Soziales Öffnungsklausel im Tarifvertrag auch für nicht tarifgebundene Arbeitnehmer gültig?

Ein gut ausgebildeter Angestellter erhält nach der Ausbildung einen Vertrag vorgelegt in dem die Bezahlung so geregelt ist das eine Anlehnung an den Tarif der Chemie erfolgt aber sofort auch eine übertarifliche Zulage gezahlt. wird.
OK, direkt nach der Ausbildung wird nicht viel Spielraum da sein zur Verhandlung.

Vielleicht hätte er selbst ja auch viel mehr Urlaubstage aushandeln können wenn es die Tarifverträge nicht geben würde. Aber um den Betriebsfrieden zu wahren erhalten alle die gleiche Anzahl Urlaubstage.
Aussertariflich Beschäftigte haben meist weniger Urlaub, eine höhere Wochenarbeitszeit und dafür eben ein deutlich höheres Gehalt.

Hätte der AN geahnt dass ihm das mal zum Nachteil werden könnte hätte er sicher einen anderen Vertrag gefordert.
Kann er das nicht nachholen?

Im Betrieb ist der Unmut über die Gewerkschaft im übrigen sehr groß. Zu Beginn der "Unruhen" im Betrieb hat die Gewerkschaft massiv um neue Mitglieder geworben.
Völlig verständlich und auch die Begründung ist plausibel.

Der Großteil ist in die Gewerkschaft eingetreten und wird sich jetzt vermutlich dafür bedanken dass neben den 8 Prozent die fehlen noch ein weiteres Prozent für die Gewerkschaft futsch ist.
Verstehe ich nicht. Die treten in die Gewerkschaft ein, die Gewerkschaft macht sogar eine Umfrage, wie sie sich verhalten soll, die Mitglieder entscheiden, dass sie mit dr Lohnkürzung einverstanden sind... Und dann beschweren sie sich, dass sie jetzt der Lohnkürzung zugestimmt haben?

Ich beschreibe nur was mir berichtet wurde und frage mich ob das ein wirklich schlaues vorgehen der Gewerkschaft war.
Was wäre denn schlauer, als die eigenen Mitglieder im Betrieb zu fragen, was gemacht werden soll und die Entscheidung der Mehrheit umzusetzen? Das ist mir völlig unverständlich.

Zum Kernthema zurück: Mir kommt es einfach komisch vor das ein AN der mit der Gewerkschaft und den ausgehandelten Tarifverträgen nichts zu tun hat
Hat er aber doch, steht doch in seinem Arbeitsvertrag. Auch, wenn er keine Wahl hatte.

Bei den übertariflichen Beschäftigten handelt es sich oft um Mitarbeiter mit besonderen Qualifikationen. Im Zweifelsfall also die Leute die am ehesten gehen können. Ob sich sowohl Betrieb als auch Gewerkschaft damit einen Gefallen tun wage ich zu bezweifeln.
Du würdest es also präferieren, wenn der Arbeitgeber die Bestbezahlten verschont und sich lieber bei den untersten Tarifgruppen, die nicht so einfach gehen können, bedient?

Für mich macht es auch rechtlich wenig Sinn das jemand der nicht zumindest ein mal einem Tarif direkt zugestimmt hat dann an diesen gebunden ist nur weil im Vertrag steht dass das Gehalt dem Tarif + Zulage entspricht.
Er hat doch zugestimmt, mit der Unterschrift unter seinem Vertrag, oder nicht? Und er hat nun mal einen Vertrag unterschrieben, der ihn abhängig macht von Entscheidungen anderer. Die Schuld sollte er also bei sich suchen und den Fehler dann korrigieren. Ob er damit in Zukunft besser fährt, wird sich dann herausstellen, wenn er in Zukunft für jede Gehaltserhöhung jährlich vorstellig werden muss.

Marty
 
OK, direkt nach der Ausbildung wird nicht viel Spielraum da sein zur Verhandlung.

So ist es. Und außerdem hätten vermutlich 90 Prozent der Leute die er nach ihrer Meinung hätte fragen können ihm erzählt das er ruhig unterschreiben kann weil sie auch sowas im Vertrag stehen haben. Es ist halt irgendwie so eine Standardformulierung. Und wer geht schon zum Anwalt und lässt seinen Arbeitsvertrag vorab prüfen?

