Gedanken zur Nacht....Willst du?
Willst du mit mir auf die Berge steigen,
heimlich und still, daß uns niemand sieht,
des Nachts, wenn alle Herzensquellen schweigen
und die große Sehnsucht erwacht und glüht?
Willst du?
Dann zeigʼ ich dir unten die goldenen Lande,
wo meine lebendigen Brunnen springen,
wo purpurne Lilienglocken klingen
am buntumspülten kristallnen Strande.
Willst du mit mir auf der Höhe knieen,
wenn Mitternacht Schlummer über uns gießt,
wenn die Sterne in ruhigem Wandel ziehen
und Seele in Seele überfließt?
Willst du?
Dann lös' ich mit trunken bebender Hand
deines Haares wallende Herrlichkeit,
dann lös' ich dein staub'ges Erdengewand
und hülle dich in mein Königskleid!
Willst du, wenn uns Atem des Lebens umquillt,
wenn Talesglocken und Seufzer verwehten,
wenn die Seele dem Dunkel entgegenschwillt,
willst du mit mir zur Mitternacht beten?
Willst du?
Dann küß' ich deinen rotglühenden Mund
aus tiefster Seele aufquellender Macht,
dann grüß' ich dein leise zitterndes Haar
und nenne dich Sehnsucht und Mitternacht
Walter Calé (1881 - 1904, Freitod), deutscher Lyriker
Quelle: Nachgelassene Schriften von Walter Calé, hg. v. Fritz Mauthner,
Fischer Verlag, Berlin 1910