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Psychologin: «Die Wunden konnten nicht verheilen»

Die Berliner Psychologin Silke Haase (Archivbild)Großansicht

Berlin (dpa) - Nach dem Geständnis eines 40-Jährigen, der mindestens drei Jungen getötet haben soll, können die Hinterbliebenen aus Expertensicht nun inneren Frieden finden.

Die Berliner Psychotherapeutin Silke Haase (49) erklärte im Interview der Nachrichtenagentur dpa, warum es so wichtig ist, dass die Angehörigen von Mordopfern die genauen Umstände des Todes erfahren. Haase ist spezialisiert auf die Trauerarbeit nach Todesfällen.

Ein Mann hat gestanden, vor zehn Jahren Dennis K. und davor zwei weitere Jungen getötet zu haben. Was bedeutet das für die Familien der Opfer?

Haase: «Das reißt zwar alte Wunden auf, aber letztlich konnten die Wunden ohnehin nicht heilen. Wenn man gar nicht weiß, was genau passiert ist, wer es gemacht hat, dann ist nicht davon auszugehen, dass sie das in den zehn Jahren gut für sich abschließen konnten.»

Hat die Trauer der Eltern so viele Jahre nach der Tat nachgelassen?

Haase: «Für die Eltern ist das immer noch ganz frisch, es ist jetzt sofort alles wieder da. Ich glaube nicht, dass die Eltern in Bezug auf den Verlust ihres Kindes das Zeitgefühl haben, es sei schon zehn Jahre her. Irgendwie bleibt die Zeit für sie stehen.»

Was ist für die Eltern und anderen Angehörigen nun wichtig?

Haase: «Es wäre gut, wenn sie jetzt Näheres zur Tat erfahren, falls sie das möchten. Was genau der Mörder mit dem Kind gemacht hat und wie das Kind reagiert hat, das wäre sicher wichtig zur Verarbeitung. Menschen sind da sehr unterschiedlich, aber sie sollten sicherlich die Möglichkeit bekommen, mit jemandem zu sprechen, ob Pfarrer oder Psychologe oder Freunde. Man sollte nicht denken, "Ist ja schon zehn Jahre her und der Täter ist gefasst, jetzt ist doch alles gut."»

Was bedeutet es für die Familie, wenn sie nach so langer Unwissenheit Einzelheiten zur Tat erfährt?

Haase: «Wenn man etwas nicht weiß, hat man seine eigenen Fantasien, was passiert ist. Die Fantasien sind dann oftmals noch schlimmer als die Realität. Nicht zu wissen, bedeutet eben nicht, dass man sich keine Gedanken macht. Zur inneren Verarbeitung ist es oft besser, zu wissen, was die Realität war.»

Wäre der Täter nie gefasst worden - was hätte das für die Psyche der Familie bedeutet?

Haase: «Dann würde es immer eine offene Wunde bleiben. Dann laufen diese Gedankenketten immer wieder ab - was ist passiert, läuft der Täter noch frei rum, tötet er weiter? Dann kann man den Verlust kaum oder nur ganz ganz schwer innerlich abschließen. Nun ist es etwas leichter für sie, zu sagen: Es ist furchtbar, aber es ist Vergangenheit.»

Bekommen die Hinterbliebenen zwangsläufig Rachegefühle?

Haase: «Bei den meisten ist der Schmerz größer als die Rachegefühle. Aber das ist sehr unterschiedlich. Manche bekommen Rachegefühle, andere überhaupt nicht, die sind nur traurig. Aber jeder Betroffene hat den Wunsch, dass der Täter eine möglichst gerechte Strafe bekommt.»

Durch den anstehenden Gerichtsprozess wird die Mordserie weiter in den Medien präsent sein. Erschwert das die Trauerarbeit der Eltern?

Haase: «Ich glaube, die Eltern beschäftigten sich sowieso ganz intensiv damit. Da macht die Präsenz in den Medien nicht so einen großen Unterschied. Wenn es jetzt verschwiegen würde und keinen interessieren würde, dann ist es auch schwer für die Eltern. Für sie ist es vermutlich das schlimmste Erlebnis, das sie je hatten, und wenn das keinen interessieren würde, das ist auch schwer auszuhalten. Aber: Reißerische Schlagzeilen und Medienberichte können zusätzlich traumatisierend wirken.»

Kriminalität / Kinder
15.04.2011 · 21:35 Uhr
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