Aber grundsätzlich stimmt es schon dass er mit seiner Unterschrift zugestimmt hat. Aber es haben auch zig Millionen Ihre "Unterschrift" bei Facebook gegeben ohne sich darüber im klaren zu sein dass sie damit z.B. die Rechte an ihren eigenen dort eingestellten Fotos abgeben - selbst wenn sie die Fotos später löschen.

Das soll seine "Naivität" nicht rechtfertigen - aber ich kann es schon irgendwie nachvollziehen.


Kann er das nicht nachholen?

Das werde ich ihm vorschlagen. Es gibt ja durchaus auch Argumente die aus AG-Sicht dafür sprechen würden. Vielleicht kann man sich da einig werden.


Verstehe ich nicht. Die treten in die Gewerkschaft ein, die Gewerkschaft macht sogar eine Umfrage, wie sie sich verhalten soll, die Mitglieder entscheiden, dass sie mit dr Lohnkürzung einverstanden sind... Und dann beschweren sie sich, dass sie jetzt der Lohnkürzung zugestimmt haben?

Obwohl ich nie in der Gewerkschaft war und jetzt als selbstständiger damit eh nicht mehr am Hut habe (da bin ich höchstens Zwangsmitglied in der Handelskammer) kann ich das sehr gut verstehen. Den Mitarbeitern (viele davon einfache Leute die eine Familie zu versorgen haben) wurde von Seiten der Geschäftsführung Angst gemacht.

Ich persönlich finde ja dass es die Aufgabe der Gewerkschaft gewesen wäre den Mitarbeitern diese Angst zu nehmen! Angst haben können die Mitarbeiter auch ohne Gewerkschaft. Und es macht schon einen Unterschied ob man sagt "ihr braucht keine Angst zu haben es kann gar nicht so ohne weiteres zu Entlassungen kommen" oder ob man sagt "ihr werdet alle sterben wenn ihr nicht unterschreibt" (ähm... etwas übertrieben :ugly:)


Was wäre denn schlauer, als die eigenen Mitglieder im Betrieb zu fragen, was gemacht werden soll und die Entscheidung der Mehrheit umzusetzen? Das ist mir völlig unverständlich.

so isoliert betrachtet ist das richtig. Besser als die Mitglieder zu befragen geht es ja eigentlich gar nicht. Aber wenn man dabei in die Kerbe des AG haut ist das ja schon auch ein wenig manipulativ.

Und jetzt mal etwas ganz wichtiges was ich mich frage: Wäre es nicht das natürlichste von der Welt in so eine Vereinbarung zu schreiben dass die ausgefallenen Lohnanteile im Falle der wirtschaftlichen Gesundung (wenn denn überhaupt eine Erkrankung der Firma vorliegt) wieder nachzuzahlen (und zwar egal wie lange es dauert bis es der Firma wieder besser geht?

Das ist doch genau das was oft gefordert wird - gerade von Gewerkschaftlern. Das käme dem Investivlohn doch schon ziemlich nahe. Warum werden vereinbarte Gehaltsbestandteile nicht in Anleihen umgewandelt wenn diese nicht ausgezahlt werden können? Vielleicht gäbe es sogar Mitarbeiter die bereit wären einen Anteil zu "investieren" der größer ist als die 8 Prozent.

DAS hätte ich von einer Gewerkschaft erwartet. Alles andere hätten die AN auch ohne die Gewerkschaft erledigen können. Da hätten Sie nur gleich das unterschreiben brauchen was der AG gefordert hat - das Ergebnis ist ja jetzt das gleiche!


Du würdest es also präferieren, wenn der Arbeitgeber die Bestbezahlten verschont und sich lieber bei den untersten Tarifgruppen, die nicht so einfach gehen können, bedient?

Auf keinen Fall. Ich sehe oft eine große Ungerechtigkeit darin das es Leute gibt die schwere Arbeiten leisten und dabei ihren Körper verschleißen während andere den ganzen Tag auf dem Bürostuhl sitzen und für relativ leichte Arbeiten das doppelte verdienen. Wobei ich jetzt mal ganz klar sagen muss das Büroarbeit auch sehr anstrengend sein kann.

Aber es ist doch nun mal Fakt das die gut qualifizierten innerhalb kürzester Zeit einen neuen Job finden können und die schlecht qualifizierten eben nicht. Wenn man also die "guten" gehen lässt geht das doch wohl früher oder später auch zu lasten der "schlechten", oder? Natürlich darf man sich dadurch nicht erpressbar machen - aber eigentlich ist man es doch!


