Eintrag #17, 16.05.2012, 19:15 Uhr

Der Flug der Kometen

„Und wie oft hast du schon die Nacht mit einem Helden verbracht und bis am nächsten Morgen neben dem Teufel erwacht?“

Thomas D Uns trennt das Leben

 

Müde drehte er sich auf die Seite und glaubte jeden Muskel in seinen Oberarmen zu spüren. Die letzten Zeichen von Leben regten sich in ihm und er lächelte bei dem Gedanken, dass er noch immer da war und auch diese Nacht wieder überstehen würde.

Der gleichmäßige Atem neben ihm beruhigte ihn und zufrieden streichelte er ihren Oberam und ihre Schulter, fuhr langsam und behutsam mit den Fingerspitzen über ihre kalte Haut und glaubte allmählich den Grund dafür verstanden zu haben, warum fühlen immer wichtiger als wissen sein würde.

Sie war da, würde immer da sein, da Menschen in der Vergangenheit leben und die Gegenwart nur das Vorspiel des Erinnerns ist.

´Alles, was mir immer von ihr bleiben wird, kann ich nicht mit meinen Fingern berühren.´ denkt er und fühlt, wie ihm dieser Gedanke das Herz zusammenzieht, dass in seinem Inneren schlägt und immer schlagen wird, bis die Gleichmäßigkeit schließlich auch vergeht.

Und er dachte darüber nach, dass jeder Moment mit ihr den bittersüßen Duft von Verderbnis hatte. Als er sie sah, inmitten der anderen, fühlte er, dass er sie besitzen musste, dass er nicht anders konnte, als sie sich einzuverleiben und zu einem Teil von sich selbst und seiner Vergangenheit zu machen, ächzend, stöhnend und schreiend wollte er sie besitzen.

Sie gingen zu ihm und nun besaß er auch sie.

Vergangenheit. Tod. Erinnern. Fühlen. Alles war zwischen ihm und ihr eines. Kein Unterschied zwischen Sein und Gewesenem.

Alles war endlich und daher nichts letztlich von Bedeutung außer dem Erinnern.

Also streichelte er ihre Haut und besaß nun auch diese Erinnerung. Alles was zwischen ihm und ihr abgelaufen war, war vorhersehbar gewesen: Interesse zeigen, vermeintlich kluge Fragen an sie stellen, witzig und charmant sein. Schließlich die Fahrt mit dem Auto zu ihm und die Kondome in seinem Nachtschränkchen. Sie wusste es, er wusste es. Sie waren voneinander getrennt und versuchten vergeblich durch den Akt der körperlichen Vereinigung die unvollkommene Distanz zu überbrücken und ineinander die Geborgenheit zu finden, die sich jeder für sich allein nicht geben konnte.

In einem unbeholfenen Akt, die nichtgeglückte Distanzlosigkeit beim Akt wiederherzustellen, rückte er schließlich ganz nahe an sie heran, so dass er ihren nackten und kalten Körper an seinem spüren konnte und legte seinen Arm um sie. Er küsste sanft ihren Hals. ´Ja, genau so´, hatte sie gesagt und er hatte es getan. Aber nun, als sie schlief und es nicht bemerkte, war es auch ehrlich gemeint.

´Ehrlichkeit fällt in der Dunkelheit immer leichter´ denkt er. Es ist immer einfacher, sich jemandem körperlich hinzugeben, als sich ihm auch mit seiner Seele hinzugeben. Äußere Wunden heilen schnell und hinterlassen häufig keine Narben. Wunden in der Seele heilen nie. Das Erinnern ist die Schlechtwetterfront für die Narben der Seele.

´Akzeptanz. Ist das der Schlüssel für die Heilung der seelischen Wunden in der Vergangenheit?´ denkt er und weiß, dass er damit sehr nahe an eine bedeutende Wahrheit herankommt.

´Vielleicht ist aber auch Geduld entscheidend´ denkt er und spürt, dass ihn eine große Müdigkeit überkommt.

 

Am nächsten Morgen erwacht er allein in seinem Bett. Die Wohnung war leer und nur die Erinnerung an die letzte Nacht war ihm geblieben.

Er setzte Kaffee auf und wartete neben der Maschine. Als er den Blick über die Arbeitsplatte schweifen ließ, gedankenverloren, wie er war, sah er einen Zettel. Einen schlichten weißen Zettel, auf dem mit einem schlichten Kugelschreiber und einer eleganten Handschrift stand ´Danke. Die Nacht war sehr schön mit dir, S.´

Er nahm den Zettel in die Hand, las die wenigen Worte noch ein zweites und schließlich ein drittes Mal, bevor er das weiße Papier in den Mülleimer fallen ließ.

Es war schön mit ihm gewesen. Vergangenheit. Erinnern. Das war es, was ihm blieb.

Voll der Melancholie nahm er sich eine Tasse Kaffee und ging zurück ins Bett. Mit einem Kissen im Rücken sah er aus dem Fenster und dachte darüber nach, was mit ihm los war.

Akzeptanz dachte er und glaubte allmählich zu verstehen, dass er nie verstehen würde, warum sie ihn nicht loslassen konnte und sie alle paar Wochen miteinander auf dieselbe Weise zusammentrafen und auf dieselbe Weise vergeblich versuchten, voneinander etwas zu nehmen, was sie sich während ihrer fünf Jahre dauernden Ehe nicht hatten geben können.

 
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