Es ist ein Freitag während der letzten Septembertage in meinem jährlichen Urlaubsort. Also genau genommen bin ich jedes Jahr zweimal dort. Vielleicht spricht man im Ort auch schon über mich, den alten Mann mit einem Buch auf einer Bank. Der ist auch beim Bäcker um die Ecke bekannt. Selbst, wenn er mehrere Monate nicht aufgetaucht ist. Das junge Mädchen hinter der Theke lächelte gleich am ersten Tag, nahm eine Tüte in die Hand und stellte nur die Frage: Wieder zwei Rosenbrötchen ? Da ich sie erstaunt ansah, gab sie nur zur Antwort: Habe ich noch so in Erinnerung. Das gab mir dann doch zu denken, da mein letzter Einkauf dort vor etwa vier Monaten stattgefunden hatte. Gut, ich mache auch manchmal gerne einen Scherz, wie: Es dürfen auch Tulpen sein. Aber wieviel tausend Kunden hat sie in der Zwischenzeit schon bedient ? Und warum bin ausgerechnet ich jemandem im Gedächtnis geblieben ? Selbst die Nachbarn von meiner Ferienwohnung winken mir schon aus dem Garten zu, obwohl doch reichlich Gäste dort jedes Jahr auftauchen. Und eine ältere Dame am Kiosk, wo ich immer eine Ansichtskarte – ja, die gibt es noch - aus dem immer gleichen Bestand herausfische, begrüßt mich jeweils mit der Feststellung: Schön, daß sie wieder da sind. Aber das wollte ich alles gar nicht erzählen. Also zurück zu jenem Freitag.
Einen Rundgang, kreuz und quer durch die Gegend hatte ich schon hinter mir und beabsichtigte nun, den Weg hinauf zu den beiden Bänken am Weinberg zu nehmen. Aber irgendwie war es mir an diesem Tag für einen Aufstieg zu heiß und so beendete ich meine Wanderschaft an der Lieblinksbank wie eine "Reiterin" immer sagt, wenn sie vorbeikommt. Dort unten, wo es früher Hühner, später Rehe gab. Inzwischen ist es hinter der Bank verwaist. Da ich ja immer ein Buch in der Tasche habe, begann ich auch gleich zu lesen. Es waren höchstens zwei Seiten, als plötzlich ein Radfahrer, nach meiner Schätzung so um die fünfzig Jahre, stoppte und eine "Unterhaltung" begann.
"Was lesen sie da ?" - "Kurzgeschichten von Heinrich Mann" - "O, Heinrich Mann, schreibt der auch Kurzgeschichten ? Mein Bruder liest auch viel. Ich kann das nicht. Er hat auch studiert. Das kann ich auch nicht. Selbst bei der Zeitung kann ich höchstens die Überschriften lesen. Mein Bruder liest auch Spiegel und sowas. Das kann ich auch nicht."
So ging das noch eine ganze Zeit weiter, indem er mir erzählte, was sein Bruder alles lesen kann, aber er nicht. Warum es ihm nicht möglich ist, habe ich bis heute nicht erfahren, weil ich gar nicht zu Wort kam und er sich nach seiner Erzählung wieder aufs Rad schwang und mit einem Gruß Richtung der Ortschaft entschwand. So blieb ich ratlos zurück. Dabei machte er auf mich gar keinen unwissenden Eindruck. Auch Heinrich Mann war ihm wohl kein Unbekannter. Nur lesen konnte er nicht. Also lesen ansich ist ihm wohl schon möglich, aber keine ganzen Texte, schon gar nicht längere. Schade, gerne hätte ich mich mit ihm darüber unterhalten, zumal ich den Eindruck hatte, daß er es bedauerte.
Nun mal ehrlich, man muß auch nicht alles können, aber es zugeben können, verdient Achtung.
Na ja, vielleicht treffe ich ihn im nächsten Urlaub dort wieder. Dann ist er ja auch schon jemand der mich kennt. Die Anzahl wächst und bald habe ich den Eindruck schon einer von Ihnen zu sein. Zumindest ein Touristenbewohner. Oder besser, ein Lesebankbewohner. Und für einige kein Fremder mehr, wenn er dort auftaucht. Ein lesendes Buch in der Landschaft. Und für mich fällt dabei oft auch noch eine schöne Geschichte ab. Bin ich jetzt schon einer von ihnen und nur zum Urlaub daheim ?
Das ist nun natürlich vollkommen übertrieben, aber dennoch gibt es einem das Gefühl, irgendwie angekommen zu sein.