Er hat doch zugestimmt, mit der Unterschrift unter seinem Vertrag, oder nicht? Und er hat nun mal einen Vertrag unterschrieben, der ihn abhängig macht von Entscheidungen anderer. Die Schuld sollte er also bei sich suchen und den Fehler dann korrigieren. Ob er damit in Zukunft besser fährt, wird sich dann herausstellen, wenn er in Zukunft für jede Gehaltserhöhung jährlich vorstellig werden muss.

Es erfolgten bisher ohnehin schon jährliche Gehaltsgespräche. Von daher würde es keinen Unterschied geben. Und ein AG wird ja immer dafür sorgend die tarifliche Erhöhung auch an die anderen zu geben um eben keinen Anreiz zu schaffen dass diese doch in die Gewerkschaft gehen - das ist zumindest meiner Meinung nach seit Ewigkeiten gängige Praxis.

Ich will den betroffenen jetzt auch gar nicht in Schutz nehmen. Er verdient gutes Geld für sein relativ junges Alter und im Betrieb kann man es eigentlich aushalten. Trotzdem gibt es natürlich gerade bei so einem jungen Menschen einen gewissen Frust. Besonders wenn alle Freunde von Gehaltserhöhungen berichten (ist ja momentan sehr verbreitet) und man selbst das Gefühl bekommt nicht voran zu kommen. Trotzdem bleibt es "jammern auf hohem Niveau".

Auf der anderen Seite habe ich vor 6 oder 7 Jahren mal eine längere Fortbildung gemacht wo man zu vielen Kursteilnehmer auch ein intensiveres (privates) Verhältnis aufgebaut hat. Dort haben mir wirklich die Ohren geschlackert als ich gehört habe zu welchen Bedingungen da einige arbeiten die erst einige Jahre Berufserfahrung hatten. Zugegeben - da waren viele die in Tabakkonzernen, der Spezialchemie, internationalen Großunternehmen usw. gearbeitet haben.

Aber allein ein Blick auf den Parkplatz hat schon einiges gezeigt. Wenn junge angestellte mit dem 7er BMW zur Fortbildung kommen und das Fahrzeug privat nutzen dürfen dann kann ich mir noch denken "erzählen kann man viel - vermutlich hat der Chef den jungen zum Waschen des Autos geschickt". Aber wenn ich Gehaltsabrechnungen sehe wo man trotz Steuerklasse 1 unterm Strich über 4.000 Euro Netto und ohne sonstige außergewöhnliche Zulagen hat - dann stimmt etwas am System nicht. Und das ganze ist inzwischen ja schon etliche Jahre her.

Das hat auch jetzt nichts mit Neid zu tun. Ich habe früher selbst gut verdient. Aber wenn ich daran denke das in diesen Betrieben vermutlich viele Arbeiter unterwegs waren die schon 30 Jahre für die Firma arbeiten und trotzdem keine 2.000 Euro verdienen und davon noch eine Familie zu ernähren haben dann empfinde ich das einfach als ungerecht und wenig leistungsbezogen.

Ich bin sonst wirklich ein Freund der freien Marktwirtschaft. Es soll meiner Ansicht nach weder Obergrenzen für Managergehälter geben noch eine Reichensteuer. Aber irgendwie muss sich trotzdem etwas ändern. Von mir aus sollen meine damaligen Kursbegleiter ja gut verdienen und irgendwann ihre Familie gut damit ernähren können. Aber man muss doch auch erst mal was leisten bevor man nur aufgrund einer Position "automatisch" übermäßig bezahlt wird.

Aber ich schweife ja total ab... sorry! ;)
 
Den Mitarbeitern (viele davon einfache Leute die eine Familie zu versorgen haben) wurde von Seiten der Geschäftsführung Angst gemacht.
Nochmal: Und deshalb haben sie in einer Umfrage ihrer Gewerkschaft der Kürzung zugestimmt. Um danach der Gewerkschaft einen Vorwurf zu machen, dass sie sich an das Votum halten.

Stell Dir vor, die Gewerkschaft hätte dann nicht zugestimmt und es hätte Massenentlassungen gegeben?

