Baustelle USA

Liquid0815

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24 April 2006
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Ich habe heute einen Bericht darüber gesehen, dass der Bau des neuen Towers auf dem Ground zero den Erwartungen der Bürger weit hinterher hinkt.
Dabei habe ich mir überlegt, warum es die Bürger der USA überhaupt aufregt, schließlich hinkt die derzeitige Regierung in einigen Punkten hinterher. Nicht nur, das es bis heute nicht geschafft wurde, den patriotischen Bau eines Towers auf dem Grund Zero wirklich zu beginnen - schließlich waren inzwischen 7 Jahre dazu Zeit - nein, das Land ist während der Regierung Bush allgemein nicht wirklich in die Gänge gekommen. Stattdessen haben sich die USA in schwer lösbare Probleme verstrickt. Um nur zwei davon zu nennen erwähne ich jetzt mal die Kriegsschauplätze Afghanistan und Irak. Von den wirtschaftlichen Krisen derzeit ganz zu schweigen. Ebenso die Beziehungen zu europäischen Partnern oder Partnern weltweit, aber auch Problemen im eigenen Land (Menschenrechtsverletzungen bis hin zum gläsernen Bürger).
Im Prinzip ist die Baustelle am Ground Zero ein Spiegelbild des Erfolges der Bush Regierung.
Nach den Anschlägen wurde viel geredet, und auch viel gehandelt. Es wurden Gesetze erlassen, die die Rechte der Bürger stark einschränken, es wurden Kriege geführt und es wurden Gelder verschwendet. Aber was hat die Regierung wirklich bewirkt? Nicht einmal der Drahtzieher der Anschläge - Osama bin Laden - wurde gefasst. Stattdessen steht man vor einem Scherbenhaufen im Irak.
Um auf die Baustelle am Ground Zero zurück zu kommen: Hier wurde genauso wenig erreicht, wie auch sonst im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn ich mir vorstelle, dass unsere Trümmerfrauen nach dem 2. Weltkrieg genauso lahm gewesen wären, mit dem Neubeginn und Wiederaufbau, dann wären wir heute wohl nicht die Bundesrepublik, die wir sind... :roll:
 
ich finde es GUT, das sie sich damit zeit lassen ..... um in ruhe - und im gedenken an das, was geschah - zu entscheiden, welcher "neubau" angemessen ist.

ich teile deine generelle kritik an vielen dingen in den usa (ausdrücklich auch die an der aktuellen regierung und dem aktuellen präsidenten) ...... aber ich finde, das "ground zero" anders ist - oder zumindest sein sollte.

was auch immer dort entstehen bzw gebaut werden wird:
es sollte an die unschuldigen erinnern, deren leben ausgelöscht wurden, ohne das sie schuld daran trugen - und auch daran erinnern, das dies leider manchmal der preis der freiheit ist.
es sollte an die schuldigen erinnern, denen tausende von menschenleben nichts bedeuteten.
und es sollte jeden daran erinnern, das es nichts (!) gibt, was den tod von unschuldigen rechfertigt - insbesondere, wenn er billigend in kauf genommen wird, bzw das "ziel" ist.


ich erinnere mich (ist lange her) an ein urteil eines israelischen (!) richters ..... er sollte entscheiden, ob "leichte folter von terorristen" erlaubt ist........
der spruch lautete "nein" ...... und die begründung (sinngemäss) "eine demokratie muss sich im zweifel eine hand auf den rücken binden, wenn sie gegen ihre gegner kämpft - sonst ist sie nicht besser als ihre gegner"


amerika (usa) ist nicht mein vorbild für demokratie (und in vielerlei hinsicht auch nicht mein vorbild für andere dinge) .... aber ich finde, sie haben das recht - wie jedes andere land auch - ihre toten erst zu betrauern und sie danach nach ihrem empfinden angemessen zu würdigen.



die "trümmerfrauen" haben nach dem krieg keine "denkmäler für die toten errichtet", sondern "wohnungen für die lebenden".
sie haben gearbeitet, um das leben (an sich) zu retten - insbesondere wenn mann den "hungerwinter" (1946/47) berücksichtigt ....... das "denkmal" für die trümmerfrauen ist also diese (deutsche) republik an sich - und das wir leben!
 
