Blog von mirkuss
 
Eintrag #7, 19.02.2005, 15:04 Uhr

19.02.2005 Neues aus dem Backkatalog

Neues aus dem Backkatalog

Also, da mir manchmal irgendwie nicht so was richtiges einfallen will, ich aber trotzdem gerne einen neuen Eintrag posten möchte, werde ich hin und wieder auf bereits geschriebene Texte zurückgreifen und die gegebenenfalls noch ein wenig kommentieren.
Resteverwertung ist ja politisch wie ökologisch logisch und sinnvoll und gerne gesehen, also warum nicht auch hier.
Den Anfang macht ein Text, den ich im letzten Sommer nach einer Lesung von Stuckrad-Barre schrieb.
Ich verehre diesen Autor sehr, weil er so schön beobachtet und so treffend beschreibt.
Außerdem schaue ich beim Pissen an der Uni immer auf einen Stempel den er im Rahmen seiner „Ich war hier“ Reise-Aktion-Was-auch-immer dort hinterlassen hat.
Und wo sollte man beim Pissen an der Uni auch sonst hinschauen.
Also hier der Text:

Sammler des Alltäglichen
Das Wetter draußen passt. Regen, Sonne, Wolken, Gewitter, viel zu kalt für die Jahreszeit. Kreislaufwetter würden unsere Eltern sagen. Und Kreislauf ist ein guter Einstieg in diesen Abend.
Drinnen 50er Jahre Kinosaalatmosphäre. Plüsch und Pomp sind längst verschwunden. Holzsitzreihen. Gut gefüllt und bis zum Beginn der Veranstaltung dauert es noch eine ganze Weile. Ein „Ausverkauft“-Pappschild macht die kurzentschlossenen Besucher unwirtlich darauf aufmerksam, dass sie sich spontan doch noch das zweite Halbfinalspiel der Fußball-Europameisterschaft ansehen können. Ob dies eine gute Alternative ist, wissen zu diesem Zeitpunkt weder die zurückgewiesenen Literaturfreunde, noch das auffallend junge und szenige Publikum im Saal.
Man mag ihnen die Rolle der Literaturfans irgendwie nicht so ganz abnehmen. Alles erinnert eher an ein Nu-Metal Konzert. Aber so ist das nun mal, wenn Deutschlands Popliterat Nr.1 zur Release-Lesungstour seines neuen Buches „Remix 2“ ruft.
Es ist das Jahr 6 nach „Soloalbum“, seinem einzigen wirklichen Roman und für ihn die Stunde Null, oder kurz danach.
In den letzten Monaten haben wir viel gehört - Drogensucht, Bulimie und Entgiftungen - und kamen ihm dank verwackelter Videobilder so nah wie noch nie. Sahen das Chaos in seiner Wohnung, das Chaos in seinem Leben. Bemerkten, dass unter Hugo-Boss-Anzügen und hinter diesem omnipräsenten, mediengeilen Gesicht noch etwas anderes schlummert.
Stuckrad-Barre im Jahre 2004. Das ist, natürlich, auch wieder die Öffentlichkeit, aber anders als zu Hochzeiten der deutschen Popliteratur. Stuckrad-Barre im Jahr 2004, das ist die Öffentlichkeit des Scheiterns, das ist menschlich. Das ist ein Mensch, der mit tränenerstickter Stimme über seine gescheiterte Beziehung spricht und man nimmt ihm ab, dass er die Öffentlichkeit diesmal nicht als Projektionsfläche für seine Genialität braucht, sondern um einen Ansprechpartner zu haben. Er will reden und wenn es nur mit der Videokamera ist.
Die Lesung beginnt mit einer Fotoshow. Schnappschüsse, Bilder aus dem Alltag, die alltägliche Geschichten erzählen, auch vom Scheitern. Und mittendrin der Slogan „Pop ist nicht tot“, als Mutmacher, wohl nicht nur fürs Publikum.
Dann springt der Sammler dieser Alltagsgeschichten auf die Bühne und in meinem Kopf dreht sich das Assoziationskarusell: „Der ist doch wieder drauf, auf Koks, nein doch nicht, aber die Augen usw.“.
Innerhalb von Minuten verwandelt er das Publikum in eine aufmerksame Zuhörerschaft, über die sich jeder gymnasiale Lehrer eines Oberstufengrundkurses Deutsch freuen würde.
Und nein er ist wohl nicht auf Koks.
Die Texte, die er liest, zeigen in Perfektion seine Qualität. Es sind die Geschichten, die das Leben selbst schreibt, die man zwischen den Zeilen seiner Anekdoten findet.
Er ist ein Sampler, er zeichnet seine Umwelt auf, beschreibt sie und gibt sie gefiltert durch seinen Horizont an sein Publikum weiter. „Hier, macht euch eure Geschichten selbst, ich bin nur das Medium.“
Über zwei Sunden lang erfahren wir etwas über Normalität in der Ehe von Paola und Kurt Felix und instinktiv wissen wir wie widerlich deren Leben doch sein muss. Wir spüren die Verloren- und Verlogenheit der deutschen B-Prominenz am Beispiel von Nicolette Krebitz, hören von der Sehnsucht, die in MDR-Singleshows herrscht und merken, dass selbst Klosprüchen eine Poesie innewohnt.
Die Zugabe folgt ohne langes Rock´n´Roll-zurück-auf-die-Bühne-Geklatsche: und einmal mehr ist es das wirkliche Leben, dass er wiedergibt. Es sind zitierte Foreneinträge aus dem Internet.
Ja, Stuckrad-Barre ist zurück und nein, Pop ist nicht tot, noch lange nicht.
Als wir den Saal verlassen, hat Griechenland gerade das Finale der Fußball-Europameisterschaft erreicht. Und jeder der dieses Spiel sah, hat etwas verpasst. Das Lebenszeichen eines besessenen Archivars, der es so gut wie nie zuvor schafft, mit wenigen Schnitten die kleinen und großen Absurditäten unserer Gesellschaft freizulegen.
 

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