Ich persönlich finde ja dass es die Aufgabe der Gewerkschaft gewesen wäre den Mitarbeitern diese Angst zu nehmen! Angst haben können die Mitarbeiter auch ohne Gewerkschaft.
Das ist ja nett gesagt, aber ich kann Dir aus meiner Arbeit als Betriebsrat sagen, dass Du da keine Chance hast. Was die Leute wollen, ist einen Schuldigen für ihr Problem. Die kommen zu mir gerannt, beschweren sich über angesetzte Wochenendschichten und das sie endlich mal Sonntags frei haben wollen. Dann kümmert man sich, spricht mit Geschäftsleitung und Vorgesetzten, schafft im Sommer freie Wochenenden, damit die Leute bei schönem Wetter frei haben.... Und was passiert: Dieselben Leute kommen angerannt, weil sie jetzt weniger Geld haben und der böse Arbeitgeber ihnen die Sonntagszuschläge nicht mehr zahlt.

Wäre es nicht das natürlichste von der Welt in so eine Vereinbarung zu schreiben dass die ausgefallenen Lohnanteile im Falle der wirtschaftlichen Gesundung (wenn denn überhaupt eine Erkrankung der Firma vorliegt) wieder nachzuzahlen (und zwar egal wie lange es dauert bis es der Firma wieder besser geht?
Es wäre eine gute Lösung, aber das wird kein Arbeitgeber unterschreiben. Überschätze da die Macht eines Betriebsrats nicht.

Man hätte in dieser Situation über ergebnisabhängige Boni für alle Mitarbeiter sprechen können für die Zukunft. Aber dann übernimmt der Arbeitnehmer Risiken, die eigentlich der Arbeitgeber tragen soll. Das gefällt vielen auch nicht.

DAS hätte ich von einer Gewerkschaft erwartet. Alles andere hätten die AN auch ohne die Gewerkschaft erledigen können. Da hätten Sie nur gleich das unterschreiben brauchen was der AG gefordert hat - das Ergebnis ist ja jetzt das gleiche!
Da ich nicht weiß, was da im Detail an Verhandlungen gelaufen ist, kann ich darauf nicht eingehen. Ich kann aber sicher sagen, dass die Mitarbeiter meist nicht erfahren, was da alles im Vorfeld passiert ist. Vielleicht wollte der Arbeitgeber ja zusätzlich noch 100 Leute feuern und man hat zumindest das verhindert.

Aber es ist doch nun mal Fakt das die gut qualifizierten innerhalb kürzester Zeit einen neuen Job finden können und die schlecht qualifizierten eben nicht.
Wie sieht Deine Lösung aus?

Es erfolgten bisher ohnehin schon jährliche Gehaltsgespräche. Von daher würde es keinen Unterschied geben. Und ein AG wird ja immer dafür sorgend die tarifliche Erhöhung auch an die anderen zu geben um eben keinen Anreiz zu schaffen dass diese doch in die Gewerkschaft gehen - das ist zumindest meiner Meinung nach seit Ewigkeiten gängige Praxis.
Und wird es exakt wie lange bleiben? Bis die Gewerkschaften so wenig Mitglieder haben, dass sie keine Macht mehr haben. Und dann wird es lustig, das kann ich garantieren-

Trotzdem gibt es natürlich gerade bei so einem jungen Menschen einen gewissen Frust. Besonders wenn alle Freunde von Gehaltserhöhungen berichten (ist ja momentan sehr verbreitet) und man selbst das Gefühl bekommt nicht voran zu kommen.
Tja, was soll ich dir sagen. Ich muss gerade Menschen erklären, dass sie demnächst trotz eines Jobs wieder zum Amt laufen müssen um Hartz IV ergänzend zu beantragen. Und das ich als Arbeitnehmervertreter da sogar zugestimmt habe. Glaubst Du, die werden zufrieden sein mit mir? Glaubst Du, die interessieren sich dann auch nur eine Sekunde für die Sorgen eines Angestellten, der 400 Euro über Tarif bekommt?

Aber wenn ich Gehaltsabrechnungen sehe wo man trotz Steuerklasse 1 unterm Strich über 4.000 Euro Netto und ohne sonstige außergewöhnliche Zulagen hat - dann stimmt etwas am System nicht.
Tja, vergleich einfach mal den Chemie-Tarifvertrag mit anderen. Bei uns gilt der Textil-Vertrag. Da wirst Du schon enorme Unterschiede feststellen. Glücklich kann sein, wer bei VW arbeiten darf. Und jetzt frag Dich mal, warum es diese Unterschiede gibt, und was das mit der Stärke und dem Handeln von Gewerkschaften zu tun hat.

