Hinter dem Zuckervorhang

Original: El Telon de azúcar | The Sugar Curtain
Regie: Camila Guzman Urzua
Darsteller: ?????
Laufzeit: 81min
FSK: ohne Altersbeschränkung
Genre: Dokumentation (Frankreich, Kuba, Spanien)
Filmstart: 01. November 2007
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Wenn die heute in Paris lebende Dokumentarfilmerin Camila Guzmán Urzúa an ihre Kindheit in Kuba zurückdenkt, dann mit großer Freude: »Ich erinnere mich sehr glücklich gewesen zu sein. Wir waren alle gleich.« Kuba in den siebziger und achtziger Jahren erschien ihr wie das Paradies - ein Ort ohne Ängste, Probleme oder Gewalt. Guzmán Urzúa hatte die Maceo Grundschule in Havanna besucht, und, wie alle kubanischen Jungen und Mädchen, eine Schuluniform getragen und Verse wie »Ich möchte sein wie Ché« gesungen. Die Schüler waren als »Pioniere« in nationale Aufbauprojekte involviert, die »Architekten der Zukunft« oder »Neue Menschen« hießen. Auch Camilas Freunde, die die Filmemacherin anlässlich der Dreharbeiten auf Kuba wieder aufsucht, hegen ähnlich positive Erinnerungen an die goldenen Jahre, als die Wirtschaft Kubas, dank kräftiger Unterstützung seitens der Sowjetunion, prosperierte und der Handel blühte - verwirklicht durch die Errungenschaften des Sozialismus. Das Leben war damals noch einfach und sorgenfrei. Jeder genoss eine gute Ausbildung und medizinische Versorgung. (Kuba weist noch heute, nach Kanada, die geringste Kindersterblichkeit in Amerika auf.) Arbeitslosigkeit war unbekannt. Um den Kontakt zu den Werktätigen nicht zu verlieren, hatten auch Akademiker gelegentlich auf den Zuckerplantagen zu arbeiten. Sonntags machten die Familien Ausflüge nach Tarará an den Strand, dessen Gebäude heute verwahrlost und verlassen sind - »Ruinen der Erinnerung«. Heute hat sich die Situation radikal gewandelt. Neben dem Wirtschaftsembargo der USA hat vor allem der Zerfall der sozialistischen Staaten in Osteuropa dazu beigetragen, dass die Wirtschaft Kubas quasi zusammengebrochen ist. Die meisten Kubaner sind sehr unzufrieden mit ihrer persönlichen Situation. Sie leiden an der Mangelwirtschaft: Fast alle Waren, nicht allein Lebensmittel, wurden rationiert und können nur mit Gutscheinen erworben werden. Seit den neunziger Jahren ist der Dollar praktisch zur Zweitwährung geworden. Mit der Egalität ist es vorbei. Wer heute keine Devisen hat oder auf dem Schwarzmarkt Handel treibt, kann selbst für Dinge des täglichen Bedarfs nicht mehr aufkommen. Das zerrt an Nerven und Moral. Wehmütig erinnern sich die Freunde von Camila Guzmán Urzúa an die goldenen Zeiten in den achtziger Jahren, als große Aufbruchstimmung herrschte. Davon waren auch Kultur und Kunst erfasst - Musiker und Dichter glaubten, durch Kreativität die Gesellschaft verändern und freier gestalten zu können. Doch auch dieser Glaube ist zerbrochen an der harten kubanischen Realität. Selbstkritisch räumen die Freunde ein, dass die kubanische Gesellschaft ihren Bürgern außer hehren Idealen wenig geboten habe. Gleichzeitig klagen sie darüber, dass viele Menschen materialistisch geworden sind. Tausende nehmen jedes Jahr an »el bombo« teil - so wird die Lotterie von US-amerikanischen Staatsbürgerschaften genannt. Unter jungen Kubanern, die die Blütezeit des Sozialismus nicht mehr bewusst miterlebt haben, ist der Wunsch auszuwandern besonders stark vorhanden. Noch immer werden von Schülern die alten Revolutionslieder »Nieder mit dem Imperialismus! Es lebe die Freiheit! Kuba, Kuba! Studieren, arbeiten, kämpfen« gesungen. An den Mauern der Hauptstadt Havanna steht »Socialismo o morte« (Sozialismus oder Tod) oder »Revolucion somos todos« (Die Revolution sind wir alle) zu lesen. An solche Durchhalteparole, an eine »neue Form des Sozialismus«, einen Sonderweg Kubas, glauben jedoch nur die Wenigsten. Die goldenen Zeiten der Karibikinsel haben allein in Form einer kollektiven Autobiografie überlebt. Das Generationenporträt von Camila Guzmán Urzúas, deren Freunde es fast allesamt in die ganze Welt verschlagen hat, lässt noch einmal die alte Leichtigkeit der Kubaner aufleben, das Gefühl von sozialer Gleichheit und großem Glück - in der Erinnerung.

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