5 Jahre Leben

Original: Fünf Jahre Leben
Regie: Stefan Schaller
Darsteller: Sascha Alexander Gersak, Ben Miles
Laufzeit: 96min
FSK: ab 12 Jahren
Genre: Drama (Deutschland)
Filmstart: 23. Mai 2013
Bewertung: n/a (1 Kommentar, 0 Votes)
Es ist dunkel, schwarz. Lediglich ein schweres Atmen ist zu vernehmen. Im gedämpften Licht lassen sich nach und nach Schemen erahnen – Lichtstrahlen dringen durch ein faseriges Stück Stoff, das schließlich immer klarer Menschen erkennen lässt, die zusammengepfercht auf dem Boden kauern. Ihre Hände liegen in Handschellen, über ihre Köpfe hat man schwarze Stoffsäcke gestülpt. Zwischen ihnen stehend, Männer in Tarnanzügen. Sie sprechen Englisch – ein Gefangenentransport. Das weiter anhaltende schwere Atmen wird ergänzt durch das leise Murmeln einer tiefen Männerstimme. Sie unterbricht die herrischen Kommandos der amerikanischen Soldaten, die in stakkatoartigem Rhythmus wie Gewehrsalven auf die Gefangenen abgefeuert werden. Schließlich scheint ein Ziel erreicht: Die Soldaten hieven die kauernde Menge nach oben und drängen die Häftlinge aus einem Transporter. In Zweierreihen, noch immer maskiert und gefesselt, müssen diese voran marschieren. Wer stolpert und fällt wird mit Tritten weitergetrieben. Auf einem kahlen Rollfeld, umringt von Militärfahrzeugen und zahlreichen bewaffneten Soldaten offenbaren einige Großbuchstaben, die die Wortendung „–ntanamo“ ergibt, welche Endstation nun erreicht ist: Es ist die Hölle von Guantanamo. In der Ödnis der Bay kniet nun die Gruppe vermeintlicher Straftäter. Lediglich ihre uniformen, orangefarbenen Anzüge unterbrechen das Einheitsgrau des Gefangenenlagers. Das laute Gebrüll der Aufseher, das durch die karge Landschaft hallt, lässt bereits die bevorstehenden Grausamkeiten erahnen. Plötzlich zieht sich ein Gefangener mit einer schnellen Handbewegung den schwarzen Sichtschutz vom Kopf. Sein Gesicht ist gezeichnet von blauen Flecken und verkrusteten Wunden. Schnell wird er unter rüden Beschimpfungen eines Soldaten aufgefordert, die Maske wieder überzuziehen. Die Übermacht seines Gegenübers wird ihm durch Tritte spürbar gemacht. Einzeln werden die Männer nun in Drahtkäfige, die Hundezwingern gleichen, geführt. Ohne Rückzugsmöglichkeit und den Launen der Wärter ausgesetzt, verharren dort die Gefangenen. In ihren Zellen befinden sich lediglich ein dünnes Tuch und zwei farblose Eimer: Einer für die Notdurft, ein anderer gefüllt mit Wasser. Als einer unter ihnen seinen zugewiesenen Platz auf dem dünnen Tuch verlässt, um zu trinken, wird er von den umstehenden Soldaten mit Knüppeln nieder geprügelt. Ein Verhörraum, derselbe Gefangene sitzt einem Soldaten gegenüber. Stakkatoartig stellt der Uniformierte Fragen ohne die Antwort seines Gegenübers abzuwarten. Es fallen Worte wie „Taliban“, „Afghanistan“, „Osama bin Laden“, „Terrorist“, „Selbstmordattentäter“. Da er nicht schnell genug antwortet, wird der Inhaftierte mit Tritten und Schlägen traktiert. Und die Fragerunde beginnt erneut. Tage und Nächte vergehen. Es sind Nächte ohne Schlaf, Neonröhren oberhalb der Zellen lassen die Nacht zum Tag werden – aus den Boxen, die sich über das Gefangenenlager verteilen, erklingt Tom Jones´ “Green, Green Grass“. Das Lied besingt eine Idylle, die fernab ist von der derzeitigen Realität der Gefangenen. In regelmäßigen Abständen wird der Gefangene zum Verhör geführt. Es sind immer wieder dieselben Fragen. Müde und gezeichnet leiert der Befragte seine ebenfalls immer wieder gleichen Antworten herunter. Die Erschöpfung und der tagelange Schlafentzug zwingen ihn jedoch endgültig in die Knie. Er bricht während des Verhörs zusammen. Zornig führen ihn die Soldaten zurück in seine Zelle. Als er sich dort zum Schlaf mit einer kratzig wirkenden Decke zudecken will und den Befehl des Uniformierten ignoriert, die Decke nicht zu benutzen, betritt dieser wütend seine Zelle, entreißt ihm die Decke, wirft ihn zu Boden und tritt ihm mit massiver Wucht auf die Hand, so dass sein kleiner Finger bricht. Völlig benommen erwacht er nach kurzem Schlaf. Sein Zellennachbar, der alles mit ansehen konnte, stellt sich ihm vor. Er heißt Akhmal. Der bisher namenlose