Marty
 
Das ist ja nett gesagt, aber ich kann Dir aus meiner Arbeit als Betriebsrat sagen, dass Du da keine Chance hast. Was die Leute wollen, ist einen Schuldigen für ihr Problem. Die kommen zu mir gerannt, beschweren sich über angesetzte Wochenendschichten und das sie endlich mal Sonntags frei haben wollen. Dann kümmert man sich, spricht mit Geschäftsleitung und Vorgesetzten, schafft im Sommer freie Wochenenden, damit die Leute bei schönem Wetter frei haben.... Und was passiert: Dieselben Leute kommen angerannt, weil sie jetzt weniger Geld haben und der böse Arbeitgeber ihnen die Sonntagszuschläge nicht mehr zahlt.
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Ich war in meiner Zeit als Angestellter immer ziemlich pro AG eingestellt und bin damit auch bei einigen Kollegen nicht so gut angekommen. Aber es sind genau diese von Dir beschriebenen Dinge Dir mir klar gemacht haben das auch ein Arbeitgeber es nicht immer leicht hat. Und allen recht machen kann man es ja sowieso nie.

bestes Beispiel: im genannten Betrieb meines bekannten gab es vor längerer Zeit nicht so viel zu tun. Man hat in Abstimmung mit der gewerblichen Belegschaft beschlossen weniger zu Arbeiten. Soweit ich weiß gab es eine Gehaltskürzung die aber nicht vollständig auf die Stunden umgerechnet wurde. Es war also tatsächlich so dass es z.B. 10 Prozent weniger Lohn gab obwohl 20 Prozent weniger gearbeitet wurde. Das war so vereinbart und viele fanden das wohl auch toll. Noch besser hätten wohl die meisten es gefunden wenn es bei 100 Prozent weniger Arbeit 50 Prozent weniger Lohn gegeben hätte - aber man kann ja nicht alles haben ;-)

Jedenfalls wurde dann häufiger der Ruf danach laut statt täglich 1,5 oder 2 Stunden kürzer zu arbeiten doch einen ganzen Tag wegfallen zu lassen. Man hätte dann ein verlängertes Wochenende und auch entsprechend weniger Fahrtkosten weil man ja nur noch 4 mal pro Woche in den Betrieb käme. Tatsächlich hat sich der AG darauf eingelassen. Einzige Bedingung: so bald mehr zu tun ist wird auch wieder Freitag gearbeitet (eigentlich selbstverständlich, oder?).

Irgendwann war mehr zu tun und dann passierte etwas erstaunliches. Die Leute hatten sich so an ihr verlängertes Wochenende gewohnt dass sie lieber unter der Woche länger gearbeitet haben. Ich weiss nicht mehr ob es dann an der Anzahl der Tagesarbeitsstunden lag oder an der Zeit zu der gearbeitet wurde - aber plötzlich kamen die Mitarbeiter in Bereiche in denen dann Zuschläge fällig wurden. Das ganze wurde so bunt getrieben das der AG gar keine andere Möglichkeit hatte als die Sonderregelung zu streichen.

Jeder sitzt an seiner Seite des Tisches und versucht das beste für sich heraus zu holen. Das ist völlig natürlich. Aber ich muss mich schon wundern wie einige "Lücken" für sich ausnutzen und damit dann dazu beitragen das Privilegien für alle gestrichen werden.

Ist das ein großer Betrieb wo Du da arbeitest? Bist Du hauptberuflich Betriebsrat (also sozusagen freigestellt)? Ich glaube für mich wäre das gar nichts! Man hat immer entweder mit der AG-Seite Stress oder mit den Arbeitnehmern - am häufigsten wohl aber mit beiden gleichzeitig, oder? ;-)


Man hätte in dieser Situation über ergebnisabhängige Boni für alle Mitarbeiter sprechen können für die Zukunft. Aber dann übernimmt der Arbeitnehmer Risiken, die eigentlich der Arbeitgeber tragen soll. Das gefällt vielen auch nicht.

Nun ja - es ist doch besser 8 Prozent seines Gehalts in Risikokapital umzuwandeln als gleich von Beginn an darauf zu verzichten. Immerhin besteht ja dann auch die Möglichkeit dass es gut läuft und man eine ordentliche Rendite bekommt. Außerdem (ver)bindet es die AN an ihr Unternehmen. Beide Seiten können dadurch lernen besser den Standpunkt der Gegenseite zu verstehen.


Wie sieht Deine Lösung aus?

Um hoch qualifizierte Mitarbeiter im Unternehmen zu halten die die Problemlösung mit dem Gehalt (Umwandlung des Verzichts in Investivlohn) doch auch eine geeignete Möglichkeit. Man schlägt sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich glaube bei HP wurde das früher mal ganz massiv betrieben und man ist sehr lange damit gut gefahren. Gibt aber auch noch viele andere Beispiele.


