Eintrag #10, 14.04.2021, 18:48 Uhr

Herrenschmuck

Was macht man, wenn man mal wieder etwas sucht ? Na klar, es beginnt ein wildes Wühlen in allen Ecken, Schubladen, Schränken und vor allen Dingen an Orten, an denen sich das Gesuchte ganz bestimmt nicht aufhalten kann. Und wie ist dann das Ergebnis ? Genauso eindeutig: Man findet zwar das Gesuchte nicht, aber dafür Gegenstände, von denen man gar nicht wußte, daß sie überhaupt noch existieren.Ein seltsames Phänomen, welches jedoch in schöner Regelmäßigkeit wieder auftaucht. Ob es dafür ein naturwissenschaftliches Gesetz gibt, vermag ich nicht zu sagen, da die Naturwissenschaft außerhalb meines Bewußtseins ihr Sein fristet.

So kommt es also immer wieder zu einem seltsamen Verschwinden und einem noch seltsameren Auftauchen irtgendwelcher Objekte. Eigentlich ging es um eine Glühbirne, die ich vor Jahren in der allgemeinen Abschaffungshysterie extra zurückgehalten und an einem Ort gelagert hatte, so mein Bewußtsein, an dem ich sie bei Bedarf schnell und problemlos finden könne.Doch jetzt stellte sich die Frage: Wo ist dieser Ort ? Nach qualvollen Buddeleien und kurz vor der Aufgabe, hielt ich plötzlich ein kleines Kästchen in der Hand. Beim Öffnen kam mir zunächst gelbe Watte entgegen, in der etwas eingebettet war, was -man sortierte es  in den sechziger,siebzieger Jahren unter dem Begriff Herrenschmuck ein-  nicht täglich, aber zumindest am Sonntag unumgänglich war. Für mich, in meinem damaligen Beruf tägliche Pflicht.
Was ich vor mir sah, waren kleine, längliche, geriffelte, golden glänzende Manschettenknöpfe. Ja, bei der Arbeit war Anzug mit einem weißen Nylon-Hemd, Krawatte und eben die dazugehörigen Manschettenknöpfe vorgeschrieben. Das empfand man übrigens nicht als Belastung, sondern war stolz, so ausgestattet zu werden. Die steifen Manschetten wurden nebenbei auch immer besonders gepflegt, damit die Ecken nicht abgestoßen aussahen. Und zu Weihnachten oder zum Geburtstag gab es dann schon mal als besonderes Geschenk ein paar neue Knöpfe.Mal silbern, mal golden, mal länglich, mal rund.

 

Gleichzeitig wiesen Manschettenknöpfe den Träger auch als erwachsen aus und man konnte auf diesem Gebiet mit dem Vater konkurrieren. Herrenschmuck, den Begriff benutzte man eigentlich auch nicht - außer im Fachgeschäft - , denn mit Schmuck verband man ausnahmslos das weibliche Geschlecht. Bis auf zwei Ausnahmen: Homosexuelle, die man aber so nicht nennen durfte und über die man nicht sprach und Zuhälter, über die man ebenfalls kein Wort verlor. Beide Gruppen existierten offiziell nicht.

 

Manschettenknöpfe jedoch gehörten zum gut angezogenen Herrn und zeigten, wenn auch unbewußt,etwas später den Übergang von der Arbeiter- zur Angestelltenschicht. Wie übrigens auch ein anderer Gegenstand, den ich allerdings nicht mehr besitze, jedenfall bis heute nicht gefunden habe und der passend zu den Knöpfen stolz gezeigt wurde: Die Krawattennadel, womit eigentlich die Krawattenspange gemeint ist. Ganz richtig müßte man vom Krawattenhalter sprechen,denn ursprünglich wurde er wohl erfunden, damit das lange Gebaumel beim Essen nicht in irgendeinem Teller landete oder bei sonst einer Tätigkeit störte. Doch bald schon gehörte sie zur Ausstaffierung an Sonn-und Feiertagen und bei  bestimmten Festen.

 

Dies alles heute, ungefähr fünfzig Jahre später, gar nicht mehr vorstellbar, wobei mir auch unbekannt ist, ob es überhaupt noch Herrenhemden mit Manschetten gibt. Oder vielleicht schon wieder. Und so manchem Jugendlichen muß man diese Begriffe wahrscheinlich erst mal erklären. Wie diese Stücke all die Jahre bei mir überstanden haben, weiß ich genauso wenig, wie den Zeitpunkt des letzten Tragens. Jedenfalls haben sie schon viele Umzüge in ihrem weich gepolsterten Kästchen überlebt.

Da stand ich nun gedankenverloren mit meinen Manschettenknöpfen, die jedoch nicht geeignet waren, an meiner Schreibtischlampe zu leuchten. Die Glühbirne ist bis heute noch nicht wieder erschienen. Vielleicht tauchte sie ja wieder auf, wenn ich nach einer alten Krawattennadel suchen würde.

Ja, so nah sind manchmal Vergangenheit und Gegenwart. Und doch gleichzeitig so weit auseinander. Was die Jugendlichen wohl in fünfzig Jahren aus der heutigen Zeit finden und verwundert betrachten. Eventuell ihr ach so geliebtes Handy, über das sie dann den Kopf schütteln.

Die Reise geht immer weiter.

 
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