Ich habe gestern hier schon einmal in einem Thread auf ein ganz altes Buch hingewiesen:
"Der Mensch - Ein Irrläufer der Evolution"
von Arthur Koestler, 1978
https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Koestler
Das Buch ist also mittlerweile 44 Jahre alt und passt, wie ich denke, genau in unsere momentane Zeit.
Auch die Rückschlüsse.
Einen kurzen Abriss aus dem Buch kann man in einem alten Spiegel-Artikel, 29.01.1978, Ausgabe 5/1978 hier nachverfolgen:
https://www.spiegel.de/kultur/der-mensch-ein-irrlaeufer-der-evolution-a-3075b0ba-0002-0001-0000-000040616990
Für diejenigen, denen das noch zu lang ist, ein paar kleine Auszüge daraus:
"Ist der Mensch durch einen Fehler in der Entwicklungsgeschichte mit drei -- schlecht koordinierten -- Gehirnen ausgestattet worden, einem Reptilien-, einem Säugetier- und einem menschlichen Gehirn?"
Wenn man mich nach dem wichtigsten Datum in der Geschichte und Vorgeschichte der Menschheit fragte, würde ich ohne zu zögern den 6. August 1945 nennen.
Seit den Anfängen des Bewußtseins bis zum 6. August 1945 mußte der Mensch mit der Aussicht auf seinen Tod als Individuum lehen. ...
Seit dem Tage, an dem die erste Atombombe über Hiroschima die Sonne verblassen ließ, muß er mit der Aussicht auf seine Vernichtung als Spezies leben.
Nur eine kleine Minderheit ist sich bewußt, daß die Menschheit, seit sie die nukleare Büchse der Pandora öffnete, von geborgter Zeit lebt ....
Jedes Zeitalter hatte seine Kassandras. Dennoch gelang es der Menschheit, alle ihre düsteren Prophezeiungen zu überleben. Diese beruhigende Überlegung aber ist überholt; denn nie zuvor hat eine Gruppe oder eine Nation über das technische Gerät verfügt, diesen Planeten für Leben untauglich zu machen....
Innerhalb der überschaubaren Zukunft wird überall auf der Erde, von Nationen aller Hautfarben und aller Ideologien, atomares Kriegsgerät in großen Mengen produziert und gelagert werden.
Ein zweiter Grund, der auf eine niedrige Lebenserwartung des Homo sapiens in der Nach-Hiroschima-Ära hindeutet, ist die paranoide Veranlagung des Menschen ...
In den ersten zwanzig Jahren nach Hiroschima in den Jahren 0 bis 20 n. H. -, nach unserer veralteten Zeitrechnung also zwischen 1946 und 1966, zählte das US-Verteidigungsministerium 40 mit konventionellen Waffen geführte Kriege.
Mindestens zweimal -- bei der Berliner Blockade 1948 und bei der Kuba-Krise 1962 -- standen wir am Rande eines Atomkrieges.
Russisches Roulette ist ein Spiel, das man nicht lange Zeit spielen kann.
Das auffälligste Kennzeichen für die Krankheit unserer Spezies ist der Gegensatz zwischen ihren einzigartigen technologischen Errungenschaften und ihrer ebenso einzigartigen Unfähigkeit, ihre sozialen Probleme zu meistern.
Wir können Satelliten um ferne Planeten steuern, aber wir sind außerstande, die Situation in Nordirland in den Griff zu bekommen.
Dabei habe ich die zusätzlichen Schrecken der biochemischen Kriegführung noch nicht einmal erwähnt, auch nicht die Bevölkerungsexplosion, die Umweltverschmutzung und dergleichen ...
Aber das Entschärfen der Bombe wird ein radikaleres Vorgehen erfordern als UN-Resolutionen, Abrüstungskonferenzen und Appelle an die vielgerühmte Vernunft.
Derartige Appelle sind schon seit der Zeit der jüdischen Propheten stets auf taube Ohren getroffen, ganz einfach weil der Homo sapiens kein vernünftiges Wesen ist.
Denn wäre er vernünftig, würde er seine Geschichte nicht so total verpfuscht haben.
Und nichts deutet darauf hin, daß er im Begriff wäre, ein vernünftiges Wesen zu werden.
Hier einige der auffälligsten pathologischen Symptome, wie sie sich in der verhängnisvollen Geschichte unserer Spezies widerspiegeln:
* Das allgegenwärtige Ritual des Menschenopfers
(zum Beispiel die Bereitschaft des Abraham, aus reiner Liebe zu Gott seinem Sohn die Kehle durchzuschneiden), das von den vorgeschichtlichen Anfängen über die Höhepunkte präkolumbianischer Zivilisationen und in einigen Teilen der Welt bis hin zum Anfang unseres Jahrhunderts reicht:
* die ständige Bereitschaft des Menschen, gegen seine eigenen Artgenossen Krieg zu führen.
Einzig der Mensch (von einigen noch umstrittenen Befunden bei Ratten und Ameisen abgesehen) tötet Angehörige seiner eigenen Spezies, sowohl individuell als auch kollektiv, aus Motiven, die von sexueller Eifersucht bis zum metaphysischen Dogmen-St reit reichen;
* die paranoide Kluft zwischen rationalem Denken und irrationalen, auf Gefühlen beruhenden Überzeugungen;
* der Gegensatz zwischen der genialen Fähigkeit der Menschheit, die Natur zu erobern, und ihrer Unfähigkeit, die eigenen Probleme zu meistern -- symbolisiert durch die neue Grenze auf dem Mond und die Minenfelder quer durch Europa.
...
Kriege werden nicht um Territorien geführt, sondern um Worte.
Dies bringt uns zum nächsten Punkt im Katalog der möglichen Gründe für die menschliche Misere:
Die tödlichste Waffe des Menschen ist die Sprache.
Es scheint merkwürdig, daß außer einigen kühnen Esperanto-Anhängern weder die Unesco noch eine andere internationale Organisation bisher erkannt hat, daß der einfachste Weg, die Verständigung zu fördern, darin besteht, eine Sprache zu fördern,
die von allen verstanden wird."