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Ich habe heute einen Bericht darüber gesehen, dass der Bau des neuen Towers auf dem Ground zero den Erwartungen der Bürger weit hinterher hinkt.
Dabei habe ich mir überlegt, warum es die Bürger der USA überhaupt aufregt, schließlich hinkt die derzeitige Regierung in einigen Punkten hinterher.

Von den Todesopfern konnten bislang nur 10 Prozent eindeutig identifiziert werden. Viele derer sind sogar bis heute vermisst bzw. liegen zu Asche verkohlt in den abtransportierten Trümmerhaufen, die bis heute gelagert werden (unter anderem auch in Lagerräume direkt unter Ground Zero).

Für den Bürgern/angehörigen stellt der Platz also ein Massengrab dar (was es technisch gesehen auch ist, auch wenn die Opfer zu Asche wurden und man von denen nie mehr etwas finden wird). Ursprünglich war geplant, dass man diesen ganzen Schutt in Würde beisetzen wollte, damit die Angehörigen einen Platz zum trauern haben - durch die Zankerei sämtlicher Behörden wird ihnen dieser Trauerort genommen.

Da würde ich mich auch aufregen, wenn man 7 Jahre streiten müsste, bis mein Mann/Vater/Bruder oder sonstiger Angehöriger endlich eine würdige Grabstätte bekommt und wenn es nur in einer Urnenreihe mit unidentifizierte Asche wäre...
 
Um auf die Baustelle am Ground Zero zurück zu kommen: Hier wurde genauso wenig erreicht, wie auch sonst im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn ich mir vorstelle, dass unsere Trümmerfrauen nach dem 2. Weltkrieg genauso lahm gewesen wären, mit dem Neubeginn und Wiederaufbau, dann wären wir heute wohl nicht die Bundesrepublik, die wir sind... :roll:
Ist nicht dein Ernst, dieser Vergleich, oder!? :wall:
 
Gut, der Vergleich mit den Trümmerfrauen mag zwar hinterher hinken, was mich aber an der ganzen Sache stört, ist die Tatsache, dass Milliarden für die Bekämpfung der "Achse des Bösen" ausgegeben wurden, der eigentliche Schaden - Ground Zero - jedoch - meiner Meinung nach - vernachlässigt wurde.
Das fängt ja schon bei der Tatsache an, dass sich die Eigentümer des Grundstücks und die Angehörigen der Opfer, sich darum streiten, was jetzt mit dem Grund passieren soll. Die Eigentümer möchten eine Gewinnmaximierung und möglichst rentable Verzinsung des Grundstücks, die Angehörigen ein angemessenes Denkmal ihrer Verstorbenen Angehörigen. Ich bin mir sicher, dieser Streit hätte mit einem Bruchteil dessen, was der 11. September 2001 an Kosten verursacht hat (Afghanistan, Irak, Guantanamo, Patriot act...) beigelegt werden können, wenn die Grundstückseigentümer eine Entschädigung für das Grundstück bekommen hätten (war das Gebäude denn nicht auch reichlich versichert?) und das Grundstück für die Opfer genutzt hätte werden können?
Der 11. September diente ach so oft als Vorwand für viele fragwürdige Veränderungen in den USA, aber irgendwie hat man das eigentliche Problem aus den Augen verloren: Die Opfer des Anschlages des 11. September...

edit: Was man auch getan hätte, es hätte die Toten nicht wieder zum Leben erweckt, aber es hätte vielleicht mehr bewirkt als so manche abgeworfene Bombe über Bagdad...
 
