Doppelleben

DVD / Blu-ray / iTunes / Trailer :: IMDB (5,2)
Regie: Douglas Wolfsperger
Darsteller: Susanne Knoll, Marianne Schätzle
Laufzeit: 83min
FSK: ???
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Filmstart: 30. August 2012
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Die Rolle eines anderen spielen, das bietet sich an, wenn man von allen Seiten hört: „Du siehst ja genauso aus wie ...“ Aber: Während professionelle Schauspieler sich einen Charakter bewusst aneignen und den Rollenwechsel trainieren, müssen Laien bisweilen von heute auf morgen damit fertig werden, dass sie nicht mehr als die Person wahrgenommen werden, die sie zu sein glauben, sondern als der Promi, den andere in ihnen sehen. Das prominente Spiegelbild kann zu einem übermächtigen Schatten werden, der die Grenzen des Privatlebens oder des eigenen Identitätsbewusstseins verwischt. Für manchen sind da die Auftritte „im Auftrag des zweiten Ich“ eine Flucht nach vorn, die nicht nur ein finanzielles Zubrot, sondern auch ein Stück vom begehrten Kuchen „Ruhm“ bescheren. Denn manchmal wird das Echo des Stars selbst zum Star... Susanne Knolls Doppelleben begann, als sie sich vor sechs Jahren ihre Haare kinnlang abschneiden ließ. Unverkennbar verwechselbar wurde sie plötzlich mit Angela Merkel. Zunächst zögerte sie, doch auf Anraten von Freunden und ihren Kindern begann sie unter den Fittichen ihres Agenten Jochen Florstedt als Doppelgängerin für Angela Merkel zu posieren. Nach einer Lebensphase, die von schwerer Krankheit, Schicksalsschlägen und Selbstmordgedanken gezeichnet war, lernt Knoll als Angela Merkel, Herausforderungen zu meistern und die Leichtigkeit des Seins zu leben. Die depressive und unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Frau entpuppt sich als Schmetterling, der es versteht, andere für sich einzunehmen. Ihr Schlachtruf für schwierige Situationen lautet: „Du bist Angela Merkel. Du schaffst das!“ Mittlerweile kandidiert die gebürtige Lübeckerin selbst für einen Posten in der politischen Arena – allerdings bei der SPD. Zwar beteuert sie, dass sie jederzeit aufhören könne mit ihrem Doppelleben, doch wirkt es erschreckend, wie stark sich die 52jährige mit ihrem berühmten „Zwilling“ identifiziert. Marianne Schätzle, die zweite Merkel Doppelgängerin, spielt ganz und gar nicht in der gleichen Liga wie die Knoll, macht Jochen Florstedt, Betreiber einer Agentur für Doppelgänger, sehr deutlich. Er befürchtet mit der Konkurrenz aus dem Süden „Revierbeschmutzung“ und hat Schätzle schon unmissverständlich in ihre Schranken verwiesen. Marianne Schätzle selbst kann die Aufregung Florstedts nicht nachvollziehen, zumal sie Merkel auf eine ganz andere Weise „vertritt“ als Susanne Knoll. Doch geht es auch Schätzle, die übrigens eine Perücke tragen muss, um der Merkel bis aufs Haar zu gleichen, ums Geschäft – und sie bedauert es, sich nicht besser verkaufen zu können. Um bei dem Geschäft mit dem zweiten Ich nicht die Kontrolle zu verlieren, haben die Doppelgänger Bernd Heinicke (Uwe Ochsenknecht) und Lothar Wunderlich (Bill Clinton) in Leipzig einen Verein für Doppelgänger gegründet. Der professionelle Umgang mit Agenten, die seriöse Darstellung der prominenten Figur, die persönliche Gratwanderung mit der eigenen Identität, die Reaktionen des Umfelds auf das „zweite“ Gesicht, die in einen Spießrutenlauf um das eigene Recht auf Privatheit ausarten kann, stehen hier im Vordergrund. Und wie lebt es sich weiter, wenn das prominente Ich stirbt? Der Erich Honecker-Doppelgänger Kurt Schmidt macht für seine „eigene“ Beerdigung mobil und plädiert für eine Urnenverlegung aus Chile ins Saarland, der Heimat des SED-Staatssekretärs. Doppelleben zeigt die gesellschaftliche Auflösung des Individuums, die im medialen Zeitalter auf die Spitze getrieben wird. Am Phänomen des Doppelgängers zeigt sich, dass die Suche nach Verwirklichung in eine Strategie der „Entwirklichung“ münden kann. Wie viele Ichs können, wollen oder verkraften wir zu sein? In welche Schablone lassen wir uns pressen oder in welche Schublade stecken? In jedem von uns steckt ein zweites, drittes oder viertes Ich, das uns fragt, wie viel wir bereit sind, von uns aufzugeben, um uns mit anderen identifizieren zu können. Leben wir noch oder kopieren wir schon?

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