Seit heute morgen fahren hier auch Hundertschaften der Polizei vorbei. Mit Blaulicht und Sirene, da wird es vor Ort wohl geknallt haben - ich werde es wohl nachher in den Nachrichten hören.[...] Da ist es schon irgendwie verständlich, wenn die Menschen gegen Asylbewerberheime für Flüchtlinge aus Ländern mit einem Islamistenproblem aufbegehren und dass sich die braune Jauche das zu Propagandazwecken zu Nutzen macht. [...]
Aber davon mal abgesehen. Ich habe einige Freunde und Bekannte in Marzahn/Hellersdorf. Von denen geht zwar niemand auf die Straße, weder für, noch gegen das Heim. Und meine Freunde haben auch wieder viele Bekannte in dem Bezirk und wir reden dieser Tage viel über das Thema. Quintessenz: Die Anwohner dort haben Angst. Angst um ihre Kinder, Angst vor Kriminalität und Angst davor, dass die Wohnqualität des ohnehin schon nicht so begehrten Bezirks weiter abnimmt. Aber wovor haben sie Angst?
Weil die Entscheidung, den Leuten ein Asybewerberheim vor die Tür zu setzen, beinahe eine Nacht- und Nebelaktion eines profilierungssüchtigen Bezirksbürgermeisters war, namentlich des Stefan Komoß (SPD). Keinerlei Aufklärung der Anwohner, keine Informationsveranstaltungen im Vorfeld, keinerlei Rücksicht auf die Bedenken und Ängste seiner Anwohner. Die gibt er jetzt, wo schon alles zu spät ist. Aber vorher wird noch schnell jeder, der auch nur zaghafte Bedenken zu diesem Asylheim äußert, erstmal pauschal in die rechte Ecke gedrückt. Herrlich einfach. Er will wohl in die große Politik und sich über solche Aktionen den Weg dahin ebnen. Aber ist und bleibt ein widerlicher Vollidiot.
Vielleicht muss man Nicht-Berlinern dazu sagen, dass der Bezirk Marzahn/Hellersdorf die allerschlechteste Wahl für so ein Heim sein kann. Es ist ein östlicher Randbezirk Berlins und wurde schon zu DDR-Zeiten mit Hochhäusern zugebaut. Billiger Wohnraum für den real existierenden Arbeiter. Heute bekommt man dort Wohnungen verhältnismäßig schwer vermietet, weswegen einerseits die Mietpreise sinken (oder wenigstens stabil bleiben), andererseits aber auch alles mögliche Pack angezogen wird. Heute leben dort neben Deutschen der Unter- und Mittelschicht vor allem Russen und Vietnamesen. Eigentlich ist der Bezirk recht schön, insgesamt ruhig und verhältnismäßig sicher, aber auch hier nehmen die Probleme zu. Hohe Arbeitslosigkeit, wenig Geld, kaum oder keine Perspektiven und steigende Kriminalität - sehr fruchtbarer Boden für jedweden Extremismus. In diesem Bezirk nun eben Rechtsextremismus. Wobei man aber betonen muss, dass es eine Lüge ist, wenn man sagt, dass dieser Bezirk "braun" wäre. Hier gewinnt Die Linke noch immer das Gros ihrer Stimmen, auch die SPD ist dort leider gar nicht so unerfolgreich. Aber es wird wohl auch der Bezirk sein mit den meisten Rechtsextremisten, auch wenn ihre absolute Anzahl wohl kaum die 100 übersteigen dürfte.
Vor allem ärgert es mich aber maßlos, dass man das auf dem Rücken derer austrägt, die dieser Tage am wehrlosesten sind, nämlich die Asybewerber selbst. Die flüchten aus ihrem Land vor Krieg, Tod und Gewalt und ganz sicher werden sie eine Sache nicht wollen: Noch mehr Gewalt oder Krieg. Ich halte auch jede Wette, dass sie hier auch ganz andere Sorgen haben, als Autos zu knacken oder Frauen zu vergewaltigen. Die meisten Bewohner von Marzahn/Hellersdorf halte ich auch durchaus für schlau genug, das zu wissen.
Leider ist es entsetzlich einfach, den Leuten Angst zu machen. Wenn es in Marzahn/Hellersdorf mal zu einer Schießerei oder Messerstecherei kommt, dann gewinnt man zu 90% die Wette, dass das Russen waren. Wenn das in Neukölln passiert, kann man getrost auf die Türken (oder seltener auch Araber) setzen. Das reflektiert man nun also einfach auf die Kriegsflüchtlinge (sind ja auch nur "Ausländer") und schon haben die Leute Angst, ihre Kinder allein in die Schule gehen zu lassen. Dazu noch ein paar Worte, dass die Asylbewerber ja hier "umsonst" leben und "wie Privatpatienten behandelt werden" und schon ist der Tumult perfekt. (Andererseits frage ich mich, ob es der NPD lieber wäre, wenn die Leute den Deutschen die Arbeitsplätze weg nehmen würden und sich auch noch Rentenansprüche erwerben würden - aber das ist ein anderes Thema) Obwohl man das alles weiß, gibt sich dieses Arschloch von Komoß völlig unbedeindruckt. Er lebt wohl schon in Gedanken in einer Villa nähe Wandlitz. Und während dieser aufgeblasene Fatzke ein toller Typ vor seinen Genossen sein will, nutzt die NPD die Gelegenheit als Wahlkampfthema, wobei Hundertschaften der Polizei da irgendwie Ruhe und Frieden für ein Arsch voll Steuergeld sicherstellen müssen.
Was mir aber auch wichtig ist zu sagen: Was wir hier erleben ist nicht ein ganzer "brauner Bezirk", der gegen Ausländer ist oder sonst ein Blödsinn, der vielleicht in den nächsten Tagen über die Presse und Rundfunk verbreitet wird. Nur kann man hier wieder einmal fantastisch sehen, was passieren kann, wenn sich eine Partei intensiv um ein Thema kümmert (Angst schürt, die Leute aufhetzt, ...), während eine große Volkspartei in gewohnter Arroganz mit einem aufgeblasenem Hanswurst als Bezirksbürgermeister einen Scheiß darauf gibt, was die Leute denken. Wollen wir hoffen, dass es eine gewaltfreie Lösung geben wird und die Leute sich langsam wieder beruhigen.
EDIT: Obwohl ich nur sehr selten die deutsche Presse zu diesem Thema empfehlen kann, aber dieser Artikel von heute morgen ist wirklich lesenswert: Berliner Morgenpost
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