Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß

DVD / Blu-ray / Trailer :: Website :: IMDB (6,5)
Original: Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß
Regie: Pagonis Pagonakis, Susanne Jäger
Darsteller: Günter Wallraff
Laufzeit: 85min
FSK: ab 12 Jahren
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Verleih: X-Verleih
Filmstart: 22. Oktober 2009
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Vor einer Discothek in Rosenheim. Ein kahlgeschorener Kerl erklärt mit drohenden Gesten, warum schwarze Menschen nicht in „seinen“ Laden dürfen: „Afrika den Affen, Europa für Weiße!“ Mit dieser beklemmenden Szene beginnt der Film. Der erfahrene Undercover-Journalist Günter Wallraff schlüpft in die Rolle eines Schwarzen, um am eigenen Leib zu überprüfen, ob Rassismus in Deutschland immer noch alltäglich ist. Während eine Maskenbildnerin an seiner aufwändigen Verwandlung arbeitet, erklärt Wallraff: „Jede Gesellschaft lässt sich daran messen, wie sie auf Fremde reagiert.“ Dabei ist er optimistisch. Es könne durchaus sein, dass die Deutschen sich als echte Ausländerfreunde erweisen. Bevor Wallraff sich als Kwami Ogonno unter die Leute mischt, verkabelt ein Techniker ihn mit versteckten Kameras - im Hemdknopf, in der Sonnenbrille, im Tragebeutel. Der Zuschauer soll hautnah miterleben können, wie Deutsche reagieren, wenn ein Mann mit schwarzer Haut ihnen begegnet. Zum Beispiel in Wörlitz/Sachsen-Anhalt. Kwami Ogonno nimmt an einer Bootstour teil und wird von den anderen Ausflüglern misstrauisch beäugt. Sie möchten zunächst nicht neben ihm sitzen und duzen ihn, als sei er ein ungezogenes Kind. Im Schlosspark möchte ein altes Paar die Bank nicht mit ihm teilen. Doch nicht jeder reagiert so ablehnend auf den kontaktfreudigen Schwarzen. Eine Seniorin antwortet auf seine Frage, ob man die Fische im Schlossteich angeln dürfe: „Wenn Sie einen fangen, müssen Sie uns einladen.“ Ortswechsel: Cottbus in Brandenburg, eine Fußgängerzone. Der maskierte Wallraff möchte sich im Juweliergeschäft eine goldene Uhr näher ansehen, doch die Verkäuferin gibt das teure Stück nicht aus der Hand. Sie wisse ja nicht, mit wem man es da zu tun habe, erklärt sie kurz darauf treuherzig einem Mitarbeiter des Filmteams, der ebenfalls mit einer versteckten Kamera versehen ist. Und da er weiß ist, darf er die Uhr gern anprobieren. Die Vorbehalte sind keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt: Kwami versucht in Köln, eine Wohnung zu mieten. Die Hausbesitzerin führt ihn gequält freundlich durch die Zimmer. Zwei „verdeckte“ Mitarbeiter des Teams geben sich anschließendgleichfalls als Wohnungssuchende aus und werden von der Vermieterin herzlich begrüßt. Ungefragt gesteht sie, wie sehr sie vor dem schwarzen Mann erschrocken sei, der soeben bei ihr war - und dem sie die Räume bestimmt nicht überlassen werde: „Ganz schwarz, ganz schlimm!“ Aber mit Ausländerfeindlichkeit, beteuert die Dame, habe das nichts zu tun. Weiterhin unverdrossen bemüht, unter Deutschen wie ein Deutscher zu leben, schließt sich Kwami in Gummersbach einer Wandergruppe an. Die betagten Spaziergänger versuchen nach Kräften, den Fremden, der ihnen "nicht ganz geheuer" ist, wieder loszuwerden - dabei will er doch nichts weiter, als im Wald Brombeeren pflücken und mit ihnen hinterher einen Kaffee trinken. Aber bei schwarzen Menschen hört die Gastfreundschaft auf. Der getarnte Wallraff gewinnt der Fremdenfeindlichkeit seiner Mitbürger immer wieder groteske Szenen ab, so etwa auf einem Jahrmarkt in Halle, Sachsen Anhalt. Als der DJ die Besucher auffordert, zu schunkeln, mag sich niemand bei Kwami Ogonno in den Arm hängen, und so tanzt der Abgewiesene mit sich selbst. Bei einem Stadtfest in Magdeburg weigern sich zwei Frauen, mit ihm anzustoßen. Auf dem Podium singt eine Schlagerband von Liebe und Harmonie. Kurz darauf flüchten die Frauen an einen anderen Tisch - und kriegen sich vor Spottgelächter und Kopfschütteln kaum noch ein, als der