Wandle träumend jeder für sich
WANDLE TRÄUMEND JEDER FÜR SICH
Meisters Violinenklänge
Führten mich aus der stieren Menge
Hoch in himmlische Femen empor.
Wo sich im rosigen Wolkengehänge
Jeder menschliche Odem verlor,
Grüßten mich Engel im lachenden Chor.
Und auf weißem Schwanengefieder,
Weich gebettet, fand ich mich wieder,
Dort, wo die Träumenden glücklich sind.
Köstlichen Weihrauch, Lorbeer und Flieder,
Labend, lobend, liebend und lind,
Brachte in duftigen Wogen der Wind.
Und mein Mädchen, als ich erwachte,
Frug mich verwundert, woran ich dachte,
Dass mir so ganz ihre Nähe entwich.
Doch ich küsste ihr Mündchen und lachte,
Und ich log: »Ich dachte an Dich.«
Wandle träumend jeder für sich.
Joachim Ringelnatz