Der Olivenhain
Ich saß in einem Garten.
Die Gedanken des alten Mannes, der inzwischen tot war, kreisten in meinem Kopf und legten einen Schleier bleierner Müdigkeit über mich.
´Welche Bedeutung hat das Nachdenken, wenn das Gefühl stets wichtiger als das Wissen ist?´ fragte ich mich und lehnte mich in meinem Sessel aus hellbrauner Weide zurück. Zu meinen Füßen erstreckte sich bis zum Horizont die Stille und Ruhe der Olivenhaine. Zerbrechlich wirkende Zweige wogten in der leichten Brise und schienen die zarten Blätter der Bäume zu tragen.
Die Ruhe und die Zeitlosigkeit von Siena, die imposante Zurückhaltung, die die toskanischen Hügel und Täler auszudrücken schienen, faszinierten mich, seit der Zeit, als ich mit meinem Vater zum ersten Mal hier war.
Vater.
Ein Wort, dass mit der Zeit seine Bedeutung ebenso verlor, wie der Inhalt, den die Realität nie zu füllen vermochte.
Ich versuchte den Gedanken beiseite zu schieben, aus dem Sichtfeld meines noch kühl tickenden Verstandes, um mich ganz der Welt zu widmen, die sich zu meinen Füßen wie ein stiller Trost in all seiner Einfachheit ergab.
Meine Hand tastete benommen zu dem kleinen Tisch, der neben mir stand. Die Finger suchten sanft und berührten schließlich das schlichte Glas. Sacht und ganz mild hob ich es, neigte es sanft, bis die ersten Tropfen des schweren, roten Weines meine Lippen berührten. Der herbe Geschmack und die fast dezente Intensität von Äpfeln und Eichenholz drängten sich durch die Geschmacksknospen vor mein inneres Auge.
Ein einzelner Schluck.
Ich stellte das Glas zurück auf den kleinen Tisch und erhob mich langsam.
´Gehst du?´ fragte eine Stimme hinter mir.
´Ja.´ antwortete ich mechanisch, denn ich wusste nicht, was ich sonst noch zu sagen hätte.
Als ich durch den Olivenhain vor unserem Haus den Hügel hinabging, knirschten der feine Sand und die kleinen Steine leise. Ich streckte eine Hand aus und berührte die noch kleinen Bäume im vorbeigehen wie zufällig.
Dann blieb ich stehen und berührte ganz bewusst die Blätter eines besonders kleinen Baumes. Die Blätter waren noch ganz zart und schienen mit meinen Fingern zu spielen. Vorsichtig packte ich ein einzelnes Blatt und zog es mit einem Ruck von seinem Ast. Ich drehte und wendete es, besah es mir in Faszination von jeder Seite.
Dann nahm ich es in den Mund und zerkaute es. Der bittere Geschmack des Baumes war nicht unangenehm und wischte den letzten Geschmack des Weines fort.
Während ich noch kaute, drehte ich mich um und sah den Hügel hinauf zu dem Haus, von dem ich mich entfernte. Auch nach dem Tod dem Tod meines Vaters hatten die Geister diesen Ort nie verlassen. Wie gegen meinen Willen lebte ich jedes Jahr für einige Zeit im Sommer, wenn der Wind in den Tälern sich zu stillen Brisen legte und die Grillen ihr abendliches Lied sangen, dort auf dem Hügel.
Zuerst allein, nun mit meiner Frau.
Aber die Geister lebten seit jeher dort. In dem Haus und in diesem Olivenhain. ´Was nützt es mir zu wissen, dass es diese Geister nicht gibt, wenn ich ihre Gegenwart dennoch spüre?´ fragte ich mich und ließ die Hände sinken.
Das Haus auf dem Hügel lag in seiner Natürlichkeit da, als habe es dort schon seit Anbeginn der Zeit gelegen. Ich erinnere mich an das Gefühl der unbehauenen Steine und es Mörtels, aus dem es gebaut war. Ich erinnere mich daran, wie ich als Junge in den Sommerferien mit meinem Vater hier war und den kleinen Anbau neben dem Haupthaus mitgebaut habe. Das Gefühl der spröden Steine in meinen Händen, die von der Arbeit rau geworden waren, der salzige Schweiß, der mir über das Gesicht rann, lebten in mir noch immer weiter, auch wenn seitdem schon mehr als ein Jahrzehnt vergangen war.
Ich besah mir die Hände, die nach Jahren der handwerklichen Untätigkeit nichts mehr von den Rissen und den Furchen zeigten, die sie in dieser Zeit trugen. Auch wenn der Körper vergisst, vergisst die Seele nie.
Alles was ich in meiner Jugend von meinem Vater besaß, waren die rauen Hände.
Vor dem Haus, das inzwischen in weite Ferne gerückt war, sah ich eine winzige Person stehen, die in meine Richtung sah und die Augen vor der Sonne abschirmte. Ich winkte und sah, dass meine Frau diese Geste erwiderte.
Der Weg zurück war einfach zu weit und ich beschloss mich einen Moment auszuruhen. Ich setzte mich auf den Weg und schloss für einen Moment die Augen. Was ich sah, war ein anderes Haus an einem anderen Ort. Dort saß ich nicht mit meinen rauen Händen auf dem Boden.
Ich saß in einem Garten.
