Eintrag #17, 05.05.2022, 18:57 Uhr

Egal

Neulich begegneten mir auf dem Weg durch einen Kurpark ein kleines Mädchen, etwa drei Jahre und eine ältere Frau, wahrscheinlich die Oma. Das Kind lief ungefähr zwei Meter vorweg und rief plötzlich ohne sich umzudrehen: Da, Schaukel.
Antwort der angenommenen Oma: Ja, aber zum Schaukeln ist es heute zu kalt.
Die Kleine stutzte einen Moment, fuchtelte mit den Armen und erwiderte, indem es schon Kurs auf die dort wirklich stehenden Geräte nahm, nur ein Wort: Egal.

Wunderbar. Das können wohl nur Kinder, einfach alle Bedenken wegwischen und auch, wenn es für sie selber eigentlich nicht zum Vorteil ist, geradewegs das augenblickliche Wollen in Handeln umsetzen. Und auch wenn es wirklich "kalt" ist, doch noch Freude daran zu finden, denn in diesem Augenblick scheint für sie die Sonne, empfinden sie Wärme.


Da meint man, im Laufe des Lebens immer hinzuzulernen, sicherlich, aber vieles verlernt man auch wieder. Und darum sind Kinder für uns so wichtig. Sie bringen einem wieder bei zu leben. Auch, wenn es manchmal "kalt" um uns herum ist, egal. Und das bedeutet nicht, immer nur das Positive zu sehen (denn das wäre nichts weiter, als Widerständen aus dem Weg zu gehen), nein, es bedeutet, unseren Weg zu gehen, auch gegen Widerstände, auch mit Widerständen. Und nicht gleich hinter allem eine Krise zu wittern, wie es Tschechow sagt, denn eine Krise ist viel mehr, mehr als einen Augenblick Kälte zu spüren, dafür läßt man kein Schaukeln sausen.Das Alltägliche, das nicht Änderbare darf die Freude, das Leben nicht verdrängen. Dieses kleine Mädchen müßte uns viel öfter begegnen und sein "egal" in die Welt schreien.

 

"Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen"

Ja, da ist er, Hoffmann von Hoffmannswaldau, und Peter von Matt sagt es auf seine Art:
"Wäre es nicht besser, flüstert der Mann in dieser Lesart der schönen Frau ins Ohr, wäre es nicht besser, du kämst mir mit einem weichen Herzen entgegen und wir erfreuten uns aneinander, hier, in diesem gleißenden Jetzt, und kümmerten uns den Teufel um die sausende Sense ? Denn etwas Herrlicheres können wir ohnehin nie mehr haben."

Genau dies steckt in dem einen Wort des kleinen Mädchens: Egal, was kümmert mich die Kälte, die sausende Sense, laß mich im Jetzt schaukeln, denn etwas Herrlicheres als diesen Augenblick gibt es für mich nie mehr.

 
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