X-Filme-Produzenten Michael Polle und Uwe Urbas: 'Man muss wirklich jedes Projekt für sich ...

Es werden heiße Tage für die Firma X Filme, die Initiator bei «Babylon Berlin» ist. Sky startet die dritte Staffel hier am Freitag. Obendrein werden in den kommenden Tagen noch ein «Tatort» des Münchner Teams und der ZDF-Stoff «Die verlorene Tochter» gesendet. Im Februar steht dann der erste Netflix-Film aus dem Hause X Filme an.

Am Freitag startet die neue «Babylon Berlin»-Staffel bei Sky1. Im Herbst läuft sie dann im Ersten. Wie kompliziert und nervenraubend ist denn die Arbeit an einem Projekt dieser Größenordnung, das noch dazu dann auch eine Mehrzahl an TV-Partnern hat.
Michael Polle:
In der Tat handelt es sich bei «Babylon Berlin» um eine sehr komplexe Produktion, aber gemeinsam mit meinen Mitproduzenten Stefan Arndt und Uwe Schott durfte ich mit einem hervorragenden Team vor und hinter der Kamera arbeiten, das sich in den ersten beiden Staffeln sehr erfolgreich bewährt hat. Die Zusammenarbeit mit unseren Koproduzenten und Senderpartnern würde ich als absolut partnerschaftlich bezeichnen. Wenn wir uns zu Drehbuchlesungen treffen, dann können da schon mal zwölf bis 15 Personen am Tisch sitzen. Aber inzwischen greifen wir auf gut gewachsene Strukturen zurück, es ist ein sehr guter, inhaltlicher Austausch.

Wie hat das Ausland auf die Serie reagiert?
Michael Polle:
Herausragend. Die Serie ist durch Beta Film in über 100 Länder verkauft worden – auch die dritte Staffel. Von überall her gab es Kritikerlob. Wir haben den europäischen Filmpreis gewonnen – als erste Serie überhaupt. Zudem gab es auch international weitere Auszeichnungen, beispielsweise in Shanghai.

Wir kennen ja die TV-Quoten, etwa die hohen Zuschauerzahlen, als Das Erste die Serie sonntags gestartet hat. Aber stimmen denn auch alle andere Zahlen?
Michael Polle:
«Babylon Berlin» ist durchaus auch eine sehr teure Serie in der Herstellung – es ist ein Projekt, das hochkomplex ist. Sie können sich auch denken, dass die Herstellung von Serien in den zurückliegenden Jahren grundlegend erst einmal teurer geworden ist. Dennoch hatten wir für die dritte Staffel kein höheres Budget. Insofern war das eine Gratwanderung. Aber «Babylon Berlin» bleibt ein Projekt, das auch auf Langfristigkeit ausgelegt ist. In diesem Sinne sind wir mit den Zahlen zufrieden, aber wir sind nicht euphorisch.

Mal generell gefragt: Wie viel Geduld brauchen Sie in Ihrem Job?
Michael Polle:
Geduld braucht man ganz generell. Nicht nur in meinen Job, sondern auch als Regisseur, Autor, auf Senderseite. Es sollte nie ein Gegeneinander sein, sondern immer ein Miteinander und ein Arbeiten, das geprägt ist von viel Leidenschaft und kreativem Austausch.

Bei Sky gab es größere Umbrüche, unter anderem den Gesellschafterwechsel. Ist die Arbeit mit dem Comcast-Sky nun eine andere?
Michael Polle:
In keiner Weise. Das liegt zunächst daran, dass die bei Sky beteiligten Personen in Bezug auf «Babylon Berlin» fast die gleichen geblieben sind. Wichtig ist aber, dass «Babylon Berlin» keine reine Sky-Serie ist, sondern ein Projekt mit inzwischen fünf Partnern – neben X Filme als Initiator und Produktionsfirma die Senderpartner und Koproduzenten Degeto sowie Beta Film. Zudem ist bei Staffel drei zusätzlich der WDR mit dabei. In Bezug auf Sky nehmen wir wahr, dass das Comcast-Sky sich mehr denn je zu nationaler und internationaler Fiktion bekannt hat. Diese Themen stehen auch bei den anderen Partnern sehr weit oben auf der Agenda, wir sind in einem guten Austausch.

Für das ZDF haben Sie einen neuen Dreiteiler gemacht; der eigentlich eine sechsteilige Miniserie ist. Gewöhnlicher ZDF-Krimi oder spannendes Serienexperiment?
Uwe Urbas:
Beides stimmt nicht. Zunächst einmal, sind Produktionen von X Filme hoffentlich nie gewöhnlich. Denn das X in unserem Namen steht für das Ungewöhnliche, Überraschende. Eben Filme plus X. Ich würde «Die verlorene Tochter» als Familiendrama mit Krimi-Struktur beschrieben.

Michael Polle: Wenn Sie den Film sehen, werden Sie merken, dass wir da kein Experiment gemacht haben. Es stimmt, dass das ZDF das Projekt an drei Abenden zeigt, aber es ist auch kein Dreiteiler. Wir haben daraus nicht drei Mal 90 Minuten geschnitten. Die Zuschauer spüren die Episodenstruktur von sechs Folgen sehr deutlich. Das ist ähnlich wie bei «Babylon Berlin», das ja auch in Doppelfolgen ausgestrahlt wurde.

