Über das leidvolle Schicksal eines namenlosen Kälbchens
Nachricht im Namen eines namenlosen Kälbchens:
Ich war erst vor wenigen Sekunden auf die Welt gekommen und schon war mein Leben ein Kampf. Alles tat mir weh. Ich konnte nicht atmen. Mein Mund und meine Nase waren von der Geburt noch mit Flüssigkeit verstopft. Als ich auf dem Boden liegend ums Überleben kämpfte, spürte ich plötzlich die warme Zunge meiner Mutter, die mich putzte. Und endlich spürte ich, wie Luft durch meine Nase strich und ich spürte die unendliche Liebe meiner Mutter.
Meine Mutter heißt 51347. Das verrät ihre Ohrmarke. Sie ist selbst erst ein paar Jahre alt, aber sie sieht kraftlos und ausgelaugt aus. Meine Mutter ist eine sogenannte Milchkuh. Sie soll Milch für Menschen produzieren. Deswegen wurde ich geboren, wie bereits einige Geschwister vor mir. Denn nur, wenn meine Mutter jedes Jahr ein Kälbchen bekommt, kann sie auch Milch produzieren. Also zwingt man sie dazu.
Doch obwohl ich ein Produkt dieses furchtbaren Kreislaufs bin, haben meine Mutter und ich unseren gemeinsamen Moment sehr genossen. In unserer kleinen Welt aus Mauern und Grausamkeit hatten wir einander. Das liebevolle Lecken meiner Mutter beruhigte mich etwas, doch irgendwas fühlte sich nicht richtig an. Denn da war auch noch dieser Schmerz in meinem von der Geburt eh noch geschwächten Körper. Ich ruhte noch einige Augenblicke an der Seite meiner Mutter und genoss ihre tröstenden Zärtlichkeiten. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies das erste und letzte Mal sein würde, dass ich Liebe erfahren durfte.
Dann mischte sich Hunger zu meinem Schmerz. Ich rappelte mich auf wackeligen Beinen auf, um an das Euter meiner Mutter zu gelangen. Mein Körper brauchte dringend Kolostrum, die proteinreiche Erstmilch. Doch plötzlich ergriffen mich raue Hände und zerrten mich von meiner Mutter weg. Meine Mutter schrie verzweifelt nach mir und ich rief ebenso verängstigt nach ihr. Das war der letzte gemeinsame Moment mit meiner Mutter.
Ich hatte Angst. Was passiert jetzt mit mir? Unsanft wurde ich in eine Box gezerrt. In den anderen Boxen um mich herum waren zahlreiche weitere Kälber. Keines von ihnen war älter als ein paar Tage, einige wie ich nicht älter als eine Stunde und wir alle schrien vergeblich nach unseren Müttern, die wir nie wieder sehen würden.
Ich war zu schwach, um länger zu rufen und mich auf den Beinen zu halten. Mir wurde übel und alles um mich herum verschwamm. Die Schreie der anderen Kälber wurden dumpfer und leiser. Ich hörte noch ein Klappern an der Wand meiner Box mit einem schroffen „Trink!“. Ich erkannte einen Behälter, der nach Milch roch. Aber ich hatte nicht die Kraft, aufzustehen. Dann wurde alles schwarz.
Ich habe in meinem kurzen Leben nur einen winzigen Augenblick voller Liebe erfahren dürfen. Danach folgte nur noch Gewalt, Einsamkeit und Angst.
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