Tja, was soll ich dir sagen. Ich muss gerade Menschen erklären, dass sie demnächst trotz eines Jobs wieder zum Amt laufen müssen um Hartz IV ergänzend zu beantragen. Und das ich als Arbeitnehmervertreter da sogar zugestimmt habe. Glaubst Du, die werden zufrieden sein mit mir? Glaubst Du, die interessieren sich dann auch nur eine Sekunde für die Sorgen eines Angestellten, der 400 Euro über Tarif bekommt?

Auf das Spiel lasse ich mich nicht ein. Ich gebe Dir zwar im Grundsatz recht aber sehe in der Argumentation trotzdem einen Fehler. Statt zu erklären dass die Menschen zusätzlich Hartz IV beantragen müssen und dafür zum Amt laufen müssen könntest Du ja auch sagen dass sie im Gegensatz zu Menschen in der dritten Welt das Glück haben zum Amt gehen zu dürfen und Leistungen beantragen zu können.

Du versteht auf was ich hinaus will. Es geht darum das man sich nicht aus jeder Position nach unten Orientieren kann. Es gibt immer einen dem es noch schlechter geht. Das kann doch aber kein Argument sein. Würden Arbeitgeber so argumentieren würden die Gewerkschaften auf die Barrikaden gehen. Zur recht.

Du und ich können die Welt heute nicht ändern. Und global betrachtet sind wir uns sicher einig dass es denen die bei uns meinen ganz unten zu sein noch tausend mal besser geht als dem Großteil der Weltbevölkerung.


Tja, vergleich einfach mal den Chemie-Tarifvertrag mit anderen. Bei uns gilt der Textil-Vertrag. Da wirst Du schon enorme Unterschiede feststellen. Glücklich kann sein, wer bei VW arbeiten darf. Und jetzt frag Dich mal, warum es diese Unterschiede gibt, und was das mit der Stärke und dem Handeln von Gewerkschaften zu tun hat.

Hab ich mir überlegt. Für mich ist ganz klar warum das nichts mit den Gewerkschaften zu tun hat. Die Automobilindustrie boomt durch die überzeugenden Produkte welche zu einem Großteil exportiert werden (bzw. wurden). Es gab Zeiten wo die Automobilfarbriken so gut ausgelastet waren dass man händeringend Mitarbeiter gesucht hat. Da brauchte niemand eine Gewerkschaft im Rücken um gute Konditionen auszuhandeln.

In der Textilindustrie sieht es meines Wissens nach ganz anders aus. Ich vermute mal dass es da einen deutlichen Importüberschuss gibt. Man kann demnach froh sein wenn es in Deutschland überhaupt noch Textilindustrie gibt. Entsprechend schwach ist die Ausgangsposition für die Gewerkschaft wenn es um Verhandlungen geht.

Ich war vor wenigen Tagen auf einer Messe wo ich zufällig mit einem Hersteller / Händler von Krawatten ins Gespräch kam. Ich fragte ihn warum man durch den Import aus anderen Ländern einen Kannibalismuseffekt riskiert und damit die eigene Produktion gefährdet. Seine Antwort war die: Die Herstellung einer Seidenkrawatte in unserem Werk in Deutschland kostet 6,00 Euro. Ich könnte bei ihm aber auch Krawatten aus südeuropäischer Produktion bekommen (dieses mal ist es also nicht der Osten wie sonst üblich) und dann würde ich 4,50 Euro zahlen. Aber auch in Asien gefertigte Krawatten bot er mir an - Stückpreis 2,50 Euro. Die Qualitätskontrollen seien sehr massiv und versprach mir eine annähernd gute Qualität wie bei dem Produkt aus Deutschland.

Da wandelt sich gerade ein Hersteller zum Importeur - und das allein aufgrund der Herstellungskosten welche zum überwiegenden Teil aus Lohnkosten bestehen. Bisher hält man die eigene Produktion aufrecht weil es noch immer Kunden gibt die bereit sind für ein Produkt "Made in Germany" das doppelte auszugeben - selbst wenn sie keinen Qualitätsunterschied feststellen können.

Wie soll eine Gewerkschaft in so einer Situation noch sinnvolle Verhandlungen führen? Jede massive Lohnkostenerhöhung würde zur Schließung der deutschen Produktion führen.