Ich finde Anzüge gar nicht anziehend
„Es ist, wie wenn man einen Anzug anhat, dann bewegt man sich anders, und man bekleckert sich weniger“, schreibt der von mir überaus geschätzte Schriftsteller Max Goldt in seinem Buch „Wenn man einen weißen Anzug anhat“. Und Recht hat er, Recht gebe ich ihm, ein wenig. Zwar käme mir nie in den Sinn einen weißen Anzug anzuziehen, aber erstens bezieht sich das Zitat auf Anzüge jeglicher Coleur, und zweitens fühle ich mich tatsächlich anders, nicht wohl, wenn ich mich dank gesellschaftlicher Zwänge in einen Anzug zwänge. Das muss ich, wenn ich beispielsweise einen als feierliche Zelebration dieser gesellschaftlichen Zwänge getarnten Kampf mit der Bourgeoisen-Willkür um Reputation und Beziehungen – kurz, einen Ball – zu besuchen genötigt werde.
Als flapsiger, lockerer, mitunter tollpatschiger Mensch sehe ich den Anzug als unvereinbar mit meinem Naturell, meinem Verständnis zu feiern und meiner Art irgendetwas zu tun.
Ein Anzug ist aus Zwirn, der der Haut fremder ist als das, was sie üblicherweise umschmeichelt und zudem teurer als Baumwolle oder Baumwolle/Polyester-Gemisch. Teures beschädigt man von Natur aus nicht gerne (solange es nicht einem selbst gehört) und so vermeidet man tunlichst, den Anzug zu bekleckern, zu bestauben oder zu zerknittern. Taucht man so einen Anzug nämlich wie gewohnt in Persilwasser und rührt ordentlich oder versucht man, ihn selbst zu entknütteln, so hat man die längste Zeit einen ordentlichen Anzug gehabt. Nein, so ein vornehmer Fummel muss in die Reinigung. Das bedeutet: noch mehr Kosten und dennoch unvermeidbarer Qualitätsverlust.
Feiern im Anzug, das bedeutet: Will man Finanzen und Nerven schonen, sollte man sich möglichst gar nicht bewegen (fällt in der Steifheit des Stoffes nicht schwer) und gebührlichen Abstand von Getränken, Speisen, Zigaretten, Menschen, Möbeln, Tieren, Witterungen halten. Paranoid und einsam, bald depressiv und manisch benimmt man sich lebhaft wie Horacio Nelson auf seiner Säule.
Ein Anzug ist also Fessel für Körper und Geist.
Doch damit nicht genug.
Ich will meine Meinung nicht bloß auf meiner Nachlässigkeit im Umgang mit Wein und Soßen begründen. Es gibt auch eine Begründung ideeller, kritischer Art.
Der Anzug ist Kleidung des Geschäftsmannes. Der Geschäftsmann ist an sich nicht böse. Der Bäckerfilialleiter, der Kioskbesitzer, der WWF-Werbenippeshersteller und der T-Shirt-Internetversandhändlier, das sind alles nette Menschen, deren Dienste ich schätze und die auch im Hemd seriös genug erscheinen, um ihr Geschäft zu führen.
Ich spreche aber von diesen kaltblütigen Kapitalisten an der Börse und in den Chefetagen der Konzerne. Menschen, die buy und sell sagen anstatt kaufen und verkaufen. Menschen, für die das Handy erfunden wurde, damit sie ununterbrochen buyen und sellen können, damit sie ihre Angehörigen noch mehr vernachlässigen können, so sie ihnen nicht eh shcon den Rücken gekehrt haben. Menschen, die nicht durch ihrer Hände harter Arbeit, sondern durch Glück zu ihrem Vermögen kommen und deswegen ihresgleichen verachten, sich selbst aber für die Größten halten. Menschen, die bei Kriegen und Katastrophen nur an die Auswirkungen auf ihre Aktien denken. Leute, die Tausende von Mitarbeitern entlassen, nicht etwa weil die Firma rote Zahlen schreibt, nein, sondern weil sich der Reingewinn nicht auf zwanzig Milliarden erhöht hat. Leute, die von ihrem erfüllten Familienglück sprechen, denn sie telefonieren ja täglich zehn Minuten mit Frau und Kind. Leute, die ihre Arbeiter schinden und schänden, um sich noch ein Haus in Florida leisten zu können. Leute, die Hungerlöhne zahlen und sich am Leid und am Zerfall von Mensch und Stadt vor ihrem geistigen Auge ergötzen, während sie eine Linie nach der anderen schnupfen.
Solche Leute tragen Anzug!
Nein, neidisch bin ich nicht. Hätte ich die Wahl zwischen zwei zwölf Millionen schweren Identitäten, ich gäbe dem kolumbianischen Drogenbaron den Vorzug vor den oben genannten Typen. Denn in jenem Geschäft steckt nicht soviel moralischer Schmutz. Und Anzüge trägt man da nur, wenn man es will.
James Bond kleidet sich auch in Jackett und sogar in Fliege. Trotzdem er ist unbeschreiblich cool und he drives the fastest cars and the hottest chicks. Das geht aber auch ohne Anzug. Ich bin auch eher Bon-Scott-cool.
Und nun – Achtung! Klimax! – die allerschlimmsten Schlipsträger:
Politiker.
Als flapsiger, lockerer, mitunter tollpatschiger Mensch sehe ich den Anzug als unvereinbar mit meinem Naturell, meinem Verständnis zu feiern und meiner Art irgendetwas zu tun.
Ein Anzug ist aus Zwirn, der der Haut fremder ist als das, was sie üblicherweise umschmeichelt und zudem teurer als Baumwolle oder Baumwolle/Polyester-Gemisch. Teures beschädigt man von Natur aus nicht gerne (solange es nicht einem selbst gehört) und so vermeidet man tunlichst, den Anzug zu bekleckern, zu bestauben oder zu zerknittern. Taucht man so einen Anzug nämlich wie gewohnt in Persilwasser und rührt ordentlich oder versucht man, ihn selbst zu entknütteln, so hat man die längste Zeit einen ordentlichen Anzug gehabt. Nein, so ein vornehmer Fummel muss in die Reinigung. Das bedeutet: noch mehr Kosten und dennoch unvermeidbarer Qualitätsverlust.
Feiern im Anzug, das bedeutet: Will man Finanzen und Nerven schonen, sollte man sich möglichst gar nicht bewegen (fällt in der Steifheit des Stoffes nicht schwer) und gebührlichen Abstand von Getränken, Speisen, Zigaretten, Menschen, Möbeln, Tieren, Witterungen halten. Paranoid und einsam, bald depressiv und manisch benimmt man sich lebhaft wie Horacio Nelson auf seiner Säule.
Ein Anzug ist also Fessel für Körper und Geist.
Doch damit nicht genug.
Ich will meine Meinung nicht bloß auf meiner Nachlässigkeit im Umgang mit Wein und Soßen begründen. Es gibt auch eine Begründung ideeller, kritischer Art.
Der Anzug ist Kleidung des Geschäftsmannes. Der Geschäftsmann ist an sich nicht böse. Der Bäckerfilialleiter, der Kioskbesitzer, der WWF-Werbenippeshersteller und der T-Shirt-Internetversandhändlier, das sind alles nette Menschen, deren Dienste ich schätze und die auch im Hemd seriös genug erscheinen, um ihr Geschäft zu führen.
Ich spreche aber von diesen kaltblütigen Kapitalisten an der Börse und in den Chefetagen der Konzerne. Menschen, die buy und sell sagen anstatt kaufen und verkaufen. Menschen, für die das Handy erfunden wurde, damit sie ununterbrochen buyen und sellen können, damit sie ihre Angehörigen noch mehr vernachlässigen können, so sie ihnen nicht eh shcon den Rücken gekehrt haben. Menschen, die nicht durch ihrer Hände harter Arbeit, sondern durch Glück zu ihrem Vermögen kommen und deswegen ihresgleichen verachten, sich selbst aber für die Größten halten. Menschen, die bei Kriegen und Katastrophen nur an die Auswirkungen auf ihre Aktien denken. Leute, die Tausende von Mitarbeitern entlassen, nicht etwa weil die Firma rote Zahlen schreibt, nein, sondern weil sich der Reingewinn nicht auf zwanzig Milliarden erhöht hat. Leute, die von ihrem erfüllten Familienglück sprechen, denn sie telefonieren ja täglich zehn Minuten mit Frau und Kind. Leute, die ihre Arbeiter schinden und schänden, um sich noch ein Haus in Florida leisten zu können. Leute, die Hungerlöhne zahlen und sich am Leid und am Zerfall von Mensch und Stadt vor ihrem geistigen Auge ergötzen, während sie eine Linie nach der anderen schnupfen.
Solche Leute tragen Anzug!
Nein, neidisch bin ich nicht. Hätte ich die Wahl zwischen zwei zwölf Millionen schweren Identitäten, ich gäbe dem kolumbianischen Drogenbaron den Vorzug vor den oben genannten Typen. Denn in jenem Geschäft steckt nicht soviel moralischer Schmutz. Und Anzüge trägt man da nur, wenn man es will.
James Bond kleidet sich auch in Jackett und sogar in Fliege. Trotzdem er ist unbeschreiblich cool und he drives the fastest cars and the hottest chicks. Das geht aber auch ohne Anzug. Ich bin auch eher Bon-Scott-cool.
Und nun – Achtung! Klimax! – die allerschlimmsten Schlipsträger:
Politiker.