Von den ganzen beschriebenen Problemen habe ich natürlich keine Ahnung. Ich kann es nur aus der Sicht eines Patienten beurteilen und das mache ich auch. Um Dir also zu antworten, wen ich als "guten Arzt" betiteln würde:[...] Also ist jetzt die erste Frage, wie definiere ich einen guten Arzt? Jemand der Ahnung vom Fach hat oder vom Praxismanagement?
Erstens vermisse ich bei vielen Ärzten das Einfühlungsvermögen. Bei jemandem aus meiner Familie passiert (81 Jahre): "Herr Doktor, wie lange habe ich noch?" - "Bin ich Gott? Das weiß ich nicht. Aber 6 Monate bestimmt noch. Sie sollten aber schon mal ihren Nachlass regeln..." Jetzt ist er 18 Monate "über seiner Zeit" und macht erstmal keine Anstalten abzutreten. Oder bei meinem ehemaligen Zahnarzt, der nur die Augen verdreht und mich forsch zur Mäßigung gerufen hat, wenn er mir buchstäblich auf dem Nerv herumgetanzt ist. Dazu kommen bei meinem Chirurgen (früher Unfallchirurg) elend lange Wartezeiten. Man kommt mit einem Muskelfaserriss in der Wade zu ihm, wartet 3 1/2 Stunden, darf sich dann anhören, dass er eigentlich auf Hände spezialisiert ist, lässt sich dann den Fuss drehen und verbiegen, was sogar ohne Riss weh tun würde, um dann einen Verband und E-Schock-Therapie verordnet zu bekommen. Und Isoprofen. Also wenn Du mich fragst, sollte nicht nur das Fachliche primär sein...
Zweitens sind ja nicht nur Ärzte erbitterte Feinde der Ulla Schmidt. Was die Frau verbrochen hat, ist selbstredend unter aller Sau und die Frau sollte sich nicht "Gesundheits"ministerin nennen dürfen. Ich finde es ebenso absolut dreckig, dass Ärzte von Kassenpatienten nicht mehr leben können, auch wenn die Praxis prügelvoll ist. Aber dennoch darf es nicht passieren, dass Ärzte beispielsweise in der Notaufnahme 36-Stunden-Schichten fahren müssen, um nach 19 Stunden einen schweren Motorradunfall zu operieren. Dann braucht sich Peter auch nicht wundern, dass er mit einem Bein an der Backe aufwacht.
War nicht auf Dich persönlich bezogen. Ich habe aber auch schon genug Mist erlebt.[...] Und um die Eingangsfrage zu beantworten. Ich glaube schon, dass ich eine gute Ärztin bin. Hab zwar mit meinen 2 Jahren Berufserfahrung noch keine Antwort auf jede Frage, scheue mich aber nicht, meinen Oberarzt zu fragen, wenn ich nicht weiter komme. Und ein freundliches Wort braucht genauso viel Zeit wie ein unfreundliches, insofern habe ich eigentlich im großen und ganzen den Eindruck, dass mich meine Patienten mögen....
Achja, zu Deinen "Robodocs": Es geht mir vielmehr um die Diagnose, nicht unbedingt um Behandlungsfehler. Oft haben Ärzte gar keine Kenntnis von aktuellen Ereignissen. Wenn beispielsweise eine Tropenkrankheit von jemanden nach Deutschland verschleppt wird. Der jenige hat Fieber, Übelkeit - also eine "ganz normale Erkältung" oder vielleicht irgendeinen Infekt. Der alte Hausarzt verordnet Wick Medi Nait, Bettruhe und macht einen Termin für nächste Woche. Inzwischen steckt der seine Familie an, vielleicht seine Nachbarn und Freundschaften, die einen Krankenbesuch machen. Nach wenigen Tagen leidet unter so einer "Erkältung" sein halber Bekanntenkreis und man muss dann schon von Glück sprechen, wenn jemand zu einem Arzt geht, der sich auch mit solchen Erkrankungen auskennt und richtig diagnostiziert.
Ich könnte Dir aber auch Geschichten aus meinem Bekanntenkreis erzählen, da würdest auch Du sicherlich mit dem Kopf schütteln. Zum Beispiel: Ein damals 7-jähriger hatte jede Nacht unerträgliche Schmerzen in den Kniegelenken. Die Mama ist von einem Arzt zum nächsten gewandert. Erst wurde Rheuma vermutet, wurde dann ausgeschlossen. Was weiß ich, was alles noch untersucht wurde, alles negativ. Am Ende hieß es, er würde simulieren, um Aufmerksamkeit zu heischen. Erst 3 Jahre später hat dann ein Arzt einen Test auf Borreliose gemacht, der positiv ausfiel. Leider ist der Kontakt abgebrochen, aber überleg' mal: Er musste mindestens 3 Jahre mit Schmerzen leben, Sport machen und so weiter. Sowas darf (in dem Alter schon gar nicht!) passieren...
EDIT:
Auch das hängt natürlich eng damit zusammen, dass bestimmte Fehler irreversibel sind. Wenn ich einen Fehler mache, baue ich einen Patch und gut ist. Wie "patcht" man einen Menschen?Ckocks schrieb:[...]
Ärzte werden immer Fehler machen. Aber statt zu sagen, dass darf nicht sein, müssen wir ein System etablieren, wo ein Arzt sagen kann, "Stopp hier ist was falsch gelaufen! Was können wir tun um den Fehler beim nächsten mal zu vermeiden?" Aber solange man sich hierzulande nicht trauen kann seine Fehler einzugestehen wird das nicht möglich sein...
Eigentlich ist es in jedem Beruf möglich, einen Fehler auszubessern, und wenn es halt eine finanzielle Entschädigung ist. Wie bemisst man Gesundheit (ohne Ulla Schmidt zu fragen!)?
Gruß,
Photon
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