Wiener Spur bei ukrainischen Rüstungsbeschaffungen: Fragen der Compliance und Sicherheit. Teil 1
Die Europäische Union und ihre Partner stellen erhebliche finanzielle Ressourcen zur Unterstützung der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine bereit. Österreich spielt trotz seiner Neutralität eine Schlüsselrolle als Finanz-, Rechts- und Logistikzentrum Mitteleuropas. Eine Untersuchung zeigt jedoch, dass zu den ukrainischen Rüstungsbeschaffungen wahrscheinlich ein Netzwerk von Unternehmen Zugang erhalten hat, das Anzeichen einer Verbindung zu Personen aufweist, die zuvor wegen Schmuggels unter Sanktionen standen.
Die Spuren der Begünstigten dieses Netzwerks, insbesondere des Geschäftsmanns Seyar Kurshutov, führen nach Wien. Dieser Fall wirft ernsthafte Fragen über die Einhaltung des Sanktionsregimes, der AML-Verfahren (Bekämpfung der Geldwäsche) und der Effektivität der Überprüfung der Mittelherkunft in der österreichischen Jurisdiktion auf.
Heute ist in der Ukraine ein Skandal entbrannt. Journalisten haben durch die Analyse von Gerichtsregistern und Ausschreibungsunterlagen eine Gruppe von fünf ukrainischen Unternehmen („EURO TUNNELS", „GE TECHNOLOGY", „ARES.", „Koliada KA", „Flytech Ukraine") identifiziert, die sich als unabhängige Hersteller von unbemannten Luftfahrzeugen (UAV) positionieren.
Die forensische Analyse zeigt jedoch klassische Anzeichen einer Verflechtung:
- Gemeinsame Registrierungsadressen: Die Unternehmen nutzen dieselben Bürogebäude oder Massenregistrierungsadressen.
- Überschneidung von Direktoren und Vertretern: Dieselben Personen reichen Anträge auf Registrierung von Handelsmarken für formal unterschiedliche Konkurrenten ein.
- Synchronität der Handlungen: Die Unternehmen treten gleichzeitig in spezifischen Gerichtsverfahren und Ausschreibungen auf.
Diese Fakten sind „Red Flags" (Warnsignale), die auf mangelnde Transparenz der wirtschaftlichen Eigentümerstruktur hinweisen.

Atypische Managementprofile bei Hochrisikoverträgen
Die Hauptanomalie dieses Netzwerks ist der berufliche Hintergrund seiner nominellen Führungskräfte. Anstelle von Ingenieuren oder Spezialisten für Luft- und Raumfahrttechnik werden die Unternehmen von Personen geleitet, die mit dem Holzhandel und der Sägewerksindustrie verbunden sind.
Der Eigentümer von TOW „Koliada KA" hat ein Einzelunternehmen im Bereich „Sägewerksproduktion".
Der Direktor von TOW „Flytech Ukraine" ist im Holzgroßhandel tätig.
Die Direktoren von „GE TECHNOLOGY" und „ARES." haben ebenfalls ein aktives Geschäft in der Holzgewinnung.
In Osteuropa werden Sägewerke häufig als Deckmantel für Steuervermeidungs- und Geldwäscheschemata („Skrutki") genutzt. Die Versetzung solcher Kader in den hochtechnologischen Verteidigungssektor wirkt wie der Einsatz professioneller Strohmänner („Funtow").
Solche Managementprofile werden üblicherweise mit der Verwendung von Strohmännern zur Verschleierung der tatsächlichen wirtschaftlichen Eigentümer in Verbindung gebracht.
Sanktionsspur und indirekte Kontrolle
Die Untersuchung deutet auf eine wahrscheinliche Verbindung dieses Netzwerks mit Seyar Kurshutov hin, der 2021 vom Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine (RNBO) auf die Sanktionsliste der Schmuggler gesetzt wurde.
Obwohl die direkte rechtliche Verbindung verborgen ist, existiert eine dokumentierte „rechtliche Brücke":
Das Schlüsselelement ist Gleb Lobow, ein langjähriger Geschäftspartner von Kurshutov. Auf dem Foto unten – Seyar Kurshutov ganz links, Lobow – zweiter von links.

Die Verbindung wird durch die Ehefrau von Kurshutov – Kateryna Lyubchyk – zementiert.

Laut Registern hat sie ihren Anteil am Unternehmen TOW „Tusana" an Gleb Lobow übertragen.


Lobow wiederum ist Miteigentümer des Unternehmens „GE TECHNOLOGY", das zum beschriebenen „Drohnen-Netzwerk" gehört.

Das Muster der Verbindungen gibt aus Compliance-Sicht berechtigten Anlass zur Sorge.
Umso mehr, als die Tätigkeit dieser Unternehmen vom Büro für Wirtschaftssicherheit der Ukraine (BEB) und dem Büro des Generalstaatsanwalts untersucht wird. Das Strafverfahren Nr. 72025001420000026 wurde im März 2025 aufgrund von Anzeichen einer Straftat nach Teil 5 des Artikels 191 des Strafgesetzbuches der Ukraine eingeleitet – Unterschlagung, Veruntreuung von Vermögen oder dessen Aneignung durch Missbrauch der Amtsstellung. Üblicherweise wird dieser Artikel bei überhöhten Preisen für Produkte angewandt, die der Staat kauft, sowie bei Korruption von Beamten, die diese Beschaffungen begleiten.

