Sind die (Jugend)-Strafen in Deutschland zu lasch oder gerechtfertigt ?

dApLaYa

Loseverleiher
ID: 219696
L
20 April 2006
4.514
222
Liebe Community,

hier möchte ich mal ein aktuelles Thema sachlich mit Euch diskutieren. Seid ihr der Meinung, dass die Jugendstrafen in Deutschland für Ersttäter als auch für Wiederholungstäter gerechtfertigt sind, oder empfindet ihr Sie als viel zu lasch ?

Anlässlich der jüngsten Ereignisse am Berliner Hauptbahnhof, stelle ich mir die Frage, ob und warum es eventuell gerechtfertigt sein soll und kann einen 16-jährigen Jugendlichen wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes in über 20 Fällen lediglich zu maximal 5 Jahren Haft OHNE Bewährung zu verurteilen.

Ist das wirklich gerecht ? Angenommen der in Untersuchungshaft gehaltene Jugendliche war es NUN wirklich, was ja quasi feststeht, und war vielleicht nicht wegen überhöhten Alkoholkonsums voll zurechnungsfähig, kann man ihn dann nur für 5 Jahre verdonnern ?

Was passiert nach den 5 Jahren ?

Seine Gewaltbereitschaft wird meiner Meinung nacht nicht abflachen, denn es ist ja nicht das erste Mal, dass er auffällt. Meiner Meinung nach sind diese 5 Jahre viel zu wenig.
Zum Vergleich mal die mögliche Strafe in den USA:
-entweder lebenslänglich
-oder u.U. in einigen Staaten die Todesstrafe.

Diese Diskrepanz ist doch ungeheuerlich. Ich denke zwar, dass die Todesstrafe in diesem Fall zu weit geht, aber ein sehr viel höheres Strafmaß als diese 5 Jahre müssen es schon sein.

Ein anderes, leider auch immer aktuelles Beispiel, sind die Sexualstraftäter. Eine nachgewiesene Vergewaltung in Tateinheit mit Mord bringt ihnen zwar lebenslänglich, allerdings bringt das nicht viel, denn nach 4-5 Jahren guter Führung erhalten sie dann Freigang und ehe man sich versieht wird tragischerweise die nächste Sexualstraftat begangen. Sicherlich ist das nicht immer so, aber es gibt schon zahlreiche Fälle, wo das eben passiert ist.

Sollte man denen nicht den Freigang komplett verbieten ? Sollte man dann nicht auch die Psychologen zur Rechenschaft und Verantwortung ziehen, die den Freigang erlaubt haben ?

Was sollte man nun tun ? Das Strafmaß lockern, weil man ja hofft, dass sich die Täter wieder in die Gesellschaft eingliedern lassen oder es, wie in den USA, China, Russland etc..., drastisch erhöhen um so zum einen die Täter von der Gesellschaft auszuschließen und potenzielle neue Täter durch hohe Strafen abzuschrecken ?

lg daplaya
 
dApLaYa schrieb:
oder es, wie in den USA, China, Russland etc..., drastisch erhöhen um so zum einen die Täter von der Gesellschaft auszuschließen
Also in den USA gibt's/gab's öffentliche Listen von Sexualstraftäter. Scheinbar werden die dort nicht komplett weggesperrt.
 
perlini schrieb:
Also in den USA gibt's/gab's öffentliche Listen von Sexualstraftäter. Scheinbar werden die dort nicht komplett weggesperrt.
Ja, oder so, wie von Schwarzenegger vorgeschlagen, dass sich ein verurteilter Straftäter mit einem Schild um den Hals an den Highway stellen muss mit der Aufschrift: "Ich bin ein verurteilter Kinderschänder". Nun, das Mittelalter lässt grüßen :) Solche Verhältnisse möchte ich hier nicht haben.

