Ja, das ist - wie ich ja schon schrieb - bei jeder jungen Partei so. Man wird kaum beispielsweise einen SPD-Wähler von den eigenen Qualitäten überzeugen können, wenn der seit Jahren und Jahrzehnten stur SPD wählt - wie Papa, Opi und Uropi auch schon. Schon gar nicht, wenn er sogar noch politisch aktiv und Mitglied in der SPD ist, womöglich auch schon verzweifelt gegen die Stimmung in den Wahlkampf gezogen ist, Plakate klebte oder den "Zweikampf" auf die Straße. Natürlich sind die ersten Anhänger immer jene, die eben nicht politisch gebunden sind und Freidenker. Aber auch Unzufriedene und Benachteiligte. Alles normal.Da bin ich anderer Meinung. Wenn die Wahlforschung Recht hat, so kommen viele der AfD Stimmen zur Zeit noch aus dem Protestlager, was auch nachvollziehbar erscheint. Diese Menschen sind aber oft nicht so gut in der Gesellschaft verankert, sind vielleicht arbeitslos oder zumindest viel mit ihrem Job beschäftigt, um überhaupt über die Runden zu kommen.
Aber für gewöhnlich bleibt es nicht so. Je länger (und/oder je mehr) Erfolg eine Partei hat, desto mehr Anhänger kann sie auch verzeichnen. Menschen mögen oft halt Gewinner. Viele wollen nicht "die Außenseiter" sein und machen ihre Meinung von der der Mehrheit abhängig. Einige Extremisten werden zum Glück auch wieder abspringen, wenn die Partei "mainstreamtauglich" wird. Und entsprechend mehrt sich dann auch die Zahl der Unterstützer, auch und vor allem der Lobbyisten.
Man muss ja nur ein paar Fragen direkt stellen. Die erste, alles entscheidene Frage ist, ob jemand mit der Politik der etablierten Parteien so weit einverstanden ist, dass er/sie mit ruhigem Gewissen das Kreuz an einer der "geläufigen" Stellen macht, also bei der CDU oder SPD (in Bayern auch CSU). Falls ja, ist jede weitere Diskussion über das Für und Wider der AfD, Linke, Grüne und wie sie alle heißen mögen, hinfällig.
Falls nicht, und das trifft auf etwa 52% der Deutschen zu (Wahlbeteilung 2013: 71,5%, wovon 67,2% die CDU, CSU oder SPD wählten, was also insgesamt 48,05% der Deutschen entspricht), trifft man entweder auf potenzielle Wähler oder Extremisten. Die Extremisten können bleiben wo sie sind, aber es verbleiben noch reichlich potenzielle Wähler. Und vielleicht auch Wähler anderer Parteien, die mit dem gefahrenen Kurs nicht (mehr) einverstanden sind. Denn die Wähler der anderen Parteien sind ja auch keine homogene Masse. Am leichtesten wird es sein, den Frustwähler zu "fangen". Der schließt sich schon frei- und bereitwillig der stärksten oppositionellen Kraft an. Dann die unzufriedenen Wähler anderer Parteien, die sich nicht mehr vertreten fühlen, aber dennoch wählen wollen. Am schwierigsten wird es sein, die Nichtwähler zu bewegen. Die haben längst resigniert (Feiglinge), sind desinteressiert (Dümmlinge) und/oder glauben gar, durch das Nichtwählen irgendwem irgendeine Legitimation entziehen zu können (dumme und feige Überzeugungstäter). Wie auch immer, hier liegt viel ungeborgenes Potenzial. Die Aufgabe ist also, so klar wie möglich zu definieren, was man warum wie machen will und den Glauben zu wecken, es auch schaffen zu können.
Mich interessiert vor allem die Ansicht der 52% der Deutschen, die nicht mit dem Kurs der Regierung d'accord gehen. Einige haben keine Meinung, andere scheinen einer anderen Partei mehr zu vertrauen, die Krise bewältigen zu können. Wieder andere werden die aktuellen Anliegen anders gewichten und denen wird die Rettung der gemeinen Feldmaus wichtiger sein als die Flüchtlingskrise. Und es interessiert mich die Meinung derjenigen, die politisch in einer der etablierten Parteien Mitglied und/oder engagiert sind und nicht mit dem gefahrenen Kurs überein stimmen. Halten sie trotzdem an ihrer Partei fest? Gehen sie parteiintern gegen den Kurs vor oder gilt noch immer der Befehl der (bedingungslosen) Geschlossenheit, auch wenn die Partei inzwischen eine andere ist, als sie noch beim Eintritt einst war? Oder denkt man, dass eine der etablierten Parteien unter allen Umständen immer das kleinste Übel ist?