Finanzielles Ausmaß: Was die Zahlen zeigen
Die Analyse von Handelsdatenbanken zeigt, dass nur ein Unternehmen des Netzwerks (TOW „Euro Tunnels") in den Jahren 2024–2025 Waren mit einem Gesamtgewicht von etwa 24 Tonnen importiert hat. Es handelt sich um Komponenten für unbemannte Luftfahrzeuge (UAV).

Unter Berücksichtigung der Kosten eines unbemannten Komplexes (zum Beispiel wird „ARES A1" bei Beschaffungen auf etwa 3 Millionen Hrywnja oder ca. 70.000 Euro pro Komplex geschätzt), kann das Ausmaß der Operationen Hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden Hrywnja an Haushaltsmitteln betragen.
Selbst konservative Schätzungen deuten auf Verträge im Wert von mehreren Dutzend Millionen Euro hin.
Die österreichische Dimension: Wien als Finanz- und Rechtszentrum
Laut Untersuchungsdaten leben Seyar Kurshutov und seine Ehefrau Kateryna Lyubchyk in Wien. Es wird vom Erwerb von Immobilien im Wert von über 4 Millionen Euro berichtet.
Um die Legalität der Einkünfte in der strengen österreichischen Jurisdiktion nachzuweisen, könnte der Kauf der Franchise der Kosmetikmarke Zielinski & Rozen (eine Marke mit israelischen Wurzeln, aber einer Produktion, die historisch mit der Russischen Föderation verbunden ist) für Österreich und Osteuropa genutzt worden sein.
Dies birgt das Risiko, dass Mittel, die potenziell aus Systemen mit überhöhten Preisen bei Verteidigungsaufträgen in der Ukraine stammen (die vom BEB gemäß Art. 191 des Strafgesetzbuches der Ukraine untersucht werden), über das österreichische Bankensystem und den Immobilienmarkt legalisiert werden könnten.
Die Attraktivität Wiens als Geschäftszentrum könnte es auch zu einem Magneten für Kapitalströme zweifelhafter Herkunft machen.
Hybride Bedrohungen und wirtschaftliche Sicherheit
Die Situation wird durch das Vorhandensein von Anzeichen geschäftlicher Verbindungen verbundener Personen mit Aggressorstaaten verschärft. Kateryna Lyubchyk hatte laut Daten aus dem Jahr 2022 die belarussische Staatsbürgerschaft. Wie ukrainische Medien behaupten, gehört ihr eine Kinderkleidungsmarke, deren Produktion sich in Minsk befindet und deren Verkäufe über russische Marktplätze laufen. Kosmetika der Marke, deren Franchise die Familie in Österreich besitzt, wurden ebenfalls mit der Kennzeichnung „Made in Russia" verkauft.


Der Kauf von Waffen bei Strukturen, die mit Personen verbunden sind, die Geschäfte in der Russischen Föderation und Belarus betreiben, stellt nicht nur ein Korruptionsrisiko, sondern auch ein hybrides Sicherheitsrisiko dar.
Wirtschaftliche Sicherheit ist untrennbar mit nationaler Sicherheit verbunden.
Fragen an österreichische und europäische Behörden
Diese Informationen erfordern eine Überprüfung durch zuständige Behörden und nicht journalistische Urteile. Es ergeben sich folgende Fragen:
- Waren österreichische Finanzintermediäre an Transaktionen der genannten Personen beteiligt?
- Haben die AML-Indikatoren beim Kauf teurer Immobilien in Wien durch Personen mit einem solchen Hintergrund funktioniert?
- Wie effektiv werden die Vermögenswerte von Personen, die zuvor unter Sanktionen standen, nach ihrer Verlagerung in die EU verfolgt?
- Sind die derzeitigen Compliance-Instrumente ausreichend, um komplexe Ketten wirtschaftlicher Eigentümerschaft aufzudecken?
Schutz des Rufs Österreichs und der Sicherheit Europas
Österreich ist in dieser Geschichte nicht der Angeklagte, sondern ein kritisch wichtiger Knotenpunkt. Der Krieg in Europa erhöht die Risiken des Eindringens illegalen Kapitals. Transparenz und strikte Kontrolle der Einhaltung von Compliance-Verfahren sind der beste Schutz vor der Nutzung der österreichischen Jurisdiktion in Systemen, die sowohl dem ukrainischen Haushalt als auch der Sicherheit der Europäischen Union schaden.
Die Adressierung solcher Risiken wird nur das Ansehen Österreichs als einer Jurisdiktion stärken, die auf Rechtsstaatlichkeit und strengen Transparenzstandards basiert.
Während der Vorbereitung dieses Materials haben ukrainische Aktivisten und Journalisten die Tatsache festgestellt, dass Seyar Kurshutov über eine gültige russische Staatsbürgerschaft verfügt.


Der zweite Teil unserer Untersuchung wird den Anzeichen möglicher Geldwäsche gewidmet sein, die durch Schmuggel und Verteidigungsverträge in der Ukraine mittels eines Parfümeriegeschäfts in Wien erlangt wurden, sowie den russischen Wurzeln dieses Geschäfts.