Zuletzt bearbeitet:
Gut, der Vergleich mit den Trümmerfrauen mag zwar hinterher hinken, was mich aber an der ganzen Sache stört, ist die Tatsache, dass Milliarden für die Bekämpfung der "Achse des Bösen" ausgegeben wurden, der eigentliche Schaden - Ground Zero - jedoch - meiner Meinung nach - vernachlässigt wurde.
Ne, Liquid, der hinkt nicht, der kippt einfach um. Den Aufbau zerstörter Städte (also Wohnraum und Industrie) nach einem Krieg mit dem (Nicht)Aufbau eines zerstörten Gebäudes (in diesem Falle ehern als Symbol zu sehen) nach einem Anschlag zu vergleichen geht einfach nicht. Und Liquid, so blöd bist du doch nicht. Statt Kriege (die man durchaus kritisieren kann, wenn nicht gar muß) hätten die USA den Wiederaufbau an dieser Stelle vorantreiben sollen, ist doch arg platt. :roll:

Aber ich will ja hier keine Diskussion "abwürgen": Was sind denn die Gründe, warum man so lang braucht und liegt die Verzögerung wirklich am Staat (bzw. hat er überhaupt einen Einfluß)? Ich bezweilfe, daß es ähnliche Gründe gibt, aber die Ruine der Dresdner Frauenkirche diente Jahrzehnte als Mahn-/Denkmal.
Ein Fazit der Arbeit der Regierung Bush zu ziehen stelle ich mir als Außensteher schwierig vor, fehlt einem doch ein genauer Überblick besonders der Innenpolitik.
 
Wenn es möglich war im Zuge der Anschläge in gewissen Bereichen die Menschenrechte einzuschränken, dann wäre es sicherlich auch möglich gewesen in sieben Jahren etwas am Ground Zero zu tun. Wie schon angesprochen hätte wohl ein winziger Bruchteil der Gelder des Irakkrieges gereicht um das Grundstück in staatlichen Besitz zu bringen und es für ein Denkmal zu nutzen. Eine Nation die es schafft innerhalb weniger Jahre den Krieg in zwei Ländern mehr oder weniger gleichzeitig zu führen, ist nicht in der Lage ein Grundstück in Besitz zu nehmen, welches für den Staat eine außerordentliche Bedeutung hat? Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Was ich mir eher vorstellen kann, dass für diese Aktion nicht ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt wurden, schließlich brauchte man das Geld "dringend" an anderer Stelle...
 
im prinzip geht es doch darum, was "angemessen" wäre......

die nutzung von ground-zero als gedenkstätte
(also keine bebauung (durch private personen/gesellschaften))

oder

den (wieder)aufbau - gerade (!) durch private personen/gesellschaften
(also ein neues (ausdrücklich: kommerzielles) bauwerk)


für das erste spricht der respekt vor den toten - und eine "leidenshaltung".
für das zweite spricht die hoffnung (und der trotz) - es ist also "vorwärtsgerichtet"


die frage ist also, ob amerika "nur zurückblicken will - und (nur) 'trauern'" ..... oder nach vorne blicken - und jedem (durch ein neues bauwerk) sagen will "wir (als gesellschaft) wurden verwundet - aber wir lassen uns nicht unterkriegen"

ich perönlich ziehe die vorwärtsgerichtete variante vor.

DAS wäre meiner meinung nach der RICHTIGE "krieg gegen den terror" - zu zeigen, das "man sich nicht unterkriegen lässt"!

(die einschränkung der bürgerrechte (egal ob in amerika, deutschland, wo auch immer) halte ich für den falschen weg - und für einen sieg des terrors!)

und (insbesondere) den krieg gegen den irak (und eventuell irgendwann iran) sehe ich (leider) als "das hatten wir eh vor, jetzt haben wir einen grund" sehen.



das argument, das die hinterbliebenen einen ort zum trauern brauchen, lasse ich (so) nicht gelten:
wer einen öffentlichen ort (ein öffentliches symbol) braucht, der MISSbraucht seine trauer.

echte trauer ist dort, wo das herz des trauernden ist - und hat nichts mit orten oder öffentlicher aufmerksamkeit oder mit geld zu tun.