Schwarze, der nur freundlich sein will, die Veranstaltung wieder verlässt. Die ständige Erfahrung von Ausgrenzung und Verachtung beginnt, bei Günter Wallraff Spuren zu hinterlassen. Während die Maskenbildnerin ihn vor dem Trailer des Teams abschminkt, erzählt er von einem Traum. Er sei in ein Gehege mit einem riesigen Krokodil gefallen, und um nicht verschlungen zu werden, habe er sich totgestellt. Genauso verhalte er sich immer häufiger, wenn er verkleidet durch die Straßen geht - bloß nicht auffallen. Umso erleichternder die Erfahrung bei einem Arbeitsvermittler in Turnow/Brandenburg, den Kwami und ein schwarzer Begleiter nach Jobs im Straßenbau fragen. Etwas ruppig, aber ernsthaft interessiert und herzlich fordert der Vermittler sie auf, möglichst schnell mit Papieren wiederzukommen. Auf der Straße freut sich Wallraffs Begleiter: „Die Leute ändern sich - die werden positiv!“ Im Teutoburger Wald ändert man sich leider nicht so schnell. Für seine nächste Prüfung der deutschen Fremdenfreundlichkeit erhält Wallraff Unterstützung von zwei schwarzen Frauen und einem kleinen schwarzen Mädchen. Die vier geben sich als Familie aus, die einen Dauerstand auf dem Campingplatz anmieten will. Der Betreiber warnt sofort, es könne Schwierigkeiten mit den anderen Dauercampern geben. Denn: „Das Problem ist die Hautfarbe.“ Der Mann kennt seine Stammgäste. Die würden alle verschwinden, wenn Schwarze auf dem Platz wohnen. Wallraffs Unterstützerinnen berichten später im Trailer, dass solche Erfahrungen für sie an der Tagesordnung sind. Dann verfolgt das kleine Mädchen fasziniert, wie der schwarze Kwami von der Make-up-Künstlerin in den weißen Günter Wallraff rückverwandelt wird - ein ebenso rührender wie tiefgründiger Moment. Die Reise führt wieder nach Brandenburg, zu einem Heimspiel von Energie Cottbus II gegen Dynamo Dresden. Der maskierte Journalist versucht, mit den Fußball-Fans ins Gespräch zu kommen. Doch selbst auf die harmlose Frage, wer heute gewinnen werde, bekommt er nur die Antwort: „Du nicht!“ Hohn, Drohungen, Beleidigungen: Der Hass ist fast mit Händen zu greifen. Doch Wallraff erhöht das Risiko noch: Er steigt in den Zug, der die Fans nach Hause bringt. Als ein sturztrunkener Halbstarker ihn rassistisch beleidigt, wehrt er sich - und kein einziger der Reisenden im Abteil unterstützt ihn. Die Situation beginnt zu eskalieren, doch eine junge Polizistin holt Wallraff aus der Gefahrenzone. Noch nie habe er so freundliche und innige Gefühle gegenüber Polizeibeamten empfunden, gesteht er später, sichtlich erschöpft, beim Abschminken. Da liegt der Gedanke nah, sich zum eigenen Schutz einen gut trainierten Schäferhund zu besorgen. Wallraff, wieder getarnt, besucht einen Schäferhundverein in Köln. Doch der Verantwortliche behauptet erst, es herrsche Aufnahmestopp, und verlangt außerdem horrende Summen für Aufnahme- und Jahresbeitrag. Eine weiße Mitarbeiterin des Filmteams wird vom gleichen Mann herzlich willkommen geheißen und soll nicht einmal ein Fünftel dessen bezahlen, was dem Schwarzen berechnet wird. Weltoffenheit demonstriert hingegen ein Nobeljuwelier in Düsseldorf. Trotz schwarzer Haut wird Wallraff äußerst zuvorkommend bedient, denn sein selbstbewusstes Auftreten und ein teurer Maßanzug zeigen den Kunden, der jede Mühe wert ist. Nachdem er fast 12.000 Euro für eine Brillantuhr hingeblättert hat, besteht die Verkäuferin sogar darauf, ihm die Tür zu öffnen. Geld stinkt eben nicht. Auf ihre Art freundlich ist auch eine Kellnerin in Berlin-Marzahn. Allerdings klingt ihr Versuch, dem schwarzen Wallraff die deutsche Teilung zu erklären, so, als habe sie es mit einem lernbehinderten Sechsjährigen zu tun. Kwami spaziert weiter, mitten hinein ins Herz deutscher Gemütlichkeit, zur Sommerfeier eines Kleingartenvereins. Auf der Bühne warten mehrere Mädchen auf ihren Auftritt als Bauchtänzerinnen, doch vorher muss noch ein „Pascha“ auserkoren und mit Turban gekrönt werden. „Nimm doch den Schwarzen da, der sieht schon so lustig aus“, sagt die Moderatorin, und unversehens wird der Fremde zur Witzfigur des Nachmittags. Von den scheelen Blicken der Kleingärtner nicht abgeschreckt, besucht Kwami am folgenden Tag den Bezirksvorstand der Laubenpieper. Er möchte eine Datsche anmieten. Und wird behandelt wie ein gefährlicher Eindringling. Nicht einmal den Aufnahmeantrag darf er mit nach Hause nehmen, der sei „geheim“. Was die unfreundliche Angestellte nicht weiß: Unter den anderen Kleingartenbewerbern sitzt auch ein Mitglied des Filmteams und dokumentiert in Bild und Ton, wie die braven Bürger sich über die „Mentalität dieser Menschen“ unterhalten und in Vorurteilen schwelgen. Freimütig gibt die Angestellte zu, sie würde Kwami immer wieder „abwimmeln“. Aus den Niederungen Berlins geht es hinauf nach Oberbayern. Gemeinsam mit dem Schwarzen Avad, der seit Jahren deutscher Staatsbürger ist, möchte Kwami einen Jagdschein beantragen. Statt Auskunft zu erteilen, welche Voraussetzungen für dieses Papier zu erfüllen sind, verlangt einer derBeamten von ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung. Selbst nachdem Avad nachgewiesen hat, dass er die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, wird der Staatsdiener nicht freundlicher. Im Gegenteil: Er droht den schwarzen Bürgern, gleich die Polizei zu rufen. Von „Integration“ scheint man auch 2009 dort in Oberbayern noch nichts gehört zu haben. Wo schon Repräsentanten der Bundesrepublik keine Rechte für Schwarze kennen, ist bei Türstehern von Discotheken gleich gar keine Toleranz zu erwarten: Eintritt nur gegen Mitgliedsausweis, Mitgliedsausweise gebe es erst nächste Woche. Sekunden später werden zwei weiße Gäste, die ebenfalls keinen Ausweis haben, anstandslos hereingewunken. In einer anderen Ecke der Stadt kommt es zu der beklemmenden Begegnung mit dem Skinhead, die den Film eröffnete: „Du bist der Affe, Europa ist weiß!“ Nach einer kleinen Odyssee durch die dunklen Straßen von Rosenheim wird Kwami aus Somalia endlich in einer Kneipe geduldet. Doch ohne Rassismus geht es auch hier nicht ab: Einer der Tresenhocker stellt verblüfft fest: „Du bist ein Neger!“, und fügt, wenig beruhigend, hinzu: „Ich tu dir nichts.“ Ein anderer will Kwami an die Wäsche, doch da stellt sich ein junger Mann zwischen die beiden, und ein weiterer Gast schreitet ebenfalls ein. Der junge Mann trinkt sogar Verbrüderung mit dem Schwarzen. Dies ist einer der wenigen Augenblicke des Films, in denen jenes Deutschland sichtbar wird, in dem man „zu Gast bei Freunden“ ist. Nach mehr als einem Jahr in der Rolle eines schwarzen Menschen stellt Günter Wallraff nüchtern fest: „Man wird fast ausschließlich über seine Hautfarbe definiert.“ Alles andere, was einen Menschen ausmache, werde bei Schwarzen meist ignoriert. Erleichtert kehrt er zurück in seine Heimatstadt Köln - und schlüpft zum letzten Mal in die Rolle von Kwami. Er besucht eine Kneipe, wo die Gäste ausgelassen Schlagertexte mitgrölen, und setzt sich zu einer jungen Frau, die etwas genervt das Gebagger eines nicht mehr so jungen Mannes erträgt. Kurzentschlossen kauft Kwami einem Rosenverkäufer einen Blumenstrauß ab und schenkt ihn derjungen Frau. Als er es auch noch wagt, sie zum Tanzen aufzufordern, platzt dem Galan der Kragen: „Hör mal, du machst dich gerade ein bisschen unbeliebt!“ Aus dem Hinterzimmer der Kneipe treten mehrere Jungs, die den Schwarzen böse mustern, auch die anderen Männer im Lokal scharen sich um den Fremden. Blitzschnell spitzt die Lage sich zu. Die Kellnerin spurtet herbei und fordert Kwami auf zu zahlen. Sein Getränk solle er mit auf die Straße nehmen. Der Wirt schiebt ihn hinaus und erklärt dem ungeliebten Gast, er habe in der Kneipe nur so lange Aufenthaltsrecht, wie er am Tresen bleibe und nicht weiter auffalle. Einer, der mit hinausgegangen ist, brüllt die letzten Worte des Films: „Türe zu, Ende!“ So ist Deutschland – SCHWARZ AUF WEISS.

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