Taliesyn
Lunatic
- 22 April 2008
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Will sagen, wenn eindeutige Abgrenzbarkeit die unerläßliche Voraussetzung jeder Beschäftigung mit dem Kern einer Sache sein soll und wäre, dürfte es fast keine Wissenschaftsdisziplin geben bei all den Überschneidungen und - vor allem - Unschärfen an den Rändern.
Das klingt jetzt recht autoritätsheischend, aber ich will damit nur klar machen, auf welcher Grundlage ich meine Aussagen treffe: Teil meines Studiums waren und sind sprachwissenschaftliche Aspekte (die ich zum größten Teil eher widerwillig durchgekaut habe, bis auf - richtig ^^ - Sprachwandel). Ich bin also mit dem Forschungsstand zu dem Thema vertraut - nicht sehr gründlich (ich würde sogar nach deinen Beiträgen vermuten, dass du dich besser auskennst als ich), aber doch in einem Umfang, dass ich sagen kann: Die Linguistik, gerade des Deutschen, besteht zu einem sehr sehr großen Teil aus dem bloßen Beschreiben von Phänomenen, nicht aber aus dem Erklären derselben - weil es schlichtweg keine brauchbare Erklärung gibt, bisher. Insofern ist sie eine sehr unscharfe, vage Wissenschaftsdisziplin, die im Grunde ausschließlich beobachtet (und, wenn ich mein Empfinden darüber einfließen lassen darf: sehr wahllos beobachtet) aber nicht oder nur wenig erklärt/erklären kann.
Daß Sprachwandel ausschließlich auf Zufällen beruht, kann ich so nicht stehenlassen - auf keiner Ebene, an die ich gerade denke. [...] alles Zufall?!
Dieser Absatz (in seinem ganzen Umfang) lässt mich vermuten, dass du unter Sprachwandel etwas anderes verstehst als ich. Was du anführst sind alles Beschäftigungsfelder MIT dem Phänomen des Sprachwandels, die natürlich nicht zufällig sind - man muss sich ja bewusst und absichtsvoll entschließen, über Sprachwandel zu diskutieren. Aber der Sprachwandel selbst (an dem Vereine wie der VdS völlig und Personen wie Bastian Sick teilweise vorbeigehen) ist zufälliger Natur, weil niemand planen kann, ob z.B. künftig "weil..."-Nebensätze in ihrer Konstruktion Hauptsätzen gleichen werden oder nicht - dass sind Phänomene, die irgendwo auftauchen und sich dann, wenn sie den Sprechenden einfacher oder anderweitig vorteilhaft erscheinen, größere Verbreitung finden.
Ja, ich halte eine solche allgemeine und allumfassende Theorie für denkbar
Und ich halte eine solche Theorie (eben mit meinen aufrichtig ungeliebten linguistischen Kenntnissen) für nahezu undenkbar - Sprache ist so lebendig, dass eine solche Theorie entweder sehr vage und damit nichtssagend wäre, oder aber, um umfassend und eindeutig zu sein, gewisse Aspekte ausklammern oder umbiegen müsste, um sie aufnehmen zu können.
Im Übrigen hielte ich die Grammatik - und ich denke, wir begrenzen beide diesen Begriff nicht auf Regelwerke - noch für einen zu kleinen Rahmen bzw. für zu losgelöst von den Umfeldern.
Ein Argument für mich - selbst der "kleine" Teilbereich der Grammatik ist nicht umfassend und kohärent zu erfassen.
Der Sprachwandel erklärt bestimmte Erscheinungen. Aber was erklärt den Sprachwandel?
Siehe oben.