lautner.
Das Elrod House steht in Palm Springs. In Los Angeles, wo sein Büro stand, hat Lautner wenig gebaut – zu reizlos schien ihm die Stadt, zu hässlich, zu wenig geeignet für sein Spiel mit den Innenräumen, die sich zur Umgebung öffnen (wie die flexible Wohnzimmerwand in der Carling Residence von 1947), oder in die die Umgebung kunstvoll integriert wird (wie der Fels, der im Elrod House als Wand fungiert). Lautners Vater war Geisteswissenschaftler, seine Mutter Künstlerin; ihr ganzes Leben war auf Schönheit ausgerichtet.
Geboren am 16. Juli 1911, wuchs er in Marquette im ländlichen Michigan auf und interessierte sich nach dem Vorbild seiner Eltern schon früh für die Schönen Künste. Als der berühmte Architekt Frank Lloyd Wright in seiner nahegelegenen Sommerresidenz Taliesin 1933 ein Ausbildungsprogramm ins Leben rief, bewarb sich Lautner – und damit begann eine Zusammenarbeit, die mit Unterbrechungen bis 1947 anhielt, dem Jahr, in dem Lautner in Los Angeles sein eigenes Büro gründete. Bei Wright lernte Lautner nicht das verhasste „saubere Zeichnen“, sondern einen umfassenden handwerklichen Zugang zum Design eines Gebäudes. Schon früh gelang es dem Jüngeren aber, sich aus der Formsprache Wrights „herauszuboxen“ (Lautner) und zu einem eigenen Stil zu finden. Das unaufdringliche Einpassen eines Gebäudes in die Landschaft, oft mit Wrights Prinzip der „organischen Architektur“ assoziiert, wird bei Lautner zum experimentellen und dramatischen Wechselspiel zwischen Innen- und Außenraum.
Die Mitarbeiterinnen Julia Strickland und Helena Arahuete sowie Tochter Julia Strickland beschreiben den kreativen Prozess in Lautners Büro, in dem jedes Gebäude individuell entworfen wurde; und Ingenieur John de la Vaux, der als gelernter Schiffsbauer zu Lautners Team dazukam, kann erzählen, wie sehr der Architekt auf ungewöhnliche, ja nie vorher dagewesene Lösungen zur subjektiven „Öffnung des Raums“ hingearbeitet hat.
1949 entwarf Lautner mit großem Erfolg den „Googie’s Coffe Shop“, ein Cafe am Sunset Strip, dessen innovatives Design aus Glas, Stahl und selbstreflexiven Neonreklamen ein Vorbild für viele Restaurant-Ketten dieser Zeit wurde und Lautner das Label „Googie Architektur“ verpasste, von dem er sich immer wieder distanzieren musste, um auf die Besonderheit jedes einzelnen seiner Gebäude hinzuweisen.
Eine späte Hommage erfuhr der in den 1980ern abgerissenen Coffee Shop durch das Setdesign-Team des Quentin Tarantino- Klassikers Pulp Fiction (1994), das wichtige Drehorte dem Lautner-Bau nachempfand. John Lautner hat, von wenigen Ausnahmen (den Midtown-School-Komplex Los Felix von 1960 etwa) abgesehen und sehr zu seinem Bedauern, fast ausschließlich Privathäuser entworfen. Für die Verhandlungen mit öffentlichen Trägern fehlte ihm angeblich die Kompromissbereitschaft.
Umso wichtiger war es, bei den privaten Bauherren auf Gleichgesinnte zu treffen, die Lautners Experimentierfreude teilten und im besten Fall selbst einige Details zum Bau beisteuern konnten. Nicht zufällig war Ken Reiner, der Initiator des „Stevens House“ (1968), ein Konstrukteur, Leonard Mali, der Bauherr der „Chemosphere“ (1960) ein Flugzeugingenieur und die Auftraggeber von „Marbrisa“ (1973) selbst Architekten.
Dem tatsächlichen Bau eines Hauses schloss sich für gewöhnlich ein jahrelanger Prozess des Überarbeitens und Weiterbauens in Zusammenarbeit mit den Hausherren an. Ein wichtiges Datum in der Karriere Lautners war der Bau des „Malin House“ (1960), das aufgrund seiner futuristischen UFO-Form „Chemosphere“ genannt wurde und das nach der Restaurierung durch Lautner-Fachmann Frank Escher 2000 von Kunstbuchverleger Benedikt Taschen gekauft wurde. Nur eine einzige Säule trägt die Konstruktion, um den Eindruck des Schwebens zu erzielen; das Grundstück musste dem Berghang erst abgetrotzt werden, um das Haus hineinzubauen. Im Film begegnen sich dort der ehemalige Bauherr, der Konstrukteur und der Bauleiter nach 50 Jahren wieder, um aus ihren Erinnerungen an die spektakuläre Bauzeit und den Architekten, der all dies ersonnen hatte, zu erzählen.
Der Film lässt auch die Bewunderer und Nachfolger Lautners zu Wort kommen. Frank O. Gehry gibt offenkundig zu, dass er zu den einzelnen Lautner-Gebäuden regelrecht gepilgert ist, um sie vor Ort zu studieren. Der Film selbst begleitet eine Architektengruppe des niederländischen ArtEZ-Instituts (Arnheim), für die Jan-Richard Kikkert und Tycho Saariste bislang kaum bekannte Bauten des Vorbildes aufgespürt haben, u.a. die mitten im Wald von Idyllwild gelegene „Pearlman Cabin“ von 1958 und das „Harvey House“ von 1950, das in Hollywood gebaut wurde und dort immer noch steht.
Einen wichtigen Wendepunkt in Lautners Karriere zeichnet der Film am Beispiel von „Silvertop“ („Reiner House“, Silver Lake 1963) nach: Mit diesem Projekt begann Lautners bis zum Ende seiner aktiven Phase anhaltende Liebe zum Sichtbeton, den er seitdem für jedes Gebäude, aber niemals in gleicher Form, verwendete. Den Höhepunkt dieser Entwicklung macht der Lautner-Archivar Frank Escher im Entwurf des „Marbrisa“-Gebäudes fest, das 1973 im mexikanischen Acapulco gebaut wurde. Ohne den Anblick der Bucht zu verstellen, legt sich das Haus in geschwungenen Kurven wie ein Ring um den am Wasser liegenden Berg. Die sichtbare Begrenzung des Gebäudes vom Innenraum her wird durch einen Wassergraben aufgehoben, der mit dem fernen Meer zu verschmelzen scheint. Lautner nennt das „Design from within“ und sieht seine drei Grundprinzipien erfüllt: „Schönheit, Wahrhaftigkeit und unendlicher Raum“.
Am Ende seiner Karriere (als letztes Beispiel wird das „Turner House“ von 1982 in Aspen vorgestellt) nahmen die Auseinandersetzungen mit den Bauherren zu, die sich nicht mehr vorbehaltlos auf die Experimente des Architekten einlassen wollten. Neuere, postmoderne Tendenzen lehnte Lautner ab. Auch seine Verbitterung aufgrund der fehlenden Anerkennung verschweigt Murray Grigors Porträt nicht.
Obwohl Lautner mehr als 150 Entwürfe realisieren konnte, waren darunter kaum öffentliche Gebäude, und die Privathäuser blieben naturgemäß den Blicken der meisten Menschen verborgen. Sie in ihrer Einzigartigkeit und Schönheit zu bewundern, wird für viele Architekturfans erst durch diesen Film möglich gemacht.
John Lautner starb am 24. Oktober 1994 in Los Angeles.