Gefangene stellt sich als Murat vor. Als Murat an seinem Zellennachbarn herunterblickt, bemerkt er, dass dieser keine Beine mehr hat. Akhmal erzählt, dass er von den Soldaten zusammengeschlagen und dabei immer wieder auf seine Beine geknüppelt wurde. Als er schließlich ins Krankenhaus des Gefangenenlagers kam, wurden ihm die Beine amputiert. Voller Angst blickt Murat auf seine Hand und den zertrümmerten Finger. Die Aufseher um einen Arzt zu bitten, um nach der Hand zu sehen, scheint von nun an keine Option mehr für ihn zu sein. Eine Limousine, darin ein Mann mittleren Alters im Anzug, fährt durch die dürre Landschaft der Insel bis zum Gefangenenlager. Zeitgleich wird Murat aus seiner Zelle geholt, in einen Transporter verfrachtet und erneut mit einer schwarzen Maske in einen anderen Teil des Lagers gebracht. Dort wartet in einem Verhörraum der Anzugträger. Murat wird an einem Tisch platziert, seine Hände und Füße mit Handschellen an einer Vorrichtung im Boden fixiert. Ruhig und höflich fragt der Mann Murat nach seinem Befinden. Murat ignoriert, dass der Unbekannte ihn ständig mit einem falschen Nachnamen anspricht. Er gibt sich als Mann der amerikanischen Regierung zu erkennen, angereist aus Washington D.C., der ihm angeblich helfen möchte. Es ist der Verhörspezialist Gail Holford. Doch Murat schweigt und verweigert jede Kooperation. In der Konsequenz bleibt nur der Weg zurück in seine Zelle. Dort angekommen weckt ein deutlich vernehmbares Kratzen Murats Aufmerksamkeit. Gebannt beobachtet er, wie ein Leguan durch das Rohr der Kanalisation den Weg zu ihm in die Zelle findet. Fasziniert betrachtet er das Tier, das ruhig und anmutig, still und beinahe regungslos nun in seinem kleinen Drahtgefängnis sitzt – in Murats brutaler Alltagsrealität eine Ablenkung, die ihm Hoffnung und Kraft gibt. Als Murat Tage später erneut im Verhörraum Gail Holford gegenüber sitzt und jede Aussage verweigert, will dieser die Vernehmung endgültig abbrechen und zurück nach Washington. Dies veranlasst Murat schließlich Holford seinen korrekten Namen mitzuteilen: Er heißt Kurnaz. Ein Fehler im Namen – vielleicht auch die Ursache für alle bisher stattgefundenen schrecklichen Ereignisse? Geht es hier womöglich gar nicht um ihn? Er bittet den Mann um Hilfe und versucht Klärung in die Sache zu bringen. Denn als er am 1. Dezember 2001 in der Nähe von Peschawar in Pakistan an einem Auto-Checkpoint festgenommen wurde, ahnte er nicht, dass er als mutmaßlicher Al-Qaida-Terrorist eine lange Odyssee vor sich haben würde. Holford bestätigt, dass er nur hier sei, um ihm zu helfen. Als Holford anbietet, einen Arzt nach Murats Hand sehen zu lassen, erinnert sich dieser panisch an die Geschichte um Akhmals Beinamputation – ein Arztbesuch kommt für Kurnaz auf keinen Fall in Frage. Die täglichen Verhöre werden zur Routine. Holford beginnt ein ausgeklügeltes Frage-Antwort-Spiel, immer wieder wechselnd zwischen Verständnis und Schuldzuweisungen gegenüber dem Inhaftierten. Psychologische Kriegsführung. Holford gewährt Murat während des Verhörs „Freigang“, er sanktioniert einen Soldaten für sein menschenverachtendes Verhalten gegenüber Murat, erzählt ihm von seiner eigenen Familie in Washington und behauptet, sein Zellennachbar Yusuf, der eines Tages aus der Zelle geprügelt und abgeführt wird, sei wieder bei seiner Familie, weil er die Wahrheit gesagt habe – alles nur um das Vertrauen von Murat zu gewinnen. Weil Murat jedoch immer wieder seine Unschuld betont, geht Holfords Taktik nicht auf. Die Verhöre enden wieder und wieder mit Schlägen und Folter: tagelanges Hängen an Eisenketten, Elektroschocks, sadistische "Wasserspiele" der Wärter und Aushungernlassen. Kraft zieht Murat aus den zunehmenden Begegnungen mit dem Leguan, der immer häufiger den Weg von Draußen zu ihm in die Zelle findet. Deutschland – In mehreren Rückblenden wird Murats Weg zum muslimischen Glauben nachgezeichnet: Als Türsteher einer türkischen Diskothek schlägt er sich durchs Leben. Doch der dort betriebene Handel mit Drogen macht Murat zu schaffen und als sein Freund Octay bei einer Messerstecherei ums Leben kommt, beschließt er sein Leben zu ändern – auch um seiner zukünftigen Ehefrau, einer gläubigen Muslima, ein guter, gottesfürchtiger Ehemann zu sein. Murats Eltern und Freunde beobachten seinen Wandel kritisch. Sie haben große Sorgen, dass er einer von jenen fundamentalistischen Glaubenskriegern der Al-Quaida geworden sein könnte. Und auch die neu entstandene Freundschaft zu Serdal, mit dem er eine Koranschule in Pakistan besuchen will, stimmt sie misstrauisch. Doch Murat lässt sich durch Nichts von seinem Weg abbringen. Durch Murats Beharrlichkeit gerät Holford vermehrt unter Druck. Ein Vorgesetzter Holfords macht ihm klar, dass er ein Geständnis des Gefangenen braucht. Aus diesem Grund beschließt er seine Taktik zu ändern. Er täuscht gegenüber Murat vor, sein Freund Serdal habe ein Selbstmordattentat verübt, bei dem fünf Zivilisten und drei USamerikanische Soldaten ums Leben gekommen seien. Murat ist sichtlich schockiert und fassungslos. Noch immer ungläubig, erzählt er Akhmal, der inzwischen in Murats Nachbarzelle verlegt wurde, von dem Anschlag. Akhmal bedauert den Verlust der Amerikaner nicht und versucht Murat klarzumachen, dass es die Opfer nicht anders verdient hätten. Er gibt Murat die Gelegenheit, nun ruhig gestehen zu können, dass er einer von „ihnen“ sei. Doch bevor Murat etwas entgegnen kann, zieht das plötzliche Auftauchen des Leguans Murats und Akhmals Aufmerksamkeit auf sich. Akhmals Versuch, von Murat etwas über seine „wahre“ Vergangenheit zu erfahren, scheitert und somit auch seine geheime Mission, im Auftrag von Holford, ein Geständnis zu erringen. Besessen und unnachlässig treibt Holford sein perfides Spiel weiter. Er suggeriert Murat, dass er entlassen werde und von nun an ein freier Mann sei. Als Murat nach draußen geführt wird und das scheinbar rettende Geräusch der Helikopter-Rotoren vernimmt, kann er kaum glauben, dass sein Martyrium nun tatsächlich ein Ende haben soll. Doch die Hoffnung versiegt und wird schließlich in einer qualvollen Prügelattacke endgültig zerschlagen. All die Geschehnisse und hinterlistigen Versuche von Holford verdeutlichen Murat, dass seine Gegner zu wenig gegen ihn in der Hand haben und dies der eigentliche Grund sein muss, warum Holford mit aller Macht versucht, ein Geständnis von ihm zu bekommen. Durch diese Erkenntnis bleibt Murat stark und beweist eine Widerstandskraft, gegen die auch Holford nichts auszurichten vermag. Als Holford zugetragen wird, dass Murat einen Leguan in seiner Zelle hält, fordert er ihn auf, das Tier zu töten – ausgerechnet jenes Lebewesen, das für ihn zu einem wichtigen Symbol des Widerstands und zum einzigen Halt in dieser Zeit geworden ist. Murat widersetzt sich dem Befehl Holfords. Dieses Verhalten wird mit der Anordnung zur Isolationshaft quittiert. Unbeugsam tritt Murat schließlich in den Hungerstreik. Extreme Hitze, Kälte, dauerhaftes Licht und ständige Musik bringen ihn nicht dazu, seinen Willen zu brechen. Erst als Holford sich an Murats Angst vor einem Arztbesuch erinnert, kapituliert Murat und tötet den Leguan. Reglos liegt dieser vor ihm, als Holford wieder den Verhörraum betritt. Das Tier ist nun tot, doch Murat ist nach wie vor nicht bereit ein Schuldeingeständnis zu unterschreiben. Murat erkennt: Er hat nichts mehr zu verlieren. Nichts würde seine derzeitige Lage verbessern. Ein Geständnis würde all die Höllenqualen und Foltermaßnahmen rückwirkend nur gerechtfertigt erscheinen lassen. Nun muss Holford schließlich sich und seinen Vorgesetzten eingestehen, dass er gescheitert ist. Er verlässt das Gefangenenlager. Murat Kurnaz jedoch wird drei weitere Jahre den Schikanen und Repressalien der US-Soldaten in Guantanamo Bay ausgesetzt – insgesamt 1725 Tage verbringt er in Gefangenschaft.

Kommentare

1Mym0025. Mai 2013
Das ist eine Filmbiografie über einen Deutschtürken, der fälschlicherweise für einen Terroristen der Al Qaida gehalten und nach Guantanamo Bay verfrachtet wird. Der Fall war zu seiner Zeit so gut wie jedem aus den Medien bekannt. Dass dieses Gefängnis seit seiner Eröffnung Menschenrechte verletzt ist kein Geheimnis, doch es besteht bis heute. Ich für meinen Teil ziehe diesen Film so manchem Hollywood-Streifen vor.