Uwe Urbas: Insofern würde ich bei dem Projekt eher von einem spannenden Ansatz sprechen, der uns hoffentlich gelungen ist. Das müssen nun die Zuschauer entscheiden.

Welche Zutaten braucht denn eine Geschichte, die im ZDF auch im Mainstream funktionieren soll? Wir sehen ja zum Beispiel, dass es für die Mehrheit gar nicht immer zu ungewöhnlich sein sollte.
Michael Polle:
Naja, «Babylon Berlin» hat da in gewisser Weise schon das Gegenteil bewiesen. Aber auch andere Beispiele lassen sich hier heranziehen: wir haben mit dem Bremer-Team einen «Tatort» gemacht, der kaum Krimi, dafür aber ganz viel Drama war – und über zehn Millionen Zuschauer erreicht hat. Das war die Folge „Im toten Winkel“. Ich würde eher sagen, dass es immer um den Inhalt und die Art der Erzählung geht und dies steht bei X Filme gemeinsam mit den Kreativen und ihrer Vision besonders im Fokus. An der Stelle nehmen wir das Wort „Creative Pool“ in unserem Firmennamen sehr ernst. Persönlich empfinde ich Fernsehen nicht als Medium, dass sich der Wiederholung des Immergleichen verschreiben sollte, sondern als Medium mit großer Innovationskraft. Grundlage für alles sind aber starke Geschichten und die Macherinnen und Macher dahinter.

Mit Krimis kennen Sie sich ja aus… Sie sind auch für den kommenden München-«Tatort» zuständig. Was erwartet uns?
Michael Polle:
Vor allem eine sehr rastlose Geschichte. Eine Amok-Lage ist der Ausgangspunkt. Der Täter aber wird schnell erschossen. Aber damit ist es nicht vorbei. Es kommt die Frage auf, ob es noch einen zweiten Täter gibt. Das führt soweit, dass man sich irgendwann fragt, ob die Stadt München abgeriegelt werden muss. Holger Joos hat ein sehr besonderes Drehbuch geschrieben, das Pia Strietmann und das gesamte Team auf sehr eindrucksvolle Art umgesetzt haben. Dank des Vertrauens und der guten Zusammenarbeit mit dem BR und der Redakteurin Stephanie Heckner konnte dieser Film so entstehen.

Haben Sie sich da am Amoklauf 2016 in München orientiert?
Michael Polle:
Wir haben uns nicht alleine daran angelehnt, zumal die Geschichte bei uns klar nach den Ereignissen spielt, weil sie diese auch anspricht. Es ist eher ein Zeitgeist-Phänomen. Bei vielen dieser Fälle gibt es schnell wilde Spekulationen und Ängste, gerade in den sogenannten sozialen Medien. Wir haben das tragischerweise auch bei der Amoktat in Halle gesehen. Wichtig war uns bei diesem Film, dass wir das Geschehen nicht aus der Sicht des Täters betrachten, sondern die Betroffenen und vor allem die Polizisten in den Mittelpunkt rücken.

Wie wichtig ist denn die sanfte Erneuerung beim Münchner Ermittler-Team?
Michael Polle:
Gar nicht. Wir haben den Vorteil, dass den Kreativen im Zusammenspiel mit uns und der Redaktion immer wieder starke Geschichten einfallen, die die Figuren herausfordern und manchmal „an den Rand drängen“. Wir haben beim Münchner «Tatort» wahnsinnig populäre Figuren, aber auch immer wieder große Überraschungen. Beides macht den Reiz aus.

Wie wichtig ist Netflix für den deutschen Produzentenmarkt? Privatsender reden das ja gerne klein, Netflix selbst sieht es vermutlich anders…
Uwe Urbas:
Generell ist es toll, dass so viel auf dem Streaming-Markt passiert. TV Now ist sehr aktiv, VOX hat zahlreiche neue Serien beauftragt –mit allen Partnern sind wir in guten Gesprächen. Man muss wirklich jedes Projekt für sich betrachten und entscheiden, zu welchem Sender oder welcher Plattform es am besten passt. Ich möchte aber nicht, dass bei diesem Thema die öffentlich-rechtlichen Sender immer so kurz behandelt werden. Natürlich wollen Streaming-Dienste zur Zeit schnell in den Markt und sich entsprechend schnell entwickeln. Aber genauso wichtig ist die lange gewachsene und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Partnern wie dem ZDF oder der ARD. Zudem ergeben sich auch immer neue Möglichkeiten, etwa die wirklich innovative Zusammenarbeit zwischen der ARD und Sky. Man könnte also sagen, dass die Streamingdienste dafür gesorgt haben, dass es weniger Grenzen des Vorstellbaren gibt.

Michael Polle: Der Gewinner ist der Zuschauer.

Danke für das Gespräch.

Magazin / Interview
23.01.2020 · 09:42 Uhr
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