Eintrag #122, 06.07.2022, 16:04 Uhr

Auch Männer haben ein Recht auf Weglaufen - Teil 2

... Fortsetzung

 

Es sind gruselige Männer- und Frauenbilder, die sich in einer solchen Aussage fortschreiben: Nur ein kämpfender Mann ist demnach ein guter Mann. Er ist bereit, für die Nation zu sterben. Seine gute Frau ist die schützenswerte Gebärmaschine, die neue Kämpfer und Gebärmaschinen für die Nation zu produzieren hat – und deshalb überleben soll. Das klingt gestrig. Doch wie eng Männlichkeit bis heute mit der Bereitschaft zum Kämpfen verknüpft ist, zeigt sich auch dort, wo gerade Frieden herrscht: In den Staaten, in denen es eine Wehrpflicht gibt, gilt sie häufig nur für Männer, etwa in der Schweiz, in Finnland und Griechenland. Sehr oft können Frauen auf freiwilliger Basis im Militär dienen, der Frauenanteil ist aber generell gering.

 

Die Vorstellung des wehrhaften Mannes, der als Soldat sein Land verteidigt, kommt aus einer völkischen Ecke. Das wird deutlich, wenn man sich zum Beispiel eine Rede des rechtsextremen AfD-Politikers Björn Höcke aus dem Jahr 2015 ansieht. Er forderte dazu auf, "unsere Männlichkeit" wiederzuentdecken: "Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!"

 

Niemand sollte daran gehindert werden, vor einem Krieg zu fliehen.

Die Brutalität des Patriarchats spüren die meisten heterosexuellen, weißen cis Männer im Alltag kaum. Im Gegenteil, sie profitieren davon. Sie bekommen mehr Geld für die gleiche Arbeit. Sie werden nicht für ihre Sexualität oder ihr Geschlecht verfolgt oder ermordet. Doch im Krieg zeigt sich, dass auch sie unter einer patriarchalen Ordnung der Gesellschaft leiden. Sie dürfen nicht vor dem Tod fliehen. Es ist offensichtlich, wie unmenschlich das ist.

 

Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sich Menschen freiwillig dazu entscheiden, den Ort, an dem sie leben, gegen den Angriff eines feindlichen und deutlich überlegenen Militärs zu verteidigen, oder ob sie dazu gezwungen werden, in einem Kriegsgebiet zu bleiben und womöglich auch zu kämpfen. Zur Gruppe der Freiwilligen zählen in der Ukraine auch Zivilistinnen, sie stellen Molotowcocktails her und lernen in Basiskampfschulungen den Umgang mit Waffen. Das ist mutig, genauso wie männliche Zivilisten verzichten sie damit auf den Schutz, den das Völkerrecht Zivilisten im Krieg eigentlich zusichert. Sie könnten für die unberechtigte Teilnahme an Kampfhandlungen auch bestraft werden.

 

Doch es gibt neben viel Mut in der Ukraine genauso ein Recht auf Weglaufen, und zwar für alle Menschen, zumindest moralisch, auch wenn ukrainisches Recht es verbietet. Es ist auch für Männer ein legitimer Wunsch, nicht als Kanonenfutter zu enden oder in einem Häuserkampf sterben zu wollen. Wie grausam ist es, Menschen aufgrund ihres Geschlechts zu untersagen, sich vor Krieg in Sicherheit zu bringen? Krieg heißt im schlimmsten Fall Tod. Und auch wer den Krieg überlebt, wird möglicherweise verstümmelt, verliert sein Augenlicht, sein Gehör oder seine psychische Gesundheit. Niemand sollte daran gehindert werden, vor ihm zu fliehen.

 
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