Eintrag #429, 29.05.2018, 08:23 Uhr

2018-05-29 Den Menschen in seinem Lauf...

... hält nur das Handy auf!

 

Ob Schrittzahl oder Herzfrequenz - alles wird aufgezeichnet und kontrolliert. Kabarettist Matthias Machwerk plädiert für etwas weniger Selbstoptimierung und für mehr Gelassenheit.

 

Matthias Machwerk ist ein deutscher Autor und Kabarettist. Wenn der 49-jährige nicht tourt, lebt er in Dresden. Moderne Technik steht er zwiegespalten gegenüber und lässt sein Smartphone gerne auch mal aus.

 

Handy aus! Statt Fotos für Instagram zu schießen, sollten wir lieber den Moment genießen...

 

Neulich traf ich einen alten Freund. Ich fragte ihn, warum er meine letzten Anrufe nicht erwidert hätte. Da zeigte er mir stolz sein neues Handy. Das mit dem Telefonieren hätte er noch nicht raus, dafür könnte sein Smartphone jetzt Kalorien anzeigen und seine Schritte zählen. Ich war beeindruckt, vor allem weil mein Freund offensichtlich stark zugenommen hatte. Vermutlich gingen die meisten Schritte Richtung Kühlschrank. Eine App, so meinte er, würde jetzt sogar seinen Schaf überwachen. Momentan schlafe er nicht so gut. Deshalb schaue er nachts öfter mal auf die App. So könnte er kontrollieren, wie er geschlafen hätte. Dann lief er ohne ein Wort los. Wahrscheinlich brauchte er  noch Schritte. Ich werde ihn wohl nicht mehr anrufen. Ich will ihn nicht stören. Er hat jetzt genug mit sich selbst zu tun.

 

Früher war es die Selbstfindung, jetzt die Selbstoptimierung und demnächst kommt auch noch die Selbstdiagnose. Smartphone und Sensoren erfassen mittlerweile den Blutzuckerspiegel, die Temperatur, die Herzfrequenz. All diese Daten werden gesammelt, kommen in eine Cloud und warten darauf, wieder abgerufen zu werden. Nur wer nutzt und wem nutzen all diese Daten?

 

Wenn dein Arzt deine Daten bekommt, kann er dir vermutlich besser helfen. Das wäre super!

Oder er weiß schon vorher: MIt einer Behandlung fangen wir lieber gar nicht erst an.

Wenn dein Arbeitgeber an deine Daten käme,  würde er sich womöglich auch freuen. Ja, ich weiß och, dass es so weit nicht kommen wird: Aber könnte es passieren, dass  man entlassen wird, bevor man krank ausfällt?

Gesundheitsdaten könnten auch für Datingplattformen nützlich sein. Man wüsste gleich, wie der andere in ein paar Jahren aussieht und wie lange er es überhaupt macht.

 

Natürlich wäre es großartig, wenn ein Smart Home erkennt, wann jemand gestürzt ist. Das wäre gut für ältere Menschen oder diejenigen, die wegen körperlicher Einschränkungen sonst nicht allein leben könnten.

Natürlich wäre es großartig, wenn man mit einer Stimmanalyse Depressionen erkennt. Früher hat man an der Stimme Aggression erkannt.

Natürlich ist es großartig, wenn Überwachungssysteme für Diabetiker oder Herzinfarktpatienten entwickelt werden. Nur macht es Sinn, dass wir uns ständig selbst überwachen?

Begrenzen wir nicht unsere Lebensfreude, wenn wir ständig Schritte, Zeit und Kohlenhydrate zählen?

Nehmen wir uns nicht unsere Freiheit, wenn wir uns optimieren, als wäre wir Maschinen?

(...)

 
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