Pavia ist der Name einer sehr alten Stadt in der Lombardei. In ihr ist Martinus geboren, sein Vater hatte ihn schon früh zum Kriegsdienst bestimmt. Er trat als Soldat in das Heer des römischen Kaisers Julianus ein. Schon in diesen frühen Jahren war er ein Vorbild aller Tugenden, besonders jedoch der Mildtätigkeit.
So ritt er eines Tages mit den Leuten des Kaisers zu harter Winterszeit auf der Heerstraße dahin und sah da einen Menschen, der fast unbekleidet war, zitternd vor Kälte am Wege liegen. Sogleich hielt Martinus sein Pferd an, ließ die anderen ein Stück Weges voran reiten und beugte sich dann mitleidig zu dem armen Manne nieder. Da er sich sogleich überzeugte, wie notwendig diesem eine wärmende Hülle sei, zog er sein scharfes Schwert aus der Scheid und hieb, ohne sich lange zu besinnen, seinen Reitermantel mitten durch. Die eine Hälfte warf er über die Blöße des Armen, schlug die andere Hälfte sich selbst wieder um die Schultern und sprengte, vo den Segenswünschen des Bettlers begleitet, davon, um die Reiter des Kaisers wieder einzuholen.
In der Nacht darauf hatte Martinus einen wunderbaren Traum. Ihm erschien der Heiland der Welt im Glanze des Himmels, rings umgeben von vielen hundert Engeln. Martinus erkannte den Herrn sogleich, denn er war im Herzen schon längst ein Heide mehr. Aber wie erstaunte Martinus, als er über den Schultern des Heilandes das Stück seines Mantels erkannte, das er am Tage zuvor dem zitternden Bettler geschenkt hatte. Beschämt schlug er die Augen nieder, hörte aber mit seliger Freude, daß der Herr zu den Engeln sagte:"Sehet dieses Stück Mantel, damit hat Martinus mich bekleidet!"
Der Traum zerrann; der Herr des Himmels aber hat später diesen Reiter zu einem großen Bischof gemacht. Martinus kehrte sich immer mehr vom Kriegerstande ab, und er Wissenschaft zu. Er begab sich in die Stadt Poitiers zum Bischof Hilarius und erwarb sich sehr bald die Liebe aller dortigen Klosterbrüder, sowie die Achtung der Einwohner des Ortes.
Als nach einiger Zeit der Bischof von Tours starb, erwählte das Volk einstimmig Martinus zum Nachfolger desselben.
Martin wollte jedoch in seiner Bescheidenheit lieber in seinem Wirkkungskreis verbleiben und hat sich beim Herannahen der Abgesandten, die ihn zur Bischofswahl holen wollten, in einem Gänsestall versteckt. Das Federvieh verriet ihn jedoch durch lautes Geschnatter.
Martinus war schon zu Lebzeiten Liebling des Volkes gewesen und wurde wegen seiner Milde und seines frommen Wandels wie ein Heiliger verehrt. Zahllose Klöster, Kirchen und Kapellen wurden nach ihm genannt und als er am 11. November 402 starb, da war große Trauer. Viele tausend Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Sie waren meist aus weiter Ferne hergekommen und wurden nun, nach des verstorbenen Anordnung, mit Speis und Trank versorgt, sobald die Beerdigung vorüber war. Martinus hatte bestimmt, daß sie mit gebratenen Gänsen bewirtet werden sollten; dies war eine kleine Vergeltung dafür, daß diese Tiere durch ihr Geschnatter sein Versteck verraten hatten.
Von dieser Zeit an pflegte man am Abend vor dem Todestage des Bischofs Gänse zu braten und zu seinem Andenken im fröhlichen Freundeskreise zu verspeisen.