Interview mit dem russischen Soziologen Grigory Yudin
Aus dem Newsletter des Tagesspiegels vom 03.03.2023
von Benjamin Reuter
Der russische Soziologe Grigory Yudin war einer der wenigen Experten in Russland, der vor dem Krieg gegen die Ukraine warnte - und der sich jetzt immer noch in Russland befindet. Am 22. Februar 2022 erklärte er, dass Russland dabei sei, "einen der sinnlosesten Kriege seiner Geschichte zu beginnen". Bei Protesten gegen den Krieg wurde er später von Sicherheitskräften bewusstlos geschlagen.
Nun hat Yudin der russischen Exilzeitung "Meduza" ein so erhellendes wie deprimierendes Interview gegeben (eine englische Zusammenfassung finden Sie hier). Link siehe unten
Yudin glaubt, dass sich Russland inzwischen in einem Zustand des "ewigen Krieges" befindet. Denn Putin habe keine klaren Kriegsziele definiert. Deshalb könne es auch kein Ende des Krieges, keinen Sieg, geben. Er erklärt:
"Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Solange Putin im Kreml sitzt, wird der Krieg nicht enden. Er wird sich nur ausweiten. Die Größe der russischen Armee nimmt rapide zu, die Wirtschaft wird auf Waffenproduktion umgestellt und das Bildungswesen wird zu einem Propagandainstrument zur Kriegsvorbereitung. Sie bereiten das Land auf einen langen und schwierigen Krieg vor."
Yudin versucht auch, den Blick Putins auf das vergangene Jahr zu erklären. Dass der Westen die Ukraine so entschieden unterstütze, sei ein Beweis für Putin, wie wichtig die Ukraine dem Westen ist und der Westen früher oder später die Ukraine militärisch aufgerüstet und von dort aus Russland angegriffen hätte. Aus diesem Blickwinkel wird der Einmarsch zu einem Präventivschlag - zu dem ihn Putin seit langem verklärt. Aus seiner eigenen Sicht hat Putin genau richtig gehandelt, wie schwierig auch immer die Situation militärisch sein mag.