Die österreichischen User mögen mir den folgenden dummen Satz bitte vergeben, aber H****r - Schwarzenegger - ??? Liegt das am Klima, den Genen oder was? *lach*

Gruß,
Photon
 
dApLaYa schrieb:
Was passiert nach den 5 Jahren ?
Seine Gewaltbereitschaft wird meiner Meinung nacht nicht abflachen, denn es ist ja nicht das erste Mal, dass er auffällt. Meiner Meinung nach sind diese 5 Jahre viel zu wenig.
Je länger er im Knast sitzt, um so mehr nimmt seine Gewaltbereitschaft hab - ist also deine Formel. Gewagte These.
Ich weiß auch nicht, ob's für einen - gerade in diesem jungen Alter - 'nen großen Unterschied mach, ob nun 5 Jahre oder 10. Sitz mal im besten Alter deines Lebens 5 verdammte Jahre hinter Gittern.
Und der gestiegene Grad der Abschreckung dürfte sich auch in Grenzen halten. Die Jungs denken doch leider vorher nicht an die Konsequenzen ihres Treibens.

Kurz: Keine Änderung des Strafmaßes, aber ein herabsetzen der Strafgrenze (mit einem Alter angemessenen Strafmaß natürlich). Und: Die Justiz löst keine Probleme.
 
Photon schrieb:
Weil es gerade so schön passt, hier mein Beitrag aus der News-Diskussion zu dem Thema:

https://www.klamm.de/forum/showpost.php?p=166094&postcount=18

Zusammenfassend gesagt: Aus meiner Sicht bedarf es einer drastischen Überholung der deutschen Rechtssprechung, einhergehend mit einer Verschärfung des Strafmaßes.
Gleicher Thread, mein Posting, gleiche Meinung:
https://www.klamm.de/forum/showpost.php?p=167139&postcount=24

Es wäre eh gut für die hier Diskutierenden diesen Thread mal zu lesen ;)
 
Mal abgesehen davon, dass man sich eher nen Kopf um Prevention denn um Strafen machen sollte, ein paar Sachen die mir einfallen...

- Darstellungen der Presse
Um in die Presse zu kommen, bedarf es mehr als "nur" einer Vergewaltigung oder eines "normalen" Kindesmissbrauchs.
Mal kurz in die Statistik (2004) geschaut
Vergewaltigungen: 24 pro Tag, sprich stündlich eine
Sexueller Missbrauch von Kindern: knapp 42 pro Tag
Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen: knapp 5 pro Tag

So, was davon an die Öffentlichkeit kommt, von der Tat bis zur Verurteilung des Täters, sind Einzelfälle, die keinen represäntativen Überblick geben.
Nur weil ein Vergewaltiger 3 Jahre Haft bekommen hat, und das in der Zeitung zu lesen ist, sagt nix über das durchschnittliche Strafmaß aus.

- Extremfälle vs. Durchschnittskriminalität
Sicherlich gibt es immer Fälle, wo das maximale Strafmaß nicht ausreicht bzw. als nicht ausreichend erscheint.
Für mich macht es wenig Sinn Höchststrafen zu definieren, die nur alle x Jahre ausgesprochen werden, da darunter die Glaubwürdigkeit der Justiz leiden würde.

- Jugendstrafe
Die Jugendstrafe soll erstmal Strafe und Erziehungsgedanken verbinden.
Ein 16 bzw. 17 Jähriger, der zu 5 Jahren verknackt wird, hat nach 5 Jahren Haft noch Chancen, reintegriert zu werden.
Verknackt man den zu 15 Jahren, hat der NULL Chancen, was aus seinem Leben zu machen...

gruss kelle!
 
Photon schrieb:
Die österreichischen User mögen mir den folgenden dummen Satz bitte vergeben, aber H****r - Schwarzenegger - ??? Liegt das am Klima, den Genen oder was?
Oberösterreich != Steiermark ;) (Und erst recht nicht Braunau das wohl näher zu Deutschand liegt)
 
Kelle schrieb:
[...]Darstellungen der Presse
Um in die Presse zu kommen, bedarf es mehr als "nur" einer Vergewaltigung oder eines "normalen" Kindesmissbrauchs.
Mal kurz in die Statistik (2004) geschaut
Vergewaltigungen: 24 pro Tag, sprich stündlich eine
Sexueller Missbrauch von Kindern: knapp 42 pro Tag
Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen: knapp 5 pro Tag
Und dabei kommt es wohl nur in jedem 10. Fall (!!!) überhaupt zur Anzeige und erscheint folglich in der Statistik.

