Eintrag #4, 23.11.2005, 00:04 Uhr

Hagebutten-Hedonismus

Wir lernen: Ärsche sind kalt. Denn es ist arschkalt dieser Tage. So auch im unbeheizten Autohaus, wo ich wochenends über Recht und Ordnung wache - und eben neuerdings viel Zeit mit frieren verbringe. Da tut es richtig gut, eine Thermoskanne mit warmem teeähnlichen Getränk dabei zu haben. Ich meine, bisher nie aktiv und bewusst eine Thermoskanne benutzt zu haben, aber dieses Wochenende war es eine wahrhaftige Wohltat.

Wie man sich in die Hände pustet und sie aneinanderreibt zwecks Wärmegewinn, um anschließend die Thermoskanne aus der Tasche zu ziehen; Dabei jedes Mal die Flasche befühlt und hofft, dass sie von innen nicht genauso kalt ist wie von außen; Wie man sie dann langsam aufschraubt und dann schon die Wärme- und Duftschwaden aufziehen sieht; Dann dran schnuppert und nichts riecht, weil die Nase so verschnupft ist, sich aber trotzdem freut. Und dann das leise Gluckern des Tees in den Deckel, der praktischerweise auch der Becher ist, so dass man immer einen Becher dabei hat. Dieses leise, kaum merkliche Gluckern, das begleitet wird von Dampf, der einen sehen lässt, wie warm und wohltuend der Tee bei Genuss ist. Man führt den Becher langsam zum Mund, nippt vorsichtig, genießt den Moment, in dem der Tropfen die Lippe benetzt, den Augenblick der Wärme und nimmt rasch einen zweiten, großzügigeren Schluck. Und wenn die Wärme sich im ganzen durchgefrorenen Körper ausgebreitet hat, hält man den Becher mit beiden Händen vor seiner Brust und blickt glücklich ins Leere. Herrlich!

Das Ganze hat für mich etwas wunderbar Poetisch-Proletarisches. Ich denke da immer an einen gutmütigen Bauarbeiter vergangener Jahrzente, ja, ich fühle mich dann auch wie einer, der auch im Winter bei solchen Temperaturen draußen arbeiten muss, um seine drei hungrigen Mäuler zu Hause zu stopfen. Er hat kein einfaches Leben, er kriegt wenig Geld für viel harte Arbeit, er hat nichts im Überfluss, aber er ist zufrieden, vielleicht auch mehr als das, und sei es nur um dieser Augenblicke willen, in denen er sich auf der Baustelle einen Becher heißen Tee gönnen und mit gefrorenem Schnodder im Schnäuzer glücklich ins Leere blicken kann.
 
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