Ich saß in einem Garten.
Die Gedanken des alten Mannes, der inzwischen tot war, kreisten in meinem Kopf und legten einen Schleier bleierner Müdigkeit über mich.
´Welche Bedeutung hat das Nachdenken, wenn das Gefühl stets wichtiger als das Wissen ist?´ fragte ich mich und lehnte mich in meinem Sessel aus hellbrauner Weide zurück. Zu meinen Füßen erstreckte sich bis zum Horizont die Stille und Ruhe der Olivenhaine. Zerbrechlich wirkende Zweige wogten in der leichten Brise und schienen die zarten Blätter der Bäume zu tragen.
Die Ruhe und die Zeitlosigkeit von Siena, die imposante Zurückhaltung, die die toskanischen Hügel und Täler auszudrücken schienen, faszinierten mich, seit der Zeit, als ich mit meinem Vater zum ersten Mal hier war.
Vater.
Ein Wort, dass mit der Zeit seine Bedeutung ebenso verlor, wie der Inhalt, den die Realität nie zu füllen vermochte.
Ich versuchte den Gedanken beiseite zu schieben, aus dem Sichtfeld meines noch kühl tickenden Verstandes, um mich ganz der Welt zu widmen, die sich zu meinen Füßen wie ein stiller Trost in all seiner Einfachheit ergab.
Meine Hand tastete benommen zu dem kleinen Tisch, der neben mir stand. Die Finger suchten sanft und berührten schließlich das schlichte Glas. Sacht und ganz mild hob ich es, neigte es sanft, bis die ersten Tropfen des schweren, roten Weines meine Lippen berührten. Der herbe Geschmack und die fast dezente Intensität von Äpfeln und Eichenholz drängten sich durch die Geschmacksknospen vor mein inneres Auge.
Ein einzelner Schluck.
Ich stellte das Glas zurück auf den kleinen Tisch und erhob mich langsam.
´Gehst du?´ fragte eine Stimme hinter mir.
´Ja.´ antwortete ich mechanisch, denn ich wusste nicht, was ich sonst noch zu sagen hätte.
Als ich durch den Olivenhain vor unserem Haus den Hügel hinabging, knirschten der feine Sand und die kleinen Steine leise. Ich streckte eine Hand aus und berührte die noch kleinen Bäume im vorbeigehen wie zufällig.
Dann blieb ich stehen und berührte ganz bewusst die Blätter eines besonders kleinen Baumes. Die Blätter waren noch ganz zart und schienen mit meinen Fingern zu spielen. Vorsichtig packte ich ein einzelnes Blatt und zog es mit einem Ruck von seinem Ast. Ich drehte und wendete es, besah es mir in Faszination von jeder Seite.
Dann nahm ich es in den Mund und zerkaute es. Der bittere Geschmack des Baumes war nicht unangenehm und wischte den letzten Geschmack des Weines fort.
Während ich noch kaute, drehte ich mich um und sah den Hügel hinauf zu dem Haus, von dem ich mich entfernte. Auch nach dem Tod dem Tod meines Vaters hatten die Geister diesen Ort nie verlassen. Wie gegen meinen Willen lebte ich jedes Jahr für einige Zeit im Sommer, wenn der Wind in den Tälern sich zu stillen Brisen legte und die Grillen ihr abendliches Lied sangen, dort auf dem Hügel.
Zuerst allein, nun mit meiner Frau.
Aber die Geister lebten seit jeher dort. In dem Haus und in diesem Olivenhain. ´Was nützt es mir zu wissen, dass es diese Geister nicht gibt, wenn ich ihre Gegenwart dennoch spüre?´ fragte ich mich und ließ die Hände sinken.
Das Haus auf dem Hügel lag in seiner Natürlichkeit da, als habe es dort schon seit Anbeginn der Zeit gelegen. Ich erinnere mich an das Gefühl der unbehauenen Steine und es Mörtels, aus dem es gebaut war. Ich erinnere mich daran, wie ich als Junge in den Sommerferien mit meinem Vater hier war und den kleinen Anbau neben dem Haupthaus mitgebaut habe. Das Gefühl der spröden Steine in meinen Händen, die von der Arbeit rau geworden waren, der salzige Schweiß, der mir über das Gesicht rann, lebten in mir noch immer weiter, auch wenn seitdem schon mehr als ein Jahrzehnt vergangen war.
Ich besah mir die Hände, die nach Jahren der handwerklichen Untätigkeit nichts mehr von den Rissen und den Furchen zeigten, die sie in dieser Zeit trugen. Auch wenn der Körper vergisst, vergisst die Seele nie.
Alles was ich in meiner Jugend von meinem Vater besaß, waren die rauen Hände.
Vor dem Haus, das inzwischen in weite Ferne gerückt war, sah ich eine winzige Person stehen, die in meine Richtung sah und die Augen vor der Sonne abschirmte. Ich winkte und sah, dass meine Frau diese Geste erwiderte.
Der Weg zurück war einfach zu weit und ich beschloss mich einen Moment auszuruhen. Ich setzte mich auf den Weg und schloss für einen Moment die Augen. Was ich sah, war ein anderes Haus an einem anderen Ort. Dort saß ich nicht mit meinen rauen Händen auf dem Boden.
Ich saß in einem Garten.