Gelée Royale - der Staat bin ich

Original: Gelée Royale - der Staat bin ich
Regie: Antje Knapp
Darsteller: ?????
Laufzeit: 63min
FSK: ???
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Filmstart: 01. November 2007
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Der kleinste Staat dieser Welt misst einen halben Quadratmeter Tischplatte, ist grün gestrichen, transportabel und lässt sich auf ein Gestell anbringen. Mit seinem staatstragenden Holzbrett platziert sich der bildende Künstler Jörn Stahlschmidt im öffentlichen Raum und fordert Passanten auf, für 50 Euro in sein Reich einzureisen: Willkommen in »Ausland-Miland«. Der Zwergenstaat von Jörn Stahlschmidt ist kein reales Terrain, sondern ein gedankliches Konstrukt - ein Kunstprojekt, das den Staat als reine Funktion betrachtet: als bürokratischen Akt. »L’état c’est moi« – der Staat bin ich, lautet ein berühmter Ausruf des französischen Königs Louis XIV, mit dem dieser seinen Anspruch auf Willkürherrschaft unterstrichen hat. Viele Menschen träumen davon, Herrscher über einen eigenen Staat zu sein. Doch nur Wenigsten verwirklichen diesen Traum. Zum Beispiel Roy Bates, der bereits Ende der 60-er-Jahre eine Betonplattform vor der britischen Küste besetzt hat und kurzerhand zum Staat erklärte. »Sealand« diente ursprünglich als Militärstützpunkt der britischen Regierung. Eine komplizierte staatenrechtliche Gesetzgebung, die Bates geschickt für sich auszunutzen verstand, erlaubt es ihm bis heute, dort als »Prince Roy of Sealand« zu regieren. Hymne, Flagge, Verfassung, eigene Währung und Postwertzeichen machen das meerumtoste Reich zum eigenen Staat. Es gibt sogar ein Gefängnis. Weitere Beispiele für wundersame Staatsgründungen im Kleinmaßstab sind die »koptisch-pharaonische Exilregierung« und die »Königreiche Dyonien und Pelarien«. Bei Dyonien und Pelarien handelt es sich um zwei Nachbarstaaten, in denen Geld, Krieg und Zeit abgeschafft wurden. Die beiden Herrschaftsgebiete sind reine Ausgeburten der Fantasien von Bühnenbildner Manfred Kiedorf und Spielzeugmacher Gerhard Bätz. Seit 50 Jahren entwerfen die beiden prunkvolle Paläste im Maßstab 1:50, bevölkern sie mit Königen, Hofstaat und Untertanen und erfinden wundersame Geschichten dazu. Einen konkreten politischen Hintergrund hat dagegen die koptisch-pharaonische Exilregierung von Herrn Nagib: die Unterdrückung der katholischen Minderheit der Kopten in Ägypten. Aus Protest vor der politischen Situation seiner Landsleute in Ägypten hat Falez Nagib in einer Bürowohnung in der Nähe von Frankfurt/Main kurzerhand eine Exilregierung ausgerufen und zum eigenen Kleinstaat deklariert, von wo aus er Beziehungen zum Volk der Kopten aufrechterhält und Territorialansprüche auf die Hälfte Ägyptens geltend macht. Um reales Territorium handelt es sich wiederum bei »Christiania«. Der dänische Freistaat ist vor dreißig Jahren von Hausbesetzern, Hippies und Künstlern gegründet worden und zählt inzwischen 1000 Bürger. Das vom dänischen Parlament abgesegnete »politische Experiment« ist halb Fata Morgana, halb gelebte Utopie. Hier verwirklichen Kommunarden ihren Traum vom alternativen Leben. Unter der konservativen Regierung machen sich aktuell jedoch Unstimmigkeiten breit. Die ständige Überschreitung dänischer Gesetze und der offene Handel mit weichen Drogen ist vielen ein Dorn im Auge. Hinzu kommt, dass Immobilienhaie ein Auge auf das Filetgrundstück inmitten der dänischen Hauptstadt Kopenhagen geworfen haben. Dokumentarfilmerin Antje Knapp hat ein faszinierendes Thema ausgegraben und jede Menge origineller Informationen zusammengetragen. Insgesamt sechs Kleinstaaten werden in »Gelee Royal« vorgestellt. Unabhängig von Größe und Beschaffenheit des jeweiligen Reiches - egal ob real, fantastisch oder absurd - nimmt die Regisseurin die Herrscherhäuser und ihre Anliegen ernst. Was macht einen Staat zum Staat? Was unterscheidet das politische Figurentheater im deutschen Bundestag von dem am Hofe Pelariens? Und welcher Unterschied besteht zwischen der Vereidigung eines Würdenträgers im Hl. Georgianischen Reich und der von Bundespräsident Horst Köhler? »Gelée Royale« führt vor Augen, dass Staaten in erster Linie aus Konventionen bestehen, aus Abmachungen und Anerkennungen zwischen Regierung, Volk und Nachbarn.

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