Kelle schrieb:
[...]
Extremfälle vs. Durchschnittskriminalität
Sicherlich gibt es immer Fälle, wo das maximale Strafmaß nicht ausreicht bzw. als nicht ausreichend erscheint.
Für mich macht es wenig Sinn Höchststrafen zu definieren, die nur alle x Jahre ausgesprochen werden, da darunter die Glaubwürdigkeit der Justiz leiden würde.
Aber wie Du auch schon bemerkt hast: Strafen schrecken niemanden wirklich ab.

Kelle schrieb:
Jugendstrafe
Die Jugendstrafe soll erstmal Strafe und Erziehungsgedanken verbinden.
Ein 16 bzw. 17 Jähriger, der zu 5 Jahren verknackt wird, hat nach 5 Jahren Haft noch Chancen, reintegriert zu werden.
Verknackt man den zu 15 Jahren, hat der NULL Chancen, was aus seinem Leben zu machen...
Absolut richtig!

Kommen wir zurück zur Prävention. Am Anfang steht glaube ich (wie schon geschrieben), die Einsicht, einen Fehler begangen zu haben, unter dem andere (teils ein Leben lang) leiden müssen. Allein diese Reue zeigen längst nicht alle Täter und meist nur vor dem Gericht als Lippenbekenntnis. Aus dieser Erkenntnis entstammt auch mein Vorschlag.

Präventiv wäre das vielleicht auch nicht, aber wenigstens senkte das vielleicht die Anzahl der Wiederholungstäter. Ansonsten wüsste ich nicht, wie man Menschen präventiv davon abhalten kann, Mist zu bauen...

Gruß,
Photon
 
Photon schrieb:
Und dabei kommt es wohl nur in jedem 10. Fall (!!!) überhaupt zur Anzeige und erscheint folglich in der Statistik.

Kannst Du locker verdoppeln.
Gerade sexuelle Straftaten wo sich Opfer und Täter kennen, werden umso seltener angezeigt, umso besser sich beide kennen.

gruss kelle!
 
Kelle schrieb:
Gerade sexuelle Straftaten wo sich Opfer und Täter kennen, werden umso seltener angezeigt, umso besser sich beide kennen.
Hört sich logisch an, aber gibts dazu auch konkrete Zahlen/Quellen? Würde mich mal interessieren..
 
Die Strafen für Jugendliche sind schon mit Bedacht so ausgewählt worden.
Aber einfach eine Diskussion über das stumpfe Strafmaß für Jugendliche
bringt letztlich nix.
Die Eltern sind es, die wieder mehr zu Verantwortung gerufen werden müssen.
Letztlich sind sie es nämlich die man hört: "Ich habe nix gesehen/ gehört/
gemerkt". Und wenn sie was bemerkt haben, haben sie nicht konsequent
gegen gesteuert... die armen Eltern, die überforderten Eltern.
 
Also ich bin da auf der Seite der Amerikaner, die auch bei Jugendlichen mal Lebenslänglich verhängen. Finde ich für gewisse Taten vollkommen O.K.
 
Ganz allgemein muss man bei Jugendlichen noch mehr als sonst auf den Einzelfall eingehen.

Erst mal verfolgt eine Strafe 3 Ziele, die Spezialprävention (der Täter soll es nicht nochmal machen) die Generalprävention (andere sollen abgeschreckt werden) und im Extremfall den Schutz der Öffentlichkeit vor der Gefährlichkeit des Täters. Vergeltung darf in keinem Fall eine Rolle spielen.

Beim Jugenldichen muss vor allem die Spezialprävention ins Auge gefasst werden, die Generalprävention ist bei Jugendlichen zweitrangig, da die meisten Taten aus Leichtsinn geschehen und in dem Fall auch eine Bestrafung eines anderen den potentiellen jugendlichen Täter kaum von seiner Tat abhalten wird und dies bei der Bestrafung eines Jugendlichen eigentlich auch nicht der Zweck sein sollte.
Daher konzentriert sich das Jugendstrafrecht hauptsächlich darauf, wie man verhindert dass der Täter nochmal straffällig wird. Jedoch darf man nicht aus den Augen verlieren, dass bei einer zu laschen Handhabung andere Jugendliche zu Taten verlockt werden.

Bei leichten Vergehen und wenn es das erste mal war, sollte ganz auf eine Verurteilung verzichtet werden ("Diversion" - weiss aber nicht ob das in Deutschland möglich ist), ein Schuss vor den Bug sozusagen, ein paar Sozialstunden und gut ist. Umso härter muss man aber bei offensichtlich unbelehrbaren Wiederholungstätern durchgreifen, aber wenn möglich sollte sich die Strafe auf Arbeitsstunden oder wenn wirklich nötig auf Haft über die Wochenenden beschränken, so verliert der Jugendliche nicht den Bezug zur Familie und Gesellschaft und kann sich sozusagen immernoch eines Besseren besinnen (d.h. man lässt ihm die Tür zurück noch offen), sollte er sich jedoch weiterhin als unbelehrbar erweisen ist vielleicht ein Verlust des Bezuges zur Familie und Umgebung genau das, was er braucht.

Nach langem getippe komm ich endlich zu meiner Meinung über den Extremfall: Bei Vorsatzdelikten gegen Leib & Leben, also besonders absichtliche schwere Körperverletzung und Mord / Totschlag ist der Punkt erreicht, an dem weder Spezial- noch Generalprävention im Vordergrund stehen, wer sowas tut schert sich weder um eine Strafe noch halte ich es für wahrscheinlich, dass ein paar wenige Jahre Jugendknast einen besseren Menschen aus ihm machen. Hier steht der Schutz der Gesellschaft vor der Gefährlichkeit des Täters im Vordergrund (vor allem in Fällen wie dem des Messerstechers), daher ist eine Strafe zu wählen, die dafür sorgt, dass der Täter nach dem Vollzug nicht mal im Traum darauf kommt soetwas nochmal zu tun, und solange wie dies nicht zumindest höchstwahrscheinlich ist, ist er auf Kosten seiner Freiheit von der Gesellschaft fernzuhalten. Manche Taten sind so schwer, dass es fraglich ist, ob ein Mensch der zu soetwas fähig ist überhaupt jemals wieder auf die Gesellschaft losgelassen werden kann, daher bin ich dafür, dass man auch für Jugendliche die Möglichkeit offenlässt im absoluten Extremfall sehr lange bis lebenslängliche Strafen zu verhängen.
 
Härtere Strafen wären auf jeden Fall angebracht, nur man muss sie nicht nur bestrafen die Jugendlichen, sondern gleichzeitig Psychologisch betreuen, weil die nicht nur bestraft werden müssen, sondern auch hilfe brauchen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, das an der Erziehung das Elternhaus mitverantwortlich ist, das Soziale Umfeld und vieles mehr.

So wie in Amerika will ich es nicht haben, die sind in mancher Hinsicht Krank mit ihren Gesetzen, zu Krass möchte ich sagen.

Es wird ja gesagt, Videospiele seien an der Brutalität Schuld, aber ich denke nicht das es stimmt, es ist die Umgebung des Kindes, wo es aufwächst, die Freunde, die Schule, das Elternhaus und einige Punkte mehr.

Gruß
Speedlos
 
speedlos schrieb:
Es wird ja gesagt, Videospiele seien an der Brutalität Schuld, aber ich denke nicht das es stimmt...

Jein.
Wenn Du 100 Punkte brauchst, um Amok zu laufen, dann sind Killerspiele 10 Punkte davon.

So, der normale Mensch, ordentlich erzogen in ordentlichen Verhältnisse, der kommt dann mit gewaltspielen und so vielleicht auf 15 Punkte - es wird nie was passieren.

Ist das Kind aber schon "versaut", dann können diese 10 Punkte das Fass zum überlaufen bringen...

gruss kelle!
 
Man muß sich denke ich mal vor Auge führen wozu Jugendstrafen gut sind, sind sind normalerweise als erziehungsmaßnahme gedacht und nicht als Strafe. Sie sollen verhindern das der Heranwachsende einmal auf die Schiefe Bahn kommt und dann nicht mehr davon weg kommt.
Für diese Erzieherischen Maßnahmen halte ich die aktuellen Strafen für in Ordnung.
Wenn allerdings abzusehen ist das diese Erzieherischen Maßnahmen nicht greifen, der Betreffende also schon zum 3ten oder 4ten mal "Gast" ist zu Gericht, sollte dann in die höheren